„Das haben wir nicht verdient“  Rhauderfehner Opti-Belegschaft schickt Fragenkatalog nach „ganz oben“

Marion Janßen
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Von Marion Janßen
| 06.12.2024 08:02 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Wilfried Specker (von links), Marcel Taubert und Guido Papencordt vom Betriebsrat haben von der Opti-Belegschaft einen zweieinhalbseitigen Fragenkatalog erhalten, den sie gerne von Axel Geuer von der Unternehmensgruppe Aequita in München beantwortet haben möchten. Foto: Janßen
Wilfried Specker (von links), Marcel Taubert und Guido Papencordt vom Betriebsrat haben von der Opti-Belegschaft einen zweieinhalbseitigen Fragenkatalog erhalten, den sie gerne von Axel Geuer von der Unternehmensgruppe Aequita in München beantwortet haben möchten. Foto: Janßen
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Die Mitarbeiter verlangen Antworten. Zum Beispiel auf die Frage, was Aequita für das Opti-Werk bezahlt hat. Und sie kritisieren Missstände.

Rhauderfehn - Die Stimmung in der Opti-Belegschaft ist auf dem Tiefpunkt. In der kommenden Woche wird vom Gericht geprüft, ob eine Einigungsstelle eingerichtet wird. Opti-Investor Aequita aus München hatte die Verhandlungen mit Betriebsrat und Gewerkschaft, in denen es um die Kündigung weiterer 25 Mitarbeiter geht, für gescheitert erklärt. Das sehen die Arbeitnehmervertreter anders. Die Mitarbeiter des Rhauderfehner Traditionsunternehmens kritisieren die fehlende Kommunikation mit der neuen Geschäftsführung. Nach der jüngsten Betriebsversammlung habe man genau so viele Fragen wie zuvor: „Wir finden es bedauerlich, dass ein klärendes Gespräch oder eine Annäherung bisher nicht stattfand.“

Die Belegschaft hat deshalb schriftlich einen umfangreichen Fragenkatalog zusammengestellt. Der soll „nach ganz oben“, an Dr. Axel Geuer, den Vorsitzenden des Verwaltungsrates bei Aequita, geschickt werden. Marcel Taubert, Guido Papencordt und Wilfried Specker vom Betriebsrat sowie Vertreter der Belegschaft (die aus nachvollziehbaren Gründen nicht namentlich genannt werden möchten) haben unserer Redaktion im Vorfeld ein Exemplar des Fragenkatalogs überreicht. Der macht deutlich, wie enttäuscht und auch erbost die Belegschaft über das Verhalten des Finanzinvestors ist, der das Werk 2023 übernommen hat. Und er gibt Einblicke, was bei Opti in letzter Zeit gelaufen ist.

„Auf uns konnte Opti immer zählen“

„Wir alle sind seit vielen Jahren hier beschäftigt. Im Winter frieren wir, weil die Heizungen nicht genug Leistung haben, im Sommer ist es unerträglich heiß, weil es keine Isolierung gibt, bei Regen steht neben unserem Arbeitsplatz ein Eimer“, verweisen die Mitarbeiter auf einen massiven Investitionsstau im Unternehmen. Und dennoch: „Opti war immer ein guter, fairer und sozialer Arbeitgeber, und wir haben eine fleißige Belegschaft mit tollen Kollegen/innen, die immer wieder bewiesen haben, dass wir da sind, wenn es heißt: Samstagarbeit, Mehrarbeit und Flexiarbeit. Wir lassen uns auf eine 35 Stunden Woche ein, wir haben auf Geld verzichtet: Auf uns konnte Opti immer zählen.“

Mit ihrem Fragenkatalog an Aequita sei die Opti-Belegschaft auf den Betriebsrat zugekommen, macht Betriebsratsvorsitzender Marcel Taubert deutlich. „Dabei decken sich viele Fragen mit denen, die wir auch haben und die in den Gesprächen offen geblieben sind.“

Zum Zukunftskonzept

Aequita behaupte, der Betriebsrat habe die Konzepte des Investors nicht kommentiert. „Uns sind keine Konzepte für die Zukunft bekannt, außer Personalabbau. Personalabbau ist kein Konzept, sondern ein Fehler im Management“, so die Belegschaft.

