Hamburg  Abiturergebnisse: Schul-Ranking zeigt Tops und Flops im Norden

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 03.12.2024 17:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Veröffentlichte Abiturergebnisse enthüllen Bildungsgefälle in Norddeutschland. Foto: dpa/Bernd Wüstneck
Veröffentlichte Abiturergebnisse enthüllen Bildungsgefälle in Norddeutschland. Foto: dpa/Bernd Wüstneck
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Eine Statistik enthüllt Differenzen bei den Abiturleistungen in Norddeutschland. Was sagt das über Schulform und Schülerschaft aus? Bildungsforscher und Landesschülervertretung ordnen ein.

Welchen Abiturdurchschnitt hatten die Gymnasien und Gemeinschaftsschulen in Norddeutschland? Während Niedersachsen aus den Ergebnissen der jeweiligen Schulen ein Geheimnis macht, hat die Landesregierung in Schleswig-Holstein die Durchschnittsnoten zum Ende des Schuljahres 2023/24 ganz genau aufgeschlüsselt. Sie gehen aus einer Kleinen Anfrage des SPD-Abgeordneten Martin Habersaat hervor.

„Seit drei Jahren ist Schleswig-Holstein beim Abiturdurchschnitt Schlusslicht im bundesweiten Vergleich“, sagt Habersaat unserer Redaktion. Die Partei regte eine Vergleichsstudie mit Spitzenreiter Thüringen an, um mögliche Bewertungsunterschiede beim Abitur und Leistungsdifferenzen aufzudecken. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt.

Nachteile aus schlechten Abiturnoten ergeben sich vor allem bei zulassungsbeschränkten Studiengängen, für die der Numerus Clausus entscheidend ist.

Den besten Abiturdurchschnitt erreichte die Humboldt-Schule in Kiel mit einem Schnitt von 1,96. Auf Platz zwei und drei liegen das Ernst-Barlach-Gymnasium aus Kiel und die Stormarnschule in Stormarn mit einem Schnitt von 2,1 gleichauf.

Der Schulleiter des Spitzenreiters reagiert auf Anfrage unserer Redaktion verhalten zu dem guten Ergebnis seines Gymnasiums. „Ein Abiturdurchschnitt eines gesamten Jahrgangs von 1,96 im Jahr 2023 klingt erstmal gut, doch ist das nur eine Momentaufnahme, die nicht das ganze Bild widerspiegelt“, sagt Timo Off von der Humboldt-Schule. „Er berücksichtigt zum Beispiel nicht die Schülerinnen und Schüler, die das Abitur leider nicht bestanden haben. Hätten diese knapp bestanden, würde der Schnitt anders aussehen.“

Ein Vergleich mit den Durchschnittsnoten der Vorjahre ist nicht möglich, da sowohl Schulleitung als auch das zuständige Ministerium auf Anfrage angeben, die Daten nicht vorliegen zu haben.

Beim Ranking fällt auf, dass sich unter den Schulen mit den zehn besten Abiturdurchschnittsnoten ausschließlich Gymnasien befinden. In den Städten sind die Ergebnisse außerdem besser als im ländlichen Raum. Zudem wurden an den allgemein bildenden Schulen der kreisfreien Städte und Kreise meist bessere Durchschnittsnoten erzielt als an den berufsbildenden Schulen, wie die beiden folgenden Grafiken zeigen.

Eine Diskrepanz, die auch Bildungsforscher Olaf Köller vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel kennt. Vor einigen Jahren untersuchte er die Leistungen der Schüler an den beruflichen Gymnasien. „An diesen Schulen befindet sich eine andere Schülerschaft“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Die meisten kommen von einer Gemeinschaftsschule in die Oberstufe, haben ein geringeres Vorwissen und starten mit ganz anderen Voraussetzungen als jemand, der seit der fünften Klasse ein Gymnasium besucht.“

Auch an Gemeinschaftsschulen wird den Zahlen zufolge im Schnitt ein schlechteres Abiturergebnis erzielt. Das Beste absolvierte die Ida-Ehre-Schule im Kreis Stormarn mit einem Durchschnitt von 2,31. Unter den Schlusslichtern der insgesamt 194 Schulen befinden sich auffällig viele Waldorfschulen. Das Schlusslicht: Die Freie Gemeinschaftsschule Quickborn im Landkreis Pinneberg mit einem Notendurchschnitt von 3,63. Auf Anfrage unserer Redaktion teilt Schulleiter Maik Rädler mit, dass die Schule sich zurzeit noch im staatlichen Anerkennungsverfahren befindet und die Schülerschaft Prüfungen an einer Partnerschule ablegen muss. Die „Belastungssituation der Schülerinnen und Schüler“ sei dadurch „deutlich größer als an staatlich anerkannten Schulen“.

Es ist kein Geheimnis, so Köller, dass mit einer niedrigeren Leistung in der Oberstufe der Gemeinschaftsschulen und den beruflichen Gymnasien bessere Zeugnisnoten erreicht werden, weshalb ein Wechsel von einem Gymnasium sinnvoll sein kann. Durch das Zentralabitur würden die Leistungsunterschiede dann aber in den Durchschnittsnoten sichtbar. „Die Aufgaben und Korrekturvorgaben sind für alle gleich.“

Laut Lovis Eichhorn, Landesschülersprecher in Schleswig-Holstein, sollte man davon absehen, die erhobenen Zahlen überzubewerten, da die Aussagekraft begrenzt sei. „Uns stellt sich nicht die Frage, ob es gut, schlecht oder sinnvoll ist, diese Zahlen zu veröffentlichen, sondern inwiefern mit diesen Daten umgegangen wird. Es lässt sich daraus nicht ableiten, ob eine Schule besonders gut ist.“

Letzteres ist auch Bildungsforscher Köller wichtig: „Ich würde aus solchen Rankings niemals auf die Qualität von Schulen schließen. Die Schüler kommen mit unterschiedlichen Leistungen aus der Grundschule, haben unterschiedliche familiäre Hintergründe. In der Bildungsforschung sprechen wir von einer sogenannten Eingangsselektivität.“

Um Fehlannahmen zu vermeiden, hat sich übrigens auch das Kultusministerium in Niedersachsen entschlossen, die schulspezifischen Abitur-Durchschnittsnoten nicht zu veröffentlichen. „Ein besonders guter oder schlechter Durchschnitt sagt nichts über die Schulqualität aus. Es gibt immer schwankende Schülerschaften“, teilte das Ministerium mit.

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