Paar erinnert sich  Als es in Greetsiel noch (fast) keine Ferienwohnungen gab

| | 03.12.2024 17:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Christel und Walter Freund wohnen im Zentrum von Greetsiel. Foto: Weiden
Christel und Walter Freund wohnen im Zentrum von Greetsiel. Foto: Weiden
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Walter und Christel Freund gehörten Anfang der 70er Jahre zu den ersten Gastgebern in Greetsiel. Viele ihrer Gäste sind im Laufe der Jahre zu guten Freunden geworden.

Greetsiel - Als Walter und Christel Freund 1972 bei sich zu Hause die ersten Feriengäste begrüßten, waren sie damit einige der Ersten in Greetsiel. „Die ganzen Geistersiedlungen gab es hier damals noch nicht“, sagt Walter Freund. Zwar kamen auch damals schon viele Tagesgäste in das Fischerdorf, doch Übernachtungsmöglichkeiten gab es kaum. Auch der Tourismus selbst war deutlich weniger ausgeprägt, als das heute der Fall ist.

Christel und Walter Freund sind beide in Greetsiel aufgewachsen und kennen das Dorf so gut wie die eigene Westentasche. In dem Fischerdorf sah es in den 1950er und 60er Jahren noch anders aus. Vieles sei einfacher, beschaulicher, uriger gewesen. Landwirtschaft fand noch im Dorf statt. Dort, wo heute Schwimmbad und Supermarkt sind, grasten Kühe. „Wir sind im Paradies aufgewachsen“, sagt Walter Freund. Als Jugendlicher hatte er sich sein Taschengeld im Hafen verdient, wo er mit Pferden und Kutsche Güter von A nach B brachte. „Was hatten wir immer viel Spaß damals“, sagt er.

In dem Haus von Familie Freund gibt es drei Ferienwohnungen. Foto: Weiden
In dem Haus von Familie Freund gibt es drei Ferienwohnungen. Foto: Weiden

Förderung von 1000 Mark pro Ferienwohnung

Nach seiner Meisterprüfung als Radio- und Fernsehtechniker legte er 1969 einen weiteren Meister als Elektroinstallateur oben drauf und machte sich in einem kleinen Häuschen im Ortskern selbstständig. Dort lebten er und seine Frau mit ihrem Sohn und ihrer ersten Tochter zunächst in sehr einfachen Verhältnissen, wie sie sagen. Das Geschäft lief so gut, dass sich Familie Freund einen Neubau an der Hauener Hooge leisten konnte. 1971 zog die Familie in das Erdgeschoss. „Weil der Tourismus angekurbelt werden sollte, haben wir dann einen Zuschuss bekommen für Ferienzimmer im Obergeschoss“, sagt Walter Freund. Etwa 1000 Mark gab es vom Landkreis pro Ferienwohnung.

Der Greetsieler Ortskern Ende der 70er Jahre. Foto: Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft
Der Greetsieler Ortskern Ende der 70er Jahre. Foto: Bildarchiv der Ostfriesischen Landschaft

Von richtigen Wohnungen, wie man sie heute kennt, konnte zunächst aber noch keine Rede sein. Es waren eher, wie damals üblich, Fremdenzimmer mit Kochzeile. Das Frühstück brachte Christel Freund zu Beginn noch auf einem Tablett nach oben. Walter Freund holte die Urlauber vom Emder Bahnhof ab. „Das kam immer gut an bei unseren Gästen“, sagt sie. Zwar versorgen sich die Gäste heute selbst, doch um den ganzen Rest kümmert die Greetsielerin sich heute noch mit viel Hingabe. Sie verwaltet die Buchungen – damals wie heute ausschließlich telefonisch –, putzt die Zimmer, bezieht die Betten und sorgt dafür, dass sich die Gäste wohlfühlen.

Irgendwann kamen immer mehr Touristen nach Greetsiel

Das gelang und gelingt ihr offenbar so gut, dass die Gäste Jahr für Jahr wiederkamen. Oftmals kamen und kommen die Feriengäste aus Nordrhein-Westfalen und genießen daher sehr die Landluft: Die Freunds hielten Kaninchen und Pferde – sehr zur Begeisterung der Gäste. Die Kinder konnten miteinander spielen. Gemeinsame Ausflüge auf den Spielplatz oder ans Wasser gehörten zum Programm dazu. Walter Freund machte mit seinen Besuchern auch gern mal eine Rundtour durch die umliegenden Dörfer, schnappte sich sein Surfbrett oder brachte den Kindern schwimmen bei. Auch die sogenannten Butterfahrten haben sie noch gut in Erinnerung.

Damals ging es mit kleineren Schiffen oder Kuttern von Greetsiel aus zur Zollgrenze auf See, um dort vergünstigt Butter, Zigaretten oder Schnaps einkaufen zu können. Bei den Urlaubern war besonders der Schnaps beliebt, den sie dann abends im Garten der Freunds tranken. „Sie standen dann vorm Fenster und haben angeklopft. Wir kamen raus mit ein paar Schnapsgläsern und haben gemeinsam angestoßen“, sagt Christel Freund. Mit vielen ihrer Gäste haben sie enge Freundschaften gepflegt, wie auch die unzähligen Einträge in den Gästebüchern zeigen. Irgendwann, und auch das zeigen die Einträge in den Gästebüchern, wurde es immer mehr mit den Touristen in Greetsiel. Anfang der 80er Jahre entstanden erste „Geistersiedlungen“, wie Walter Freund sie nennt. Die Häuser darin waren meist nur im Sommer bewohnt, im Winter war es dort leer.

Gedicht über zu viele Touristen in Greetsiel

Einer ihrer Gäste schrieb deshalb im April 1985 ein Gedicht in das Gästebuch: „Ein Fischerdörfchen lag einst am Meer, am Rande der nördlichen See. Es ist ganz gleich, was für eines du meinst: Wenn du es siehst, ich wette, du weinst, längst ist es nicht mehr wie eh. (...) Schon stehn Ferienhäuser jetzt da, ein Kasten dem anderen gleich. Kitschläden kamen, Boutik und Bar. Rapide verschwinden die Schlote und Seen. Ich dokumentiere es schon Jahr um Jahr, wie in diesem einst lieblichen Arear, Natur und Idylle langsam vergehn. (...) Und schleichst du durch das veränderte Nest, kannst du an Häuser roh gepresst vor Autos dich rühren kaum.“

Dieses Gedicht hat ein Feriengast im April 1985 in das Gästebuch der Familie Freund geschrieben. Foto: Weiden
Dieses Gedicht hat ein Feriengast im April 1985 in das Gästebuch der Familie Freund geschrieben. Foto: Weiden

Auch Walter und Christel Freund finden heute, dass es an manchen Tagen zu viel ist mit den Gästen in ihrem geliebten Greetsiel. Wenn man mit dem Fahrrad nicht mehr durch den Ortskern fahren könne, zum Beispiel. Ein Teil der alten Greetsiel-Romantik sei im Laufe der Jahre verloren gegangen. Trotzdem: „Wir selber haben immer nur nette Gäste gehabt, da gab es nie Schwierigkeiten“, sagt Christel Freund. Und: „Ich empfinde es immer noch so schön hier bei uns in Greetsiel. Ich möchte nie woanders hin.“

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