Osnabrück  Abrechnung mit einem Klassiker: Künstler Otto Mueller und das gefährliche Z-Wort

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 19.12.2024 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Bild reiner Unschuld? Otto Mueller, Badende, 1913, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster. Erworben mit der Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen. Foto: LWL/Hanna Neander
Ein Bild reiner Unschuld? Otto Mueller, Badende, 1913, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster. Erworben mit der Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen. Foto: LWL/Hanna Neander
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Er gehört zum Inventar der Klassischen Moderne, der Expressionist Otto Mueller. Doch nun gerät der Maler in das Visier kritischer Nachfragen. War Mueller, der Maler nackter Mädchen, ein Sexist oder gar Rassist? Eine Ausstellung in Münster sorgt für eine heftige Kontroverse.

„Völlig überzogene Kritik am damaligen Zeitgeist“, ist da auf einem der vielen gelben Klebezettel zu lesen oder: „Eine unerhört übergriffige Werkinterpretation“. Daneben steht aber auch: „Ganz fragwürdig, viel zu junge Frauen, das ist doch ein Skandal“.

Die Wand für Besucherreaktionen, sie ist übersät mit Wortmeldungen. Die Meinungsschlacht tobt – um Otto Mueller, den stillsten der Expressionisten der Künstlergruppe „Die Brücke“. Mueller, ausgerechnet? Der Mann, der fast nichts anderes als junge, unbekleidete Frauen in der Natur malte, gilt zu Recht als Langweiler der Moderne. Sein Lebenswerk, eine Mono-Spur.

„Otto Mueller“: Der schlichte Titel der Ausstellung im LWL-Museum für Kunst und Kultur klingt konventionell, nach der Feier eines Klassikers des Expressionismus. Anlass ist der 150. Geburtstag Muellers. Das Museum an Münsters Domplatz bietet vier Werke aus der eigenen Sammlung auf. 60 Stücke aus privaten und öffentlichen Sammlungen kommen hinzu, aus Berlin (Brücke Museum), Frankfurt am Main (Städel Museum), Wien (Albertina) und New York (Museum of Modern Art): beste Stücke. Warum die Aufregung?

Otto Mueller (1874-1930) ist ein verschlossener Künstler mit Neigung zu Okkultismus und fremden Kulturen. Er malt eigentlich nur ein Motiv: Junge Mädchen und Frauen unter Bäumen, im Schilf, als Badende. Die Flucht aus verbrauchter Zivilisation in ein Kunstreich der freien Ungebundenheit – das ist sein Lebensthema.

Doch ausgerechnet die idyllisch und unpolitisch wirkenden Naturszenen dieses Malers, dessen Bilder die Nationalsozialisten als „entartet“ verfemen sollen, lösen nun eine neue Kontroverse aus. Ist sein Blick auf Frauen sexistisch? Bedient der Künstler rassistische Stereotype? Mueller fühlt sich zur Lebensweise von Sinti und Roma hingezogen, malt sie wie Naturwesen einer faszinierenden Fremdheit. Alles falsch?

„Darf ich Muellers Akte noch schön finden?“, fragt Tanja Pirsig-Marshall, Kuratorin der Ausstellung. Die stellvertretende Direktorin der LWL-Museums und ausgewiesene Mueller-Expertin verweist darauf, dass bereits seit Jahren kritische Fragen an das Werk des Künstlers wie anderer Mitglieder der Künstlergruppe „Die Brücke“ gestellt würden. Ihre Intervention: Sie streicht das Wort „Zigeuner“ aus Muellers Bildtiteln. Mueller und das Z-Wort, eine unheilvolle Verbindung, da der Maler früher im Kunstbetrieb so plakativ wie unsensibel als „Zigeuner-Müller“ angesprochen wurde.

Pirsig-Marshall inszeniert ihre Ausstellung zu Otto Mueller nun mit Interventionen von anderer Stoßrichtung. Künstlerin Natasha Kelly steuert einen Raum bei, der Mueller in den Kontext des Kolonialismus stellt, der Verein „Save Space e.V.“ zeigt ein „dekoloniales und intersektionales Statementvideo“, wie es im Pressetext zur Ausstellung heißt. Weiter Künstlerinnen „aus der Community der Sint:izze und Rom:nja“, so der Pressetext, würden mit ihren Werkbeiträgen „Vorurteile“ entlarven. Nur welche und wessen?

Die Reaktion der Kunstkritik fällt drastisch aus. „Ein Tribunal zum 150. Geburtstag“ titelt die Süddeutsche Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung spricht von „absurden Vorwürfen“, die Westdeutsche Zeitung titelt „Mutig: Münster zeigt den umstrittenen Otto Mueller“, als gehöre schon Courage dazu, Muellers Idyllen überhaupt noch zu zeigen.

Es gehe darum, eine „Vielschichtigkeit der Narrative“ aufzuweisen, sagt Tanja Pirsig-Marshall beschwichtigend. Auch ihr Hinweis, die kontroversen Diskussionen um Otto Mueller liefen schon seit Jahren, soll wohl einem Echo den Wind aus den Segeln nehmen, dessen Heftigkeit die Macher des Münsteraner Museums offenbar überrascht hat. „Communities“ reagierten längst kritisch auf Otto Mueller, sagt Pirsig-Marshall. Das Medienecho zieht nun nach, gleichwohl in ganz anderer Richtung.

Der gespaltene Diskurs signalisiert nicht nur im Hinblick auf Otto Mueller, wie sich die Einschätzung der Klassischen Moderne gedreht hat. Eine Kunst, die ihre Urheber einst als Akt der Befreiung von einengender Konvention begriffen, erscheint mit einem Mal selbst als Vermittler von Vorurteilen. Muellers Bilder sollen eine sexistische Sicht auf Frauen und rassistische Stereotype transportieren, heißt es nun.

Das Problem: Kunst fällt posthum unter das Verdikt einer besseren Moral. Aber was soll Kunst am Ende leisten: Freiräume jenseits gesellschaftlicher Verhaltensregeln aufzeigen oder politische Korrektheit spiegeln? Wer ausgerechnet Otto Mueller, der den Kontakt zu Sinti und Roma suchte, als Rassisten schmäht, muss sich kritische Rückfragen gefallen lassen.

Für das Münsteraner Projekt gilt das umso mehr, als die Autorinnen Valentina Bay und Anna Mirga-Kruszelnicka im Ausstellungskatalog schreiben, es seien die von Mueller tradierten Stereotype, die sich in der „rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten“ wiederfänden. Otto Mueller soll als ideeller Vorbereiter jenes Völkermords erscheinen, den die Nazis auch an Sinti und Roma begingen. Seine Bilder spiegelten eine „falsche Unschuld“. Mueller, endlich als Nazi-Vorläufer entlarvt?

Spätestens an diesem Punkt kippt das Ausstellungskonzept in abstrusen Widersinn. Das angebliche Aufklärungsprojekt in Sachen Otto Mueller – es bedarf selbst einer Revision. Otto Mueller mag gesehen werden, wie jedermann möchte, aber so viel ideologische Verblendung hat auch er nicht verdient.  

Münster, LWL-Museum für Kunst und Kultur: Otto Mueller. Bis 2. Februar 2025. Di.-So., 10-18 Uhr.

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