Bahn schließt Norder Reisezentrum Ein Abschied mit viel Wehmut
Das Reisezentrum der Bahn in Norden schließt. Mitarbeiter Dirk Plum verabschiedet sich nach zwölf Jahren. Ab sofort übernimmt ein Video-Reisezentrum – doch der Datenschutz ist ein Problem.
Norden - Ein letztes Mal am angestammten Arbeitsplatz, ein letztes Mal „seinen“ Kunden dabei helfen, eine Reise zu buchen oder den Busersatzverkehr zu finden. Um 17 Uhr am Freitag ist dann Schluss: Das Reisezentrum der Deutschen Bahn in Norden ist Geschichte. Bahn-Mitarbeiter Dirk Plum, der seit zwölf Jahren die Kunden hinter dem Tresen mit einem Lächeln empfing, schloss die Türen hinter sich zu. Es wird ein Moment mit viel Wehmut – das ist Plum schon vohrer anzusehen. Sagen darf er nichts. Weder zur Schließung noch darüber, wie es ihm geht. Das will die Deutsche Bahn nicht.
Viel Wehmut ist aber auch auf der anderen Seite zu spüren. Die vielen Norder, die hier Jahr für Jahr Hilfe bekamen, die Gäste, die Plum quasi als Erstes nach der Ankunft sahen – sie alle hätten ihn und das Servicecenter behalten. Die Bahn wollte es anders. Ab sofort steht in Norden ein Automat, ein sogenanntes Video-Reisezentrum. Das soll künftig die Aufgaben von Dirk Plum übernehmen.
Online ist von der Schließung noch nichts zu sehen
Wie sehr die Norder ihren Bahn-Berater vermissen werden, lassen die vielen Geschenke erahnen, die sie in der vergangenen Woche im Reisezentrum vorbeibrachten. Noch am Donnerstag konnten es viele Reisende gar nicht glauben, dass es künftig keinen persönlichen Ansprechpartner im Norder Bahnhof geben wird. Kritisch blicken sie auf das Video-Reisezentrum.
Auf der Internetseite der Bahn ist das Norder Reisezentrum noch aufgeführt: „Im DB Reisezentrum erhalten Sie bei persönlicher Beratung folgende Leistungen rund um Ihre Reise mit der Deutschen Bahn: Fahrkarten und Reservierungen bis kurz vor Abfahrt, Zeitkarten und DB Monatskarten im Abo sowie Angebote rund um die BahnCard. Weiterhin stehen Ihnen nationale und internationale Fahrplan- und Tarifauskünfte neben ergänzenden Services rund um Ihre Bahnreise zur Verfügung“, ist da zu lesen. Ein Hinweis auf die Schließung oder gar eine Erläuterung des Video-Reisezentrums fehlt.
Norden kämpfte für das Reisezentrum
Dabei bestätigte die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen bereits im April dieses Jahres, dass sie die Leistung bei der Deutschen Bahn nicht mehr bestellen und folglich auch nicht mehr bezahlen werde. „Wir haben dies der Deutschen Bahn bereits mitgeteilt“, sagte Dirk Altwig, Pressesprecher der landeseigenen Gesellschaft. Hintergrund: Es würden immer weniger Fahrkarten am Schalter verkauft, viele Menschen würden im Internet oder per App oder hätten das Deutschland-Ticket. Die Landesnahverkehrsgesellschaft ermittelt im Auftrag des Landes Niedersachsen den Bedarf an Nahverkehrsleistungen. Entsprechend bestellt sie dann Züge – per Ausschreibung – und auch die Beratungsleistungen an den Bahnhöfen.
Monatelang hatten die Norder versucht, die drohende Schließung abzuwenden. Es gab eine Online-Petition, im Rat wurde eine Resolution verabschiedet, Mitte Juni startete Bürgermeister Florian Eiben einen Rettungsversuch, traf sich mit Vertretern der Deutschen Bahn. An Ende alles vergeblich. Der Entschluss stand. Das Reisezentrum ist in Norden Geschichte.
