Borkum Alle reden über das Klaasohm-Fest: Eindrücke von der Insel Borkum
Ein NDR-Bericht über das Borkumer Klaasohm-Fest sorgte bundesweit für viele Diskussionen. Das Fest lief in diesem Jahr ohne den Brauch des Schlagens ab. Unsere Reporterin war den ganzen Tag vor Ort: drei verschiedene Perspektiven auf Borkums „höchsten Feiertag“.
Bislang wurde nicht viel über die Tradition des Klaasohm-Festes auf Borkum berichtet – das war den Borkumern vielleicht auch ganz recht: Frauen wurden auf offener Straße geschlagen und sie berichten anonym gegenüber verschiedenen Medien von einem Ausnahmezustand. Man wolle unter sich bleiben, heißt es als Begründung für die mangelnde öffentliche Traditions-Hinterfragung der vergangenen Jahre.
Und die Polizei? „Die leben alle selbst auf Borkum und haben in den vergangenen Jahren weggeschaut“, berichtet die gebürtige Borkumerin Margarete Jesko* im Gespräch mit unserer Redaktion. Sie möchte anonym bleiben, ihr vollständiger Name ist unserer Redaktion bekannt. Zu groß ist die Angst vor der sozialen Ausgrenzung und Anfeindungen auf der Insel. Sie spricht in einem geschützten Raum bei einer anderen Kontaktperson*. Sie befürchtet in ihrem eigenen Haus mit einer fremden Person gesehen zu werden.
Was sich anhört wie eine abgeschwächte Interpretation des Horrorfilm-Klassikers „The Purge“, in der in einer Nacht alle Gesetze außer Kraft gesetzt sind und alle Verbrechen legal sind, war für einige Borkumer Frauen bis vor Kurzem die Realität.
Doch in diesem Jahr sieht es vor Ort ohne Schläge anders aus: Die Klaasohms springen in die Menge wie Superstars bei einem Rock-Konzert. Fanatischer Jubel. Trotz Regen feiern die Menschen friedlich, mit einer so guten Stimmung, wie man sie sonst von Karnevalveranstaltungen und Musikfestivals kennt.
In diesem Jahr gab es ein größeres Polizeiaufgebot als in den vergangenen Jahren. Ausgelöst wurde der Polizeieinsatz durch das „große, überregionale Medieninteresse“, wie es in einer Pressemitteilung der Polizei heißt. Auf die Frage, mit wie vielen Kräften die Polizei im Einsatz ist, machte Pressesprecher Malte Hagspihl vor Ort nach eigener Aussage aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angabe.
Nach dem Fest zieht die Polizei eine positive Bilanz: Rund 500 Personen nahmen an dem Festzug in der Borkumer Innenstadt teil – dazu kamen noch einige Zuschauer. Der Polizei seien im Zusammenhang mit dem Fest im Jahr 2024 „keine Fälle von Körperverletzungen oder etwaigen Übergriffen bekannt geworden“. Alles blieb friedlich. Das nahmen auch die Borkumer wahr. „Ihr langweilt euch, oder?“, fragte einer der Festbesucher einen Polizisten – dieser nickte.
Vor Ort wurde bei einer Pressekonferenz bekanntgegeben, dass gegen einen 18-Jährigen ermittelt werde, wegen des Verdachts auf gefährliche Körperverletzung in vier Fällen an einem Klaasohm-Fest der vergangenen Jahre.
Bislang seien diese Anzeigen nicht bei der Staatsanwaltschaft eingegangen. „Hintergrund ist, dass die Verfahren noch laufen“, sagte der Pressesprecher. Zuvor hatte die „Nordwest-Zeitung“ berichtet.
Außerdem gab der Vereinsvorsitzende und Oldermann Maximilian Rau zu, dass er ebenfalls Frauen geschlagen habe, als er nach eigener Aussage 2018 selbst Klaasohm war.
Auf die Frage, ob das strafrechtlich relevant sei und verfolgt werde, antwortete Hagspihl, dass jedem Hinweis auf ein Delikt nachgegangen werde.
Andere fahren an Weihnachten zu ihren Eltern – die Borkumer kommen an Klaasohm zurück auf die Insel. Es ist das Zusammenkommen, das gefeiert wird, sagte Bürgermeister Jürgen Akkermann (parteilos) in zahlreichen Interviews. Der Brauch ist eindeutig mit dem Borkumer Jungens Verein verknüpft und wird von diesem durchgeführt.
Die Beziehung zwischen dem Jungensverein und der Stadt Borkum beschreibt der Bürgermeister als gut. Die Aufgabe des Vereins sei es unter anderem, die Denkmäler zu pflegen, den Strand zu säubern und Spenden für das Altersheim zu sammeln. Wenn ein Einsatz auf der Insel gefordert ist, springt der Jungensverein ein.
Dass der Brauch darauf zurückgeht, dass die Männer nach dem Walfang wieder ins Dorf zurückkehrten und die Frauen durch Schläge wieder einnorden mussten, verneinten Akkermann und Rau während der Pressekonferenz. Woher der Brauch wirklich kommt? Bürgermeister Jürgen Akkermann äußerte sich so im Interview:
Frage: Herr Akkermann, woher kommt der Brauch des Klaasohms denn nun eigentlich?
