Nach Putins Drohung  Schutzräume in Emden – was bleibt vom Bunker-Erbe?

| | 03.12.2024 19:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Einige Emder Bunker sind zu Wohnhäusern umgebaut. Die große Herausforderung: die meterdicken Wände. Foto: Päschel/Archiv
Einige Emder Bunker sind zu Wohnhäusern umgebaut. Die große Herausforderung: die meterdicken Wände. Foto: Päschel/Archiv
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Kaum eine Stadt der Größe Emdens hatte so viele Bunker im Zweiten Weltkrieg. Aktuell geht es um einen Bunker-Schutzplan für Deutschland. Hat Emden da gute Karten?

Emden - Emden galt bundesweit als eine der Städte mit den meisten Weltkriegs-Bunkern im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Noch heute stehen viele der Bauten – doch werden sie in dem Bunker-Schutzplan auftauchen, den das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe laut Medienberichten derzeit erstellt? Wohl kaum. Das Thema ist aktuell wieder hochgekocht, weil Russlands Präsident Wladimir Putin jüngst Unterstützern der Ukraine mit Raketenangriffen drohte.

Der Bunker am Hauptbahnhof ist sieben Stockwerke hoch. Foto: Hanssen/Archiv
Der Bunker am Hauptbahnhof ist sieben Stockwerke hoch. Foto: Hanssen/Archiv

Emdens Stadtsprecher Eduard Dinkela hatte schon im Mai 2022, also wenige Monate nach Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine, auf Nachfrage dieser Zeitung erklärt, dass es bis 2010 noch vier Schutzräume in Innenstadt-Bunkern gegeben habe. Der Bund hatte die Stadt nur bis dahin beauftragt, solche Räume vorzuhalten. „Das Thema Schutzräume spielte in den vergangenen Jahren bei einer Krisenbeurteilung keine Rolle. Sicherheitskonzepte sind seitdem nicht erstellt worden“, so Dinkela damals.

Was ist mit den Emder Bunkern heute?

Ab 1940 wurden in Emden 35 große Luftschutzbunker und weitere 141 splittersichere Kleinbunker errichtet. 31 der großen Bunker sind noch erhalten, sind aber größtenteils in Privathand und werden ganz unterschiedlich genutzt. Es gibt beispielsweise das Bunkermuseum, den Kulturbunker, Bunker für Bandproben, zu Wohnhäusern oder Lagerräumen umgebaute Bunker oder Bunker, auf denen Häuser stehen.

Im Bunker in der Fletumer Straße proben zahlreiche Bands. Foto: Hanssen/Archiv
Im Bunker in der Fletumer Straße proben zahlreiche Bands. Foto: Hanssen/Archiv

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben betreut nur noch zwei der Emder Bunker – nämlich den am Hauptbahnhof und den in der Hamhuser Straße im Herrentor-Viertel, erklärte Dinkela 2022. Der am Bahnhof war noch bis etwa 1996 offizieller Schutzraum. Jetzt wird der Keller und das erste Stockwerk von den Emder Modell-Dampffreunden als Werkstatt für die Minibahn genutzt. Die letzte Sanierung liegt Jahrzehnte zurück. Als wir uns im Mai 2022 dort umsehen durften, fiel auf, dass die oberen Stockwerke muffig und feucht sind. Das Dach müsste repariert werden, hieß es von den Dampffreunden.

Was macht der Bund wegen der Bunker?

Mit Beginn des Kriegs in der Ukraine war durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eine Bestandsaufnahme der noch öffentlich gewidmeten Schutzräume gestartet und im Mai 2023 dem Bundesministerium des Innern vorgelegt worden, heißt es auf der Website des Ministeriums. Demnach sind es von ursprünglich 2000 öffentlichen Schutzräumen in Deutschland aktuell noch 579 mit rund 480.000 Schutzplätzen.

Das Bunkermuseum hat im Juli 2023 eine Notfalltreppe bekommen. Dafür wurden Öffnungen in die meterdicken Wände geschnitten. Foto: Hanssen/Archiv
Das Bunkermuseum hat im Juli 2023 eine Notfalltreppe bekommen. Dafür wurden Öffnungen in die meterdicken Wände geschnitten. Foto: Hanssen/Archiv

In Niedersachsen sind es laut einem NDR-Bericht 58 Anlagen mit 25.000 Plätzen, die meisten von ihnen in Großstädten. In unsere Region sollen es nur etwa drei Anlagen sein, unter anderem im Landkreis Aurich. Laut NDR gibt es in Hamburg 33 öffentliche Schutzräume mit knapp 31.000 Plätzen. Schleswig-Holstein kommt auf 14 Schutzräume für rund 10.000 Menschen. Für einige Bundesländer wie etwa Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind gar keine Schutzräume erfasst. Die meisten Schutzräume gibt es in Baden-Württemberg mit 220 und in Bayern mit 156, hieß es im April 2022 von der Bundesregierung.