Sie möchte wissen: „Warum hat die von Ihnen eingesetzt Geschäftsführung (Dr. Markus Thoennes) auf der letzten Betriebsratsversammlung weder Aussagen über ein Konzept, noch über unsere Zukunft gemacht und offen und ehrlich mit uns gesprochen?“

Zu den Abfindungen

Es sei bekannt gewesen, dass die Firma Opti Germany GmbH unter Coats ein negatives Ergebnis hatte und auch für die Zukunft geplant wurde. Bei Firmenverkäufen sei es üblich, dass bei defizitären Firmen der Kaufpreis um eventuelle Sozial- oder Abfindungssummen gekürzt werde. Die Belegschaft möchte wissen, ob das beim Kauf von Opti auch der Fall gewesen ist. „Die Vorlage des Kaufvertrags würde Misstrauen unsererseits im Keim ersticken und Ehrlichkeit und Offenheit ihrerseits unterstreichen“, heißt es in dem Schreiben an Aequita.

Zum Investitionsstau

Ideen und Vorschläge aus der Belegschaft zur Verbesserung der Produktionsabläufe seien zu keinem Zeitpunkt gewollt gewesen. Außerdem seien keinerlei zugesagte Investitionen bemerkt worden. An den Anlagen und Maschinen sei seit der Übernahme durch Aequita nichts verbessert oder modernisiert worden. Auch dringende Instandsetzungsarbeiten, die nicht Automobil betrafen, seien nicht umgesetzt worden. Bis auf die „Jetzt-los-lauf-Tröte“ (Pausenklingel) und die „Hier-läuft-eine-Maschine-nicht!-Leuchte“ sei nichts repariert, erneuert, verbessert oder investiert worden.

Die Belegschaft fragt: „Waren Sie jemals daran interessiert, Opti und unsere Produkte mit uns gemeinsam erfolgreich zu machen? Wurde eine Optimierung durch Investitionen überhaupt jemals geplant – und wird es die auch in Zukunft nicht geben?

Zur Umlage an Aequita

Die Opti-Mannschaft habe das Gefühl, dass das Werk nur Spesen und Aufwendungen für Aequita übernehme. Hier stelle sich die Frage: „In welcher Höhe belaufen sich die Umlagen, die Opti an Aequita abführt? Bezahlt Opti Ausgaben, die Aequita verursacht oder für sich tätigt!? Welche Ausgaben sind das?“

Zum verlorenen Auftrag

Im Gespräch mit dem GA hatte Dr. Markus Thoennes, CEO der Opti Group (Geschäftsführer), gesagt: „Mit dem Auftragsverlust eines der größten Kunden verliert das Unternehmen 26 Prozent des Umsatzvolumens.“ Damit, so die Belegschaft, begründe Aequita die Absicht, bestehende Verträge über eine Standortsicherung bis Ende 2025 nicht einzuhalten und Kündigungen auszusprechen. Der Kunde, heißt es im Schreiben der Belegschaft, sei wegen einer Preiserhöhung abgesprungen.

Bei Opti in Rhauderfehn sollen wieder Mitarbeiter entlassen werden. Archivfoto: Janßen
Bei Opti in Rhauderfehn sollen wieder Mitarbeiter entlassen werden. Archivfoto: Janßen

In diesem Zusammenhang möchte die Belegschaft wissen: „Wie viel mehr muss dieser Kunde jetzt zahlen? War die Kündigung der Verträge voraussehbar, wurde sie billigend in Kauf genommen oder sogar beabsichtig? Mussten Sie nicht damit rechnen, dass sich nach einer „Erpressung mit Nichtliefern“ jeder Kunde verabschieden würde? Gab es eine Rückfalllinie, wie der Umsatzeinbruch kompensiert werden sollte?“

Zur Kundenakquise

Wiederholt habe Markus Thoennes bei Versammlungen auf die Bemühungen um Kundenakquise hingewiesen. Auch im Gespräch mit unserer Zeitung sagte Thoennes: „„Es erfolgt eine starke operative Einbindung von Gesellschaftern und Geschäftsführung, in den letzten vier Wochen wurden beispielsweise über 50 Kundentermine auf Geschäftsführungsebene wahrgenommen.“

Die Rhauderfehner Opti-Belegschaft möchte nun wissen: „Konnten Sie neue Kunden gewinnen und wenn ja welche Kunden sind es genau und wie sichert dieser Umsatz die Zukunftsfähigkeit der Firma? Was haben Sie bisher erreicht?“

Zum Stellenabbau

Aequita will bei Opti Germany GmbH in Rhauderfehn wieder Mitarbeiter entlassen, nachdem bereits im Frühjahr elf Kollegen ihren Job verloren haben. Jetzt geht es um 25 der noch verbliebenen knapp 120 Arbeitsplätze. Zudem, so Betriebsrat Taubert, sollen die Mitarbeiter „ohne Zahlung einer gesetzlich vorgeschriebenen Abfindung“ entlassen werden.

