100. Geburtstag in Ardorf  Hinrich Brüling schätzt die Vorzüge moderner Technik

| | 06.12.2024 06:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hinrich Brüling aus Ardorf feiert am 6. Dezember 2024 seinen 100. Geburtstag. Foto: Ullrich
Hinrich Brüling aus Ardorf feiert am 6. Dezember 2024 seinen 100. Geburtstag. Foto: Ullrich
Artikel teilen:

Der gebürtige Blomberger Hinrich Brüling trainiert sein Gehirn am Tablet und düst mit dem Elektromobil durch Ardorf. Wenn ihm langweilig ist, steigt er aufs Trampolin. Am 6. Dezember 2024 wird er 100.

Ardorf - Am Freitag, 6. Dezember 2024, feiert Hinrich Brüling seinen 100. Geburtstag. „Wo ist die Zeit geblieben?“, fragt der Jubilar im Gespräch mit der Redaktion an seinem Küchentisch. Schwere Zeiten liegen hinter ihm, aber auch unzählige glückliche Momente. Der 100-Jährige lebt noch in einer eigenen Wohnung. Zwar gut umsorgt von seiner Familie, aber dennoch eigenständig. „Ich wundere mich ja, warum ich so alt geworden bin“, gibt er zu. Sein Schwiegersohn Theodor Tobias hat da seine ganz eigene Theorie: Mutter Insine Brüling wurde fast 102. Das seien ihre Gene. Wegen guter Pflege müsse Hinrich Brüling nun mindestens 104 Jahre alt werden, stellt Tobias lachend in Aussicht. Seine Frau Irmgard ist gelernte Altenpflegerin und kennt alle Tipps und Tricks, um ihren Vater auf Trab zu halten.

Am 6. Dezember 1924 erblickte Hinrich Brüling in Blomberg das Licht der Welt. Dort wuchs er auch auf. „Das war eine schöne Zeit.“ Er war das älteste von insgesamt sieben Kindern – seine Geschwister sind bereits alle verstorben. Nach dem Besuch der Volksschule in Blomberg traf man ihn oft in der Landwirtschaft seines Opas an. Dort lernte er das Zupacken und die Arbeit mit Tieren. „Da ging noch alles mit Pferden“, erinnert er sich. Trecker bekamen die meisten Bauern erst später. Am 6. Dezember 1942 fand die dörfliche Idylle ein jähes Ende, erzählt Hinrich Brüling: „Die schlimmste Zeit war, als ich zu meinem 18. Geburtstag eingezogen wurde.“ Er musste in die Viehhallen nach Leer und wurde von dort aus zunächst für ein Vierteljahr in die Grundausbildung und anschließend nach Russland an die Front geschickt, nahe Leningrad. Es sei eine unwürdige Episode gewesen: „Läuse und Wanzen waren ständige Begleiter.“

Schwere Zeit im Krieg und in Gefangenschaft

Rückblickend sind das die dunkelsten Jahre, die Brüling in seinem langen Leben erlebt hat: „Das waren schlimme Zeiten – Krieg und Gefangenschaft sind schlimm.“ In der Kesselschlacht von Kurland wurden die deutschen Soldaten ab Oktober 1944 eingeschlossen. Hier geriet er 1945 in Kriegsgefangenschaft, wo er bis Juni 1948 bleiben sollte. In einem Straflager bei Petrosawodsk im nördlichen Russland nahe der finnischen Grenze musste er zusammen mit anderen Strafgefangenen Holz schlagen.

Dieses Foto zeigt Hinrich Brüling im Jahr 1949 in Aurich. Repro: Ullrich
Dieses Foto zeigt Hinrich Brüling im Jahr 1949 in Aurich. Repro: Ullrich

Nach seiner Freilassung aus dem Straflager brauchte er drei Wochen mit dem Zug, um zurück in seine Heimat zu gelangen. „Wir haben im Viehwagen im Stroh gelegen“, berichtet er. Er kam bis nach Dunum: „Da ging es nicht weiter, dort war Halt.“ Von der Poststelle aus rief er die Familie an. Ein Nachbar kam mit der Pferdekutsche, um den abgemagerten jungen Mann abzuholen. Aus der Gefangenschaft sei er mit 118 Pfund (59 Kilo) zurückgekehrt – wenige Wochen später habe er schon 60 Pfund zugelegt.

