Landwirtschaft in Ostfriesland Muss man wieder mit Bauernprotesten rechnen?
Die Gewinne der Bauern sind „dramatisch“ eingebrochen. Hinzu kommen Ärger und Sorge wegen des Mercosur-Abkommens. Treibt das die Bauern wieder auf die Straße?
Leer/Berlin - Die Landwirte in Deutschland haben nach guten Geschäften nun wieder spürbar weniger verdient. Im Ende Juni abgelaufenen Wirtschaftsjahr 2023/24 sank der Gewinn der Unternehmen im Schnitt auf 77.500 Euro, wie der Bauernverband in Berlin mitteilte. Dies lag um 29 Prozent unter dem Rekordniveau des Wirtschaftsjahres zuvor. „Es ist außergewöhnlich, aber man kann wirklich sagen: Übergreifend über alle Betriebszweige ist der Gewinn auch in Ostfriesland um fast 30 Prozent eingebrochen“, sagt Manfred Tannen, Präsident des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland (LHV). Nach Einschätzung des Deutschen Bauernpräsidenten Joachim Rukwiek ist diese Entwicklung „dramatisch“.
Laut Tannen habe der Einbruch „damit zu tun, dass die Erzeugerpreise weiter unter Druck geraten sind.“ Lediglich in der Schweinehaltung seien die Ergebnisse etwas besser. Zu schaffen machten den Landwirten besonders die Preisrückgänge bei wichtigen pflanzlichen und tierischen Produkten wie Milch, Getreide und Fleisch. Zugleich seien die Kosten etwa für Energie in Deutschland weiter hoch.
Bauern sorgen sich um Wettbewebersfähigkeit
Auch deshalb befürchten die Bauern weitere Einbußen durch das geplante Mercosur-Abkommen. Die EU-Kommission hatte vor wenigen Tagen mitgeteilt, Verhandlungen über eine riesige Freihandelszone mit dem südamerikanischen Staatenbündnis Mercosur abgeschlossen zu haben. Die Mercosur-Staaten sind Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay. Der Einigung muss noch das EU-Parlament zustimmen. „Die Sorge ist, dass dann der Druck auf die Erzeugerpreise noch weiter zunimmt durch Produkte, die nicht zu unseren Standards produziert werden und kostengünstiger sind. Die Bauern in Deutschland müssen strenge Vorschriften einhalten und werden kontrolliert. Es gibt aber keine Kontrollinstanz, die etwa die Rinderzuchtstandards in Argentinien überprüft und angleicht“, erklärt Tannen. „Wir fragen uns schon, wo unsere Wettbewerbsfähigkeit bleibt.“
Oder wie es Niedersachsens Landvolk-Vizepräsident Hubertus Berges formuliert: „Das bedeutet dann für uns Landwirte, dass wir auf unterschiedlich große Tore schießen: Aufgrund der hohen Auflagen, die wir haben, müssen wir sozusagen präzise ein Eishockeytor treffen, während wir der südamerikanischen Konkurrenz quasi das ganze Scheunentor als Trefferfläche anbieten. Das ist unfair.“ Wegen der Exportinteressen einzelner Industriebereiche werde vieles, was Europa an Umwelt und Klimaschutz oder auch an Tierwohlstandards hat, faktisch umgangen. „Das verzerrt den Wettbewerb und ist nicht akzeptabel“, so Berges.
Stehen Betriebe vor dem Aus?
Der Preiseinbruch auf dem Markt könnte dazu führen, dass wieder Betriebe in Deutschland aufgeben müssten. „Den Strukturwandel haben wir ja leider stetig. Der ist natürlich auch davon abhängig, wie sich die Erzeugerpreise entwickeln“, sagt Tannen. Wie viele Betriebe in Ostfriesland auf der Kippe stehen, dazu will er keine Einschätzung abgeben. Über das Mercosur-Abkommen gebe es aber „viel Unmut“.
Bundesagrarminister Cem Özdemir hingegen sieht keine existenzielle Bedrohung für Bauern durch das Handelsabkommen. Man habe darauf geachtet, dass die Interessen der Landwirte nicht unter die Räder kommen, sagte der Grünen-Politiker. Man müsse Export- und Schutzinteressen für den einheimischen Markt abwägen. „Ich glaube, dass uns das hier ganz gut gelungen ist.“
„An dieser Äußerung sieht man, dass die Sorgen der Landwirtschaft gar nicht ernstgenommen werden“, findet Tannen. „Man hätte den Deutschen Bauernverband in die Diskussion über das Abkommen einbinden können. Das ist aber nicht passiert.“ Tannen betont: „Man muss immer damit rechnen, dass wieder Bauernproteste stattfinden. So ein Abkommen trägt ja nicht zur positiven Stimmung bei den Landwirten bei.“
Mit Material von DPA