Datenschutz fehlt beim Video-Reisezentrum
Wer künftig Hilfe beim Buchen einer Reise möchte, muss auf einen Knopf am Automaten drücken. Der Bildschirm geht an und es meldet sich ein Mitarbeiter aus einem Video-Callcenter. Der kann sogar den Ausdruck einer Fahrkarte von vor Ort anstoßen. Bezahlt wird in der Regel mit einer EC-Karte. Das Problem: Datenschutz ist bei diesem Video-Callcenter in Norden nicht gegeben. Hatte Plum seine Kunden noch einzeln im Reisezentrum bedient, steht der Kunde nun ungeschützt in der Bahnhofshalle. Jeder, der möchte, kann dem Gespräch mit dem Videoberater zuhören, die Reisedaten abgreifen.
Viele ältere Menschen trauen sich aber nicht mal, das Gerät zu benutzen. Darauf hatte der Senioren- und Behindertenbeirat in Norden mehrfach hingewiesen. Laut Holger Korn, Sprecher des Beirates, bräuchten die Menschen weiterhin eine persönliche Beratung; der Fahrkartenverkauf beispielsweise über die DB-Navigator-App auf dem Handy sei für Senioren schwer umzusetzen.
MKO will Lücke teilweise füllen
Ein kleines bisschen will jetzt der ehrenamtliche Verein Museumseisenbahn Küstenbahn Ostfriesland (MKO) in die Lücke springen, die das geschlossene Reisezentrum hinterlässt. Der will die Räume des Reisezentrums übernehmen, wird dafür einen Mietvertrag mit der Stadt schließen. Der Stadt Norden gehört das Bahnhofsgebäude. Der gemeinnützige Verein wird das Reisezentrum vornehmlich als Geschäftsstelle nutzen. Sonntags soll es aber auch für die Öffentlichkeit öffnen. „Dann werden wir Reisende, die in Norden ankommen, beraten und auch Hilfestellung beim Ticketverkauf für die Bahn geben“, sagte MKO-Vorsitzender Christian Walther.
Laut Vereinbarung übernimmt die MKO die gesamte Einrichtung der Bahn, bis auf die Computertechnik. Der Verein will die Räume für Versammlungen, für sein Archiv und für eine kleine Ausstellung nutzen. Zunächst sonntags wollen ehrenamtliche Mitarbeiter das ehemalige Reisezentrum öffnen und Reisende beraten: Zu Norden und Norddeich, aber auch, wenn es darum geht, komplizierte Bahnfahrten zu buchen. Gekauft wird dann aber nebenan im Videozentrum oder am Ticketautomaten. Auch dabei wollen die Ehrenamtlichen unterstützen, wenn nötig. Wenn es der Verein leisten kann und wenn sich genügend Helfer finden, sollen die Öffnungszeiten auch noch auf den Sonnabend ausgeweitet werden.
Reisende profitieren nicht
Weil der Verein mit seiner Arbeit auch der Stadt Norden hilft, bekommt die MKO einen monatlichen Mietzuschuss für die Räume von 450 Euro pro Monat, so dass die MKO nur 100 Euro pro Monat zahlen muss. „Die volle Summe kann sich der Verein nicht leisten“, sagte Walther, der vor der Politik die Pläne des Vereins vorgestellt hat.
Die Stadt profitiert ebenfalls von dem Arrangement: Zum einen steht das ehemalige Reisezentrum nicht leer. Zum anderen bekommt sie – zumindest an ausgewählten Tagen – eine Art Touristen-Information an zentraler Stelle in der Stadt. Auch die MKO profitiert, kann im Bahnhof ihre Tickets für die Museumseisenbahn verkaufen und die Räume für die Vereinsarbeit nutzen.
Wer nicht profitiert sind die Reisenden. Denn trotz des Vereinsengagements bekommen sie künftig an den meisten Tagen in der Woche keine persönliche Hilfe mehr im Bahnhof. Und dann ist da noch jemand, der nicht profitiert: Dirk Plum. Der Bahn-Mitarbeiter ist alleinerziehender Vater, lebt in Norden und muss künftig für den Job nach Oldenburg fahren.