Die Belegschaft fragt in ihrem Brief: „Wie viel Geld sparen Sie damit ein? Was bringt das? Wer soll die Aufträge abarbeiten, wenn hier kaum noch Mitarbeiter beschäftigt sind?“ Außerdem möchten die Opti-Mitarbeiter natürlich wissen, ob es eine Liste mit Namen derer gib, denen gekündigt werden soll und in welcher Abteilung Stellen abgebaut werden.

Zum S64-Verschluss

Seit Monaten oder sogar Jahren sei bekannt, dass die Automotiv-Aufträge ein Minus einfahren, es aber einen großen Markt für den S64-Verschluss gebe. Vor diesem Hintergrund hat die Belegschaft eine ganze Reihe von Fragen: „Warum wurde nicht mit viel mehr Nachdruck und mehr Engagement daran gearbeitet, diesen erfolgversprechenden Reißverschluss in den Handel zu bringen? Sehen Sie eine Zukunft für dieses Produkt? Wird das Vorhaben S64 bei Opti in Rhauderfehn realisiert? Welche Produkte sollen hier in Rhauderfehn bei Opti entwickelt werden? Wer trägt die Kosten für die Entwicklung, die Anschaffung neuer Maschinen oder den Umbau der bestehenden Anlagen?“

Zur Zukunft des Standortes

Die Geschäftsführung hatte in der Vergangenheit betont, durch Vertriebsaktivitäten und Einkaufsverbesserungen das Unternehmen zukunftsfähig zu machen. Auch auf die Bemühungen, neue Kunden zu gewinnen, wurde verwiesen.

In diesem Zusammenhang stelle sich die Frage, warum der derzeitige Engpass dann nicht mit Kurzarbeit abgefedert werden könne. „Ihre großen Bemühungen, neue Kunden zu gewinnen, werden doch bestimmt bald Früchte tragen - oder schätzen Sie ihre Arbeit für uns als wenig gewinnbringend ein?“ Darüber hinaus möchte die Rhauderfehner Belegschaft wissen, was mit den Standorten in Estland und Italien geschieht. „Gibt es auch Auswirkungen für diese Unternehmen, wenn wir schließen müssen?“

Zum Umgang mit der Belegschaft

In der derzeitigen Situation fühlen sich die Mitarbeiter vom Finanzinvestor und ihrer Geschäftsleitung nicht mitgenommen – und nicht wertgeschätzt, wie im Gespräch mit der Redaktion ganz deutlich wurde. „Das sind Menschen, die hier 20, 30 Jahre gearbeitet haben. Die haben einen Anspruch auf eine Zukunft oder zumindest eine anständige Abfindung“, betont Betriebsrat Wilfried Specker. Die Arbeitnehmervertreter könnten die Forderung der Arbeitgeber deshalb nicht annehmen: „Wenn wir das unterschrieben, nähmen wir den einzelnen Betroffenen die Möglichkeit, gegen die Entlassung zu klagen. Die Stimmung sei ganz schwierig, sagt ein Mitarbeiter. „Es wird nur noch über die Entlassungen diskutiert. Und das auch noch vor Weihnachten.“

In dem Schreiben an Aequita macht die Belegschaft deutlich: „„Wir haben es nicht verdient, dass Sie so mit uns umgehen. Wir fordern Respekt und Anerkennung für unsere geleistete Arbeit und eine faire Behandlung. Bevor irgendjemand von uns einen Aufhebungsvertrag unterschreibt oder eine Kündigung akzeptiert, möchten wir wissen, wie es mit Opti weiter geht - dazu braucht es Ihre ehrlichen Antworten auf jede unserer Fragen.“ Was man nicht brauche, sei die Drohung: „Wenn Ihr den Kündigungen nicht zustimmt, seid Ihr schuld, dass es zur Insolvenz kommt!“

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