Berlin FDP setzt alles auf Christian Lindner - das birgt ein großes Risiko
Niemand außer Christian Lindner ist auf den Plakaten der FDP für die Bundestagswahl zu sehen. Die One-Man-Show könnte diesmal schief gehen.
Überall nur Lindner. Die FDP geht mit ihrer Kampagne für die vorgezogene Neuwahl ein erhebliches Risiko ein. Natürlich: Der langjährige FDP-Vorsitzende Christian Lindner beherrscht Wahlkampf wie kaum ein anderer. Mit einer Mischung aus überraschender Kampagne, rhetorisch glänzenden Auftritten und wenigen, aber klaren Botschaften legte das liberale Polit-Talent sowohl 2017 als auch 2021 jeweils eine Aufholjagd hin, die ihresgleichen sucht. Diesmal, so scheinen FDP und vor allem Lindner selbst anzunehmen, wird es wieder gelingen. Schon oft wurden seine Liberalen totgesagt, immer wieder sind sie unter seiner Führung stärker als erwartet zurückgekehrt. Warum nicht auch jetzt?
Weil die Lage eine gänzlich andere ist als vor den vergangenen Bundestagswahlen. Erstens hat die FDP durch die letzten Landtagswahlen, bei denen sie in Thüringen, Sachsen und Brandenburg krachend scheiterte, an Präsenz in der Fläche verloren. Schwerer aber wiegt die Täuschung der Öffentlichkeit über den minutiös geplanten Ampel-Ausstieg. Über die geschmacklose Wortwahl - von „D-Day” bis „offene Feldschlacht” - wird der eine oder andere Wohlgesinnte hinwegsehen. Doch die Glaubwürdigkeit von Christian Lindner selbst ist erschüttert worden.
Den Plan zum Ampel-Ende nennt er inzwischen ein „Praktikanten-Papierchen” - als würden im Genscher-Haus Praktikanten selbsttätig einen Regierungssturz vorbereiten. Wer soll das glauben? In dieser Lage allein auf ihn zu setzen, ist hochgefährlich. Was, wenn doch noch Beweise auftauchen dafür, dass er in alle Pläne eingeweiht war oder sie sogar selbst in Auftrag gegeben hat? Die FDP macht einen Wackelkandidaten zum Gesicht ihres Wahlkampfs.
Obwohl eine Mehrheit der Bevölkerung das Ende der Regierung herbeisehnte, hält sich die Dankbarkeit gegenüber Christian Lindner bisher in Grenzen. In den Umfragen verharrt seine FDP weiter unter fünf Prozent. Menschen lieben bekanntlich den Verrat - aber nicht den Verräter. Warum die Liberalen in dieser Lage nicht wenigstens auf ein breiteres Personaltableau setzen, bleibt ihr Geheimnis.