Eine eigene Familie gegründet

Nach sechs Jahren in Russland nahm Brüling sein Leben in Blomberg wieder auf. Neben der Arbeit in der Landwirtschaft verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit Dreschen von Getreide für ein Lohnunternehmen, als Milchfuhrmann für die Molkerei in Blomberg oder als Torfstecher im Brockzeteler Moor. „Ich hab früher viel in der Torfindustrie gearbeitet.“ Schwere, körperlich anspruchsvolle Arbeit, doch Alternativen gab es eben keine. Mit einer großen und schweren Forke habe er die Soden verladen, die dann nach Tannhausen transportiert wurden.

Schon kurz nach seiner Heimkehr traf der Jubilar beim Bogenbinden auf Himma Ricklefs, die er 1949 heiratete. „Die schönste Zeit war, als ich mit meiner Frau zusammenkam.“ Im Jahr 1950 kam erst ihr Sohn Heino zur Welt, 1959 wurde dann Tochter Irmgard geboren. Hinrich Brüling hielt Kühe und Schweine, verlegte sich irgendwann komplett auf die Schweinezucht und später auf die Vermietung von Ferienwohnungen. Bis 1999 lebte das Ehepaar im gemeinsamen Haus in Blomberg. Dann verstarb seine Frau nach einem unentdeckten Herzinfarkt überraschend im Alter von 72 Jahren.

Ein rüstiger Rentner, der mit der Zeit geht

Durch eine Zeitungsannonce fand der Witwer mit Hima Gastmann noch einmal eine Frau an seiner Seite. Gemeinsam lebte das Paar zunächst in Ludwigsdorf: „Da war ich bekannt wie ein bunter Hund.“ Die Senioren unternahmen Reisen und genossen die gemeinsamen Jahre. Nach einem Umzug nach Ardorf in die Nachbarschaft von Tochter Irmgard und Schwiegersohn Theodor Tobias verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Seniorin zusehends. 2019 verstarb auch sie.

Hinrich Brüling lebt nun allein, aber Langeweile kommt bei dem rüstigen Rentner so schnell keine auf. Dank eines kleinen „Fuhrparks“ ist er mobil und regelmäßig im Ort unterwegs. Jetzt im Winter steigt er stets dick eingepackt auf sein Elektromobil und unternimmt kurze Ausflüge. Im Sommer dauern die Touren mitunter länger. „Bei schönem Wetter ist er gern draußen unterwegs“, weiß Theodor Tobias. Dann besucht Hinrich Brüling andere Senioren im Dorf, kommt mit den Nachbarn ins Gespräch oder fährt einfach herum. Für die Familie ist dann nur wichtig, dass er erreichbar bleibt: „Wenn er unterwegs ist, hat er sein Handy dabei.“

Und auch sonst hat der Senior die Vorzüge moderner Technik erkannt. An seinem Tablet löst er Puzzles und Wörterrätsel. „Das hält den Kopf fit“, stellt er klar. Und was braucht es sonst, wenn jemand wie er mit 100 Jahren noch für 80 durchgehen will? „Nicht rauchen, nicht trinken – das ist wichtig.“ Und in Bewegung bleiben. „Wenn ihm langweilig ist, steigt er auf sein Trampolin“, verrät sein Schwiegersohn. Sanftes Schwingen lockere und kräftige die Muskulatur. Langeweile dürfte in den kommenden Tagen allerdings nicht aufkommen, denn ein ganzes Jahrhundert muss gebührend gefeiert werden. Bei Hinrich Brüling geschieht das aufgrund der zahlreichen Gratulanten direkt an drei Tagen. Im Kreise seiner Lieben, zu denen neben zwei Kindern auch drei Enkel und vier Urenkel gehören, wird es sich der Jubilar gutgehen lassen – und in so mancher Erinnerung schwelgen.

Ähnliche Artikel