Antwort: Die Ursprünge des Festes liegen tatsächlich im Dunkeln. Wir wissen gesichert, dass der Jungsverein, der das hier betreibt, 1830 gegründet wurde. Das Fest ist aber schon älter. Ob das im Zuge der Christianisierung entstanden ist – das weiß keiner. Wo dieser Brauch herkommt und dass es ein reines Männerfest ist, kann auch keiner mehr nachvollziehen.
Frage: Wie kommt man denn in den Verein der Borkumer Jungens?
Antwort: Junge Männer können ab 16 aufgenommen werden. Sobald man heiratet, ist man wieder raus.
Frage: Woher kommen denn die Masken, die die Klaasohms tragen?
Antwort: Woher die Helme genau kommen, kann ich Ihnen nicht sagen. Diese Masken finden Sie in verschiedensten Formen auch in anderen Kreisen, beispielsweise auf Ameland, wo das Fest in ähnlicher Form gefeiert wird. Aber die Masken sehen dort anders aus.
Frage: Sie waren bei dem Fest in Ihrer Jugend dabei. Wie läuft so ein Kampf zwischen den Klaasohms ab?
Antwort: Das ist ein ritualisierter Ringkampf, der dauert nur kurz. Da wird eigentlich nur klargestellt, dass der Große den Mittleren besiegt und der Mittlere den Kleinen. Das geht sehr gesittet ab. Das ist ja sozusagen eine Art Wrestling. Der Oldermann hält erst eine kurze Einstimmungsrede und der Männerchor singt ein paar Lieder. Dann beginnt der Kampf.
Frage: Dass keine Außenstehenden oder Frauen mit zum Kampf dürfen, wird mit der Tradition begründet, oder?
Antwort: Genau, da dürfen auch nur Borkumer rein. Früher war es ganz streng: Da durfte man nur rein, wenn man hier geboren ist. Heute darf jeder rein, der zehn Jahre auf der Insel wohnt und männlich ist.
Frage: Können Sie sagen, ab wann das umgeändert wurde?
Antwort: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich war davon noch nicht betroffen, als ich hier geboren bin. Aber das gibt es ja auch gar nicht mehr. Dadurch, dass hier keine Kinder mehr geboren werden, müssen Traditionen umgeändert werden. Es ist ein Brauch, der im stetigen Wandel ist.
Frage: Aber warum wurde der Brauch des Schlagens nicht eher hinterfragt und rausgenommen?
Antwort: Der Wandel hat nach Rückmeldung von Borkumerinnen vor circa zehn Jahren stattgefunden, nachdem es dort zu ähnlichen Übergriffen gekommen war. Was man sich vorwerfen muss, ist, dass man dem nicht nachdrücklicher nachgegangen ist. Dann hat es nach der Corona-Pause noch einmal eine klare Ansage gegeben – gegen Gewalt. Es ist ja auch relativ leicht, weil man eigentlich bloß die sieben Klaasohms briefen muss, damit sie nicht mehr schlagen. Außerhalb dieser Figuren ist es nie zu Gewalttaten gekommen.
Zu diesem Brauch – woher er auch kommen mag – gehört ein von Männern geprägtes und dominiertes Rollenbild. „Die Eltern der Klaasohms feiern es, wenn ihr Kind ausgewählt wird: Sie haben einen Klaasohm geboren. Sie denken, das ist das höchste, was ein Borkumer werden kann“, erzählt Margarete Jesko*.
Einer Frau hingegen kann niemals diese Ehre zuteilwerden. Die Befürworterinnen des Festes würden nach Aussagen Jeskos* das Fest mittragen. Grünkohlessen müssen organisiert und Häuser für Besucher vorbereitet werden. Nicht umsonst genießen zahlreiche Frauen die Feier und gehen für den Erhalt des Festes auf die Straße.
Warum sie das Fest meidet? Sie fasst ihre Teetasse fester. „Wenn ich die Glocke hör, löst das bei mir Panik aus. Ich bin als Jugendliche über Hecken und Zäune gesprungen und wusste nicht mehr, wo ich war.“
Sie möchte als erwachsene Frau nicht verprügelt werden und hat in den vergangenen Jahren sogar schon mit dem Gedanken gespielt, wegen des Schlagens auf das Festland zu ziehen. Dabei ist sie auf Borkum aufgewachsen. Die Insel ist ihr Zuhause. Konkrete Pläne habe sie aber nie geäußert.„Der Gedanke verschwindet aber bald wieder, wenn das Fest vorbei ist“, meint sie.
Was sich ändern müsste, dass sie hingeht? „Vielleicht bin ich heute Abend dabei. Ich wäre es auf jeden Fall gerne – wegen der Gemeinschaft“, sagt sie am Nachmittag des 5. Dezembers. Jetzt, wo das Schlagen abgeschafft wurde, wäre es für sie eine Option.
Nächstes Jahr sei es für die Borkumer die Bewährungsprobe, ob sich wirklich etwas geändert hat oder ob alles wieder zum Alten zurückkehrt, wenn nicht ein ganzes Land auf die größte der ostfriesischen Inseln schaut.
*Die vollständigen Namen sämtlicher Kontaktpersonen, mit denen unsere Reporterin auf der Insel Borkum in Kontakt stand, sind unserer Redaktion bekannt.