Gladbach  Bundesliga-Fernsehen feiert Geburtstag: Vor 40 Jahren war das erste Spiel im Live-TV

Michael Novak
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Von Michael Novak
| 11.12.2024 16:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Borussia Mönchengladbach gegen FC Bayern: Der Klassiker der 80er Jahre war vor 40 Jahren das erste Bundesligaspiel, das im Fernsehen übertragen wurde – und gleichzeitig das erste Wiedersehen für Lothar Matthäus und Gladbach nach seinem Wechsel nach München. Foto: IMAGO/Kicker/Eissner
Borussia Mönchengladbach gegen FC Bayern: Der Klassiker der 80er Jahre war vor 40 Jahren das erste Bundesligaspiel, das im Fernsehen übertragen wurde – und gleichzeitig das erste Wiedersehen für Lothar Matthäus und Gladbach nach seinem Wechsel nach München. Foto: IMAGO/Kicker/Eissner
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Dichter Nebel brachte vor 40 Jahren die Bundesliga live ins Fernsehen. Bei der ARD wurde die Bundesliga-Premiere eher improvisiert, als von langer Hand geplant. Sportschau-Legende Heribert Faßbender war dabei – als erster TV-Kommentator der Bundesligageschichte.

Heribert Faßbender (83) erinnert sich gut an diesen „Meilenstein der Fußballberichterstattung im deutschen Fernsehen“ vor 40 Jahren. Damit spricht der langjährige Sportchef des Westdeutschen Rundfunks (WDR) und Chef der ARD-“Sportschau“ eine Uraufführung an: Am 11. Dezember 1984 wurde mit dem Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach gegen den FC Bayern München erstmals eine Bundesliga-Begegnung live und bundesweit im TV gezeigt.

Geplant war dies freilich nicht, geschweige denn Bestandteil eines vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit dem „Ersten“ und dem Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) geschlossenen Vertrags – die gerade gegründeten privaten Anbieter RTL plus und Sat.1 wurden beim Fußball erst später Konkurrenten für die öffentlich-rechtlichen Anstalten.

Wesentlichen Einfluss hatte eine schlechte Laune der Natur: Borussia Mönchengladbach konnte von einem mittwochs bei Widzew Lodz (0:1) ausgetragenen Spiel im UEFA-Cup (heute UEFA Europa League) wegen Nebels nicht aus Polen zurückfliegen, landete erst am folgenden Samstag wieder daheim: Um 17.15 Uhr, als das vom DFB abgesagte Spiel gegen den FC Bayern an diesem 10. November 1984 hätte abgepfiffen werden sollen. Die unfreiwillig lange Dienstreise ärgerte Borussia-Präsident Dr. Helmut Beyer fast wie der UEFA-Cup-K.o. In Anspielung auf Vicky Leandros’ Nummer-eins-Ohrwurm sagte er: „Wenn irgendeiner jetzt zu Hause dieses Lied spielt, dieses Theo, wir fahr’n nach Lodz – dann vergesse ich mich.“ Weil in der so besungenen Stadt alle Hotels ausgebucht waren, musste der Tross auch noch per Bus nach Warschau reisen.

Das Nachholspiel wurde auf Dienstag, den 11. Dezember, terminiert. An diesem Tag war keine andere Bundesliga-Begegnung angesetzt. So stand das Thema „Bundesliga live“ plötzlich auf der Agenda des turnusmäßigen Treffens zwischen DFB und der TV-Rechte-Kommission von ARD und ZDF, in der je ein Intendant, Justitiar und Sportchef vertreten waren. Jurist Faßbender war seit 1982 Mitglied dieses Gremiums: „Damals waren DFB-Präsident Hermann Neuberger und Kollegen lange Zeit skeptisch. Live-Fußball im TV hatten sie bis dahin nur für Länderspiele, Europacup und DFB-Pokalfinale zugelassen. Noch mehr Fernseh-Live-Übertragungen würden sich nachteilig auf den Zuschauerbesuch in den Bundesliga-Stadien auswirken. Das Gegenteil war der Fall. Das Live-Erlebnis am Bildschirm wurde zum Appetitmacher für den Stadionbesuch.“

Stimmungsaufheller konnte der deutsche Fußball nach dem enttäuschenden Vorrunden-Aus für die Nationalelf bei der EURO 1984 in Frankreich gut gebrauchen. Durch Tennis mit dem Hype vor allem um Boris Becker und eben solchen Live-Events kam zudem bald echte Konkurrenz auf. Nun brachten Wetterkapriolen für den Fußball die unverhoffte Chance, ein attraktives Spiel live zu präsentieren. „Hermann Neuberger entschied für den DFB: Dann machen wir das jetzt mal“, so Heribert Faßbender. Überliefert ist ein TV-Honorar von 135.000 D-Mark.

