Brief an Bürgermeister Zehnjährige fordert Umbenennung der Hindenburgstraße in Leer
Die zehnjährige Sophia aus Leer wünscht sich, dass aus der Hindenburgstraße die Friedensstraße wird. Deshalb hat sie sich mit einem Brief an den Leeraner Bürgermeister gewandt.
Leer - Aus der Hindenburgstraße in Leer-Loga soll die Friedensstraße werden. Das jedenfalls wünscht sich die zehn Jahre alte Sophia Löhdefink aus Leer. „Ich finde es nicht richtig, dass die Straße Hindenburgstraße heißt“, sagt die Fünftklässlerin im Gespräch mit dieser Zeitung. Klar geworden sei ihr das nach einer Lesung vom Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg im Zollhaus im Oktober 2024. „Er hat von seinem Leben und den Taten der Nazis erzählt“, sagt Sophia. In der Schule werde das Thema erst ab der neunten Klasse behandelt.
Auch der frühere Reichspräsident Paul von Hindenburg und seine Rolle bei der Machtübernahme der Nazis sei bei der Veranstaltung zur Sprache gekommen. „Dann hat Sophia gesagt: Moment, wir haben doch in Loga eine Hindenburgstraße und hat mich gefragt, warum. Das konnte ich ihr nicht beantworten“, sagt Sophias Mutter Melanie Thiesbrummel. Die Lehrerin hätte dann mit ihrer Tochter über Hindenburg gesprochen – und geholfen, zu dem früheren Reichspräsidenten zu recherchieren.
Hindenburg hat Hitler zur Machübernahme verholfen
Paul von Hindenburg wurde 1925 Reichspräsident der Weimarer Republik. Nachdem er Adolf Hitler mehrfach als Regierungschef abgelehnt hatte, ernannte ihn Hindenburg am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler. In der Folge ermöglichte Hindenburg der NSDAP die Errichtung einer Diktatur. Am 1. Februar 1933 löste er den Reichstag auf und unterzeichnete „Notverordnungen“, die ab dem 4. Februar die Presse- und Meinungsfreiheit einschränkten und ab dem 28. Februar die Grundrechte außer Kraft setzten.
Damit ermöglichte Hindenburg den Nazis schreckliche Taten: Unter dem NS-Regime wurden Massenmorde in beispiellosem Ausmaß verübt. Die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten ermordeten sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Auch andere Gruppen wurden verfolgt – zum Beispiel Homosexuelle – oder ebenfalls zum Ziel von Massenmorden. Dazu gehörten sowjetische Kriegsgefangene, Roma und Menschen mit Behinderungen.
In Deutschland wurden schon Plätze und Straßen umbenannt
„Es wurden so viele Menschen umgebracht, dass es echt schlimm ist, dass diese schöne Straße nach so einem Menschen benannt ist. Er hat das gar nicht verdient“, findet Sophia. Deshalb hatte sie am 1. November einen Brief an den Leeraner Bürgermeister Claus-Peter Horst geschrieben. „Die Straße ist nach einem Mann benannt, der Adolf Hitler geholfen hat. Ich finde das falsch“, schreibt sie darin – und wiederholt es im Gespräch mit dieser Zeitung.
Außerdem macht sie den Bürgermeister darauf aufmerksam, dass schon mehrere Städte in Deutschland Straßen und Plätze, die nach Hindenburg benannt waren, umgetauft haben. Der frühere Hindenburgplatz in Münster heißt beispielsweise seit 2012 Schlossplatz. Auch die Hindenburgstraße in Hamburg soll umbenannt werden, wurde in diesem Jahr beschlossen. Das sollte auch in Leer passieren, findet die Zehnjährige. „Stellen Sie sich mal vor, dass zwei Menschen über Leer reden und herausfinden, dass es eine Hindenburgstraße gibt. Da würde Leer sich bestimmt blamieren“, schreibt Sophia. Den Inhalt des Briefs an den Bürgermeister habe sie selbst geschrieben, sagt sie. Ihre Mutter habe ihr lediglich geholfen, wenn sie sich bei Formulierungen unsicher war.
Sophias Vorschlag: Friedensstraße statt Hindenburgstraße
Eine naheliegende Idee für einen neuen Namen liefert Sophia gleich mit. „An der Straße steht die Friedenskirche. Also könnte man die Straße Friedensstraße nennen“, sagt sie. Eine Antwort vom Leeraner Bürgermeister hat Sophia gut eine Woche später erhalten. „Er hat sehr nett geschrieben“, sagt sie. In dem Brief, der der Redaktion vorliegt, schreibt Horst: „Es freut mich sehr, dass du dich für die Geschichte Deutschlands interessierst und dich insbesondere auch damit beschäftigst, was in der Zeit des Nationalsozialismus passiert ist.“ Das sei nicht selbstverständlich. „Gerade in der heutigen Zeit brauchen wir junge Menschen wie dich, die kritisch sind und ihre Meinung äußern“, schreibt der Bürgermeister weiter.
Für die Umbenennung einer Straße sei der Stadtrat zuständig, zunächst werde darüber aber im Kulturausschuss diskutiert. Über das Anliegen von Sophia wurden die Ausschussmitglieder in der Sitzung am 26. November informiert. Nun werde erst einmal innerhalb der Fraktionen über das weitere Vorgehen beraten. Wie sie reagieren würde, wenn die Straße keinen neuen Namen bekommt, weiß Sophia noch nicht. „Das kommt darauf an, welche Gründe sie haben“, sagt die Zehnjährige.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Leeraner Politik mit solch einer Thematik befasst. Nach langen Diskussionen über die Umbenennung der Bavinkstraße in der Leeraner Oststadt wurden dort Infotafeln aufgestellt, der Name bleibt. Das Handeln und Wirken des 1879 in Leer geborenen Bernhard Bavinks ist umstritten. Er war zwar ein namhafter und erfolgreicher Wissenschaftler, war aber auch ein Anhänger der Nationalsozialisten und hatte mit anderen die theoretischen Grundlagen für das Dritte Reich gelegt. Das hatten Recherchen des ehemaligen Leeraner Bürgermeisters Wolfgang Kellner ergeben.