Der Bunker in der Graf-Ulrich-Straße ist kaum noch als Weltkriegs-Relikt zu erkennen. Foto: Päschel/Archiv
Der Bunker in der Graf-Ulrich-Straße ist kaum noch als Weltkriegs-Relikt zu erkennen. Foto: Päschel/Archiv

Aber: Einfach so einsatzbereit sind selbst die genannten Schutzräume nicht. „Die noch vorhandenen öffentlichen Schutzräume sind akut nur sehr begrenzt nutzbar“, heißt es vom Bundesamt. Kernaussage des erstellten Berichts ist demnach, dass eine Reaktivierung der wenigen und im Bundesgebiet sehr ungleich verteilten noch öffentlich gewidmeten Schutzräume grundsätzlich möglich ist. Zeit- und Kostenaufwand der Reaktivierung hängen ab von dem Schutzniveau, das die Schutzräume bieten sollen, heißt es vom Amt. Dabei stellt sich aber auch die Frage, was deren Reaktivierung bringt. Denn: Sie könnten nur einen winzigen Bruchteil der Bevölkerung schützen. Um alle knapp 85 Millionen Menschen in Deutschland zu schützen, müssten nach Einschätzung von Experten rund 210.000 Großbunker gebaut werden, heißt es vom NDR. Das würde rund 140 Milliarden Euro kosten.

Was wird stattdessen überlegt – etwa in Emden?

In Emden ist das Thema Katastrophenschutz nicht erst durch den Krieg in der Ukraine in den Fokus gerückt. Die Stadt zählt laut Stadtsprecher Dinkela zu den bundesweit wohl am besten mit Sirenen ausgestatteten Kommunen. Andere Kommunen wie etwa die Landkreise Aurich und Wittmund hatten seit 1992, als der Bund aus der Finanzierung flächendeckender Bestandssirenen ausgestiegen war, das Thema schleifen lassen und haben aktuell keine funktionierenden Anlagen. 120 neue sind aber geplant. Die Stadt Emden hat aktuell bereits 26 aktive Sirenen im gesamten Stadtgebiet, der Ausbau und die Modernisierung werden weiter geplant.

Wir haben zum Thema Zivilschutz aktuell bei der Stadt nachgefragt. Eduard Dinkela erklärt zunächst, dass „die Verantwortung und vor allem die Zuständigkeit für den Zivilschutz, einschließlich der Bereitstellung von Schutzräumen, beim Bund liegen“. Eine gezielte Sichtung und Bewertung von Bunkern oder anderen potenziellen Schutzräumen in Emden habe bislang nicht stattgefunden. Derzeit liege kein „explizites Sicherheitskonzept für den Bevölkerungsschutz in Bezug auf Schutzräume“ vor, so Dinkela. Da Schutzräume stark von der jeweiligen Gefährdungslage abhängen, könnten im Falle eines extremen Szenarios wie einem „Luftangriff“ lediglich öffentliche Gebäude wie zum Beispiel große Keller oder solide, gut gesicherte öffentliche Einrichtungen als denkbare Schutzräume in Betracht kommen. Diese könnten jedoch nur in sehr begrenztem Maße Schutz bieten und sind nicht für atomare Bedrohungen ausgelegt, erklärt der Sprecher.

Der Schutz der Bürger und Besucher von Emden habe für sie höchste Priorität. „Neben der leistungsfähigen Feuerwehr und dem Rettungsdienst sorgt die Stadt für eine enge Zusammenarbeit zwischen Katastrophenschutz und Zivilschutz, um im Ernstfall effektiv und schnell reagieren zu können. Auch der seit April letzten Jahres für den Zivilschutz zuständige Sachbearbeiter unterstützt dabei, die Bevölkerung umfassend und zielgerichtet zu informieren“, so Dinkela. Seit November 2022 wird die Bevölkerung beispielsweise verstärkt über die neun sogenannten „Katastrophenschutz-Leuchttürme“ informiert. Diese sind in den sieben Häusern der freiwilligen Ortsfeuerwehren, der Feuerwehrtechnischen Zentrale an der Brückstraße sowie der Nordseehalle eingerichtet. Beispielsweise kann sich die Bevölkerung im Falle eines großflächigen Blackouts, also Stromausfalls, dort informieren, Essen und Hilfe bekommen sowie die Kommunikationsmöglichkeiten dort nutzen. Alle „Leuchttürme“ sind mit Notstromaggregaten ausgestattet. Außerdem läuft die Kampagne „Sei vorbereitet!“, durch sie sich jeder auf unterschiedliche Katastrophenfälle vorbereiten könnte. „Das Thema Bevölkerungsschutz wird also kontinuierlich weiterentwickelt, wobei die konkrete Nutzung von Schutzräumen aufgrund der aktuellen Lage und der zurückliegenden Entwicklungen momentan keine vorrangige Rolle spielt“, schreibt Dinkela aktuell.

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