Mit dem Zuschlag von DFB-Seite und der finanziellen Einigung waren noch nicht alle Hürden für den neuen TV-Akt der Bundesliga-Geschichte überwunden, weil der Anstoß um 20.00 Uhr erfolgen sollte. Punkt acht, eigentlich unverrückbar Beginn der „Tagesschau“. Heribert Faßbender ordnet die Verlegung der Hauptnachrichtensendung zugunsten der Bundesliga ein: „Dass die 20.00-Uhr-,Tagesschau’ erst in der Halbzeit des Spiels und nur in Kurzform lief, hatte es vorher noch nicht gegeben.“ Zudem musste „Monitor“ vom eigentlichen 20.15-Uhr-Sendeplatz in den späten Abend weichen, weil der Fußball bei einer Abstimmung in der Programmkonferenz mit 5:4 die Oberhand gegen das Politmagazin behielt.

So hieß es „’n Abend allerseits“: Vom Bökelberg, der mit 33.000 Fans ausverkauften damaligen Gladbacher Heimspielstätte, schickte Kommentator Heribert Faßbender seine kultige Begrüßung in die Wohnzimmer. „Ein spannendes Spiel“ (Faßbender) bekam zusätzliche Brisanz durch die erste Rückkehr von Lothar Matthäus nach seinem Wechsel zu den Münchnern. Zumal der spätere Weltmeister in jugendlichem Leichtsinn geäußert hatte, „so etwas“ wie in Polen „kann nur den Gladbachern passieren“. Woraufhin Borussia-Manager Helmut Grashoff ihm Zugangsverbot für das Klubhaus erteilte und Matthäus mit Schmähungen empfangen wurde.

Auf dem Platz gewann Gladbach mit Trainer Jupp Heynckes, der seinem jetzigen Kontrahenten Udo Lattek bei den „Fohlen“ 1979 nachgefolgt war, mit 3:2. Somit blieb es zum Ende der Hinrunde bei nur zwei Zählern Vorsprung für die Münchner auf Verfolger SV Werder Bremen, noch nach Zwei-Punkte-System, und spannend bis zum Saisonschluss. Erst am letzten Spieltag sicherte sich der FC Bayern die Deutsche Meisterschaft vor den Hanseaten. Den zwischenzeitlichen Sprung auf den dritten Tabellenplatz feierten an diesem fußballhistorischen Abend die Borussen. „Die Videorecorder waren programmiert“, so Torhüter Ulrich Sude: „Nachts um drei“ wurde das komplette Spiel auf Kassette geschaut.

Zur Regel wurden Live-Übertragungen aus der Bundesliga noch lange nicht. Es gab nur Ausnahmen wie die Titelentscheidung 1986 zwischen Werder und Bayern mit Michael Kutzops Elfmeter-„Fahrkarte“ auf Sat.1. Zu einer allwöchentlichen Einrichtung wurde das live gezeigte Topspiel erst ab 1991 bei Premiere (heute Sky), auf die Übertragung aller neun Begegnungen eines Spieltags mussten die Fans gar bis zur Saison 2000/01 warten.

Dichter Nebel hatte 1984 erstmals Bundesliga-Fußball im Fernsehen ermöglicht. Die Borussia blieb „wetteranfällig“. In der Winterpause, kurz nach dem missratenen Ausflug nach Polen, führte ein Sandsturm am eigentlichen Reiseziel Kairo auf dem Weg zu einem Testspiel in Ägypten für die Gladbacher zu einem mehrtägigen Zwischenstopp auf Zypern. Und in der Bundesliga-Rückrunde wurde die Begegnung mit Borussia Dortmund Ende Februar 50 Minuten vor dem geplanten Anpfiff abgesagt, wieder wegen Nebels – dieses Mal aber ohne Live-Übertragung der Neuansetzung.

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