Analyse zur Kaufkraft Emdens Lohn-Niveau ist hoch – das Einkommen der Emder aber niedrig
Im Unterschied zu den ostfriesischen Landkreisen hat Emden ein hohes Lohn-Niveau. Die Stadt ist attraktiv für Arbeitnehmer aus der Region. Doch die Emder selbst profitieren kaum. Eine Analyse.
Emden/Ostfriesland/Deutschland - Die Produktionsstandorte der Automobilhersteller sind ein Garant für ein hohes Lohnniveau – jedenfalls bisher gewesen. Das ist neben den gutgehenden Geschäften dem Verhandlungsgeschick der Gewerkschaft IG Metall geschuldet. Infolge hoher Tarifabschlüsse in der Automobilindustrie müssen andere Arbeitgeber in den Werksstandort-Regionen nachziehen – andernfalls kann es passieren, dass sie nur die Notlösung für Leute sind, die bei Volkswagen und Co. nicht genommen werden.
Beim monatlichen Medianentgelt liegt im Jahr 2023 der Audi-Hauptstandort Ingolstadt vorne: 5637 Euro. Dieses mittlere Einkommen der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten (ohne Auszubildende) wird von der Bundesarbeitsagentur errechnet. Auf Rang 2 unter den 400 Landkreisen und Kreisfreien Städten folgt die VW-Hauptstadt Wolfsburg: 5529 Euro.
Die herausragende Position des Arbeitsorts Emden in Ostfriesland
Auf Platz 43 rangiert der VW-Standort Emden mit 4106 Euro. Zum Vergleich: Das bundesdeutsche Medianentgelt liegt bei 3796 Euro, das niedersächsische bei 3627 Euro. Emden ist also 8 Prozent über dem Bundeswert. Die Landkreise Aurich (3313 Euro), Leer (3252 Euro) und Wittmund (3211 Euro) liegen hingegen deutlich darunter. Im Deutschland-Ranking stehen sie nur auf den Plätzen 318, 325 und 334 – von 400.
Im Jahr 2022 war das ähnlich. Und im Folgenden geht es um Daten aus dem Jahr 2022. Weil die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder für das Jahr 2023 noch keine „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ für die 400 Landkreise und Kreisfreien Städte in Deutschland veröffentlicht haben. Das entsprechende Statistik-Werk aus dem Jahr 2022 ist also das aktuellste seiner Art. Auch die Bundesregierung hat für ihren „Gleichwertigkeitsbericht 2024“ – einen Vergleich der regionalen Lebensverhältnisse – vielfach 2022er-Daten herangezogen.
Diese Arbeitseinkommen wurden in Emden im Jahr 2022 erzielt
Im Jahr 2022 lag Emden sowohl beim Monatsmedianentgelt als auch beim Bruttolohn beziehungsweise -gehalt pro Arbeitnehmer, in das laut Statistischem Bundesamt die Auszubildenden-Einkommen einfließen, über dem Bundesschnitt – beim Bruttoentgelt je Arbeitsstunde knapp darunter.
Demnach waren Löhne und Gehälter in Ostfrieslands größter Stadt je Arbeitnehmer um mehr als 10.000 Euro höher als in den Kreisen Aurich, Leer und Wittmund. Immer im Mittel betrachtet, anno 2022.
Die Werte, die in Emden von allen gemeinsam erarbeitet wurden
Betrachtet man im Vergleich dazu die Wertschöpfung am Wirtschaftsstandort Emden, so scheint diese die hohen Löhne zu erklären beziehungsweise zu rechtfertigen. Die Werte, die von allen gemeinsam erwirtschaftet werden, fließen in das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ein.
Das BIP wird von den Statistik-Ämtern nach dem „Inlandskonzept“ errechnet. Das heißt, es wird dort errechnet, wo es entstanden ist und folglich arbeitsort-orientiert angegeben. Das BIP liegt je (in Emden) erwerbstätiger Person 4,4 Prozent über dem Deutschland-Wert, pro Emder Einwohner gerechnet sogar 54,8 Prozent darüber. Dieser unterschiedliche Abstand zum Bundesschnitt ist so erklärbar, dass in Emden zahlreiche Arbeitnehmer aus umliegenden Landkreisen einpendeln. So viele, dass sie offensichtlich die Wertschöpfung pro Einwohner gerechnet in weit überdurchschnittliche Höhen treiben. Das VW-Werk dürfte der Hauptgrund sein.
Wertschöpfung und Einkommen je Emder – ein großer Unterschied
Vergleicht man die Wertschöpfung pro Einwohner mit dem „Verfügbaren Einkommen“ je Einwohner, dann erlebt man eine Überraschung. Das „Verfügbare Einkommen“ ist von den Statistik-Ämtern errechnet: Es handelt sich um den Geldbetrag, der durchschnittlich je Einwohner zum Ausgeben oder Sparen zur Verfügung steht. Es liegt in Emden fast 20 Prozent unter dem Bundesschnitt – obwohl das BIP pro Einwohner fast 55 Prozent über dem Bundesschnitt liegt.
Konkreter: In Emden werden pro Einwohner und Jahr (2022) Werte in Höhe von 71.619 Euro geschaffen – je Einwohner ist aber nur ein Einkommen von 20.857 Euro verfügbar. Das BIP je Einwohner beschert Emden im Deutschland-Ranking den 155. von 400 Plätzen. Beim Verfügbaren Einkommen je Einwohner ist es Platz 393 – nur sieben Landkreise oder Kreisfreie Städte schneiden schlechter ab.
Niedrige Einkommen treffen in Emden auf niedrige Preise
Mit Blick auf das niedrige Einkommen ist es besonders vorteilhaft, dass das Preis-Niveau in Emden relativ niedrig ist. Das haben das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) sowie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ausgerechnet – ebenfalls auf das Jahr 2022 bezogen. Sie haben sich dabei am „Warenkorb“ orientiert, mit dem das Statistische Bundesamt die Inflation berechnet. Darin sind laut der Statistikbehörde sämtliche von privaten Haushalten in Deutschland gekaufte Waren und Dienstleistungen enthalten. 85 Prozent dieses Warenkorbs konnten BBSR und IW nach eigenen Angaben mit ihren Preisdaten-Erhebungen abdecken.
Das Preis-Niveau in Emden liegt demnach mehr als 5 Prozent unter dem Deutschland-Schnitt. Die Wohnkosten sollen sogar fast 15 Prozent niedriger sein als im bundesweiten Mittel.
Die Kaufkraft der Bürger – das Realeinkommen der Emder
Bereinigt man das „Verfügbare Einkommen“ der Emder um den Effekt der niedrigeren Preise, entsteht mathematisch ein Realeinkommen von 21.964 Euro. Die Emder Einkommen legen bei der Preisbereinigung also rechnerisch um gut 1000 Euro je Einwohner und Jahr (2022) zu. Das ist ihr Kaufkraft-Gewinn aufgrund des niedrigen Preis-Niveaus. Im Deutschland-Ranking rangieren sie trotzdem nur Platz 390.
Im Ergebnis liegen die Einkommen je Einwohner in den drei ostfriesischen Landkreisen höher als in Emden, obwohl das Lohn-Niveau dort niedriger ist. Die Bevölkerung der Kreise Aurich, Leer und Wittmund profitiert entsprechend von den Arbeitsplätzen in Emden und anderen Gebietskörperschaften wie beispielsweise dem Emsland, wo tendenziell höhere Arbeitsentgelte gezahlt werden.
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