Osnabrück Klarer Kurs für die Weltkunstschau: Naomi Beckwith verantwortet Documenta 2027
Vor zwei Jahren knapp vor dem Aus, nun wieder auf Kurs? Naomi Beckwith ist zur künstlerischen Leiterin der Documenta 2027 bestellt worden. Die Kuratorin soll das Kunstformat wieder in klare Richtung lenken – nach Skandalen um antisemitische Bilder auf der Documenta fifteen vor zwei Jahren.
Naomi Beckwith verantwortet die 16. Ausgabe der Documenta. Die Nachricht markiert mehr als eine Personalie, sie eröffnet eine optimistische Prognose für die Kasseler Weltkunstschau, die viele Beobachter nach dem Skandal um antisemitische Bildmotive bei der Documenta fifteen 2022 schon vor dem Aus gesehen hatten. „Ich bin sehr dankbar“: Beckwith strahlte bei ihrer Vorstellung am 18. Dezember 2024 in Kassel Professionalität aus – und entspannte Zuversicht.
Die 48 Jahre alte, in Chicago geborene Beckwith ist als Chef-Kuratorin am Salomon R. Guggenheim Museum in New York prominent platziert. Nach ihrem Master am Courtauld Institute of Art in London, einer Kaderschmiede für Kuratoren, arbeitete Beckwith am Whitney Museum in New York und am Institute for Contemporary Art in Philadelphia. Nach weiteren Stationen trat die Kuratorin 2021 in das Guggenheim Museum ein.
Naomi Beckwith kündigte an, mit der 16. Edition der Documenta Globalität in Kassel abbilden zu wollen. Mit ihrer Ausstellung will sie nicht nur die unterschiedlichen Zonen der Welt miteinander ins Gespräch bringen, sondern auch zeigen, wie auf Krisen reagiert werden kann. „Es geht darum, Neues zu schaffen, auch unter den Bedingungen knapperer Ressourcen und unklarer Parameter“, spielte die Kuratorin auf eine generell unsichere Weltlage an.
Zugleich positionierte sie sich klar zu Antisemitismus und Diskriminierung, die bei der Documenta 2022 zu einem Problem geworden waren. „Ich habe keine Toleranz für jegliche Form von Diskriminierung und Antisemitismus“, sagte Beckwith und kündigte an, diese Probleme im gesamten Arbeitsprozess an der nächsten Documenta berücksichtigen zu wollen.
Antisemitische Bildmotive auf einem Bildbanner der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi hatten 2022 rund um die Documenta einen Skandal ausgelöst. Bereits im Vorfeld der Schau war dem Leitungsteam Ruan Grupa ebenso wie einigen Künstlern eine Nähe zur anti-israelischen Boykottbewegung BDS vorgeworfen worden. Das Riesenbild mit antisemitischen Motiven war bei der Eröffnung der Documenta aufgefallen. Dieses Bild und weitere, später entdeckte antisemitische Bilder hatten Forderungen nach einem Abbruch der Documenta fifteen ausgelöst.
Sie werde ständig im Kontakt mit den Künstlern sein und Kunstwerke nicht erst am Tag der Eröffnung sehen, formulierte Beckwith ihren Seitenhieb auf das unglückliche und in Teilen auch unprofessionelle Agieren von Ruan Grupa. Die Leitungsgruppe hatte Künstler und ihre Beiträge nicht klar kuratiert und das Bildbanner von Taring Padi erst kurz vor der Eröffnung der Schau installieren lassen.
Mit der Wahl von Naomi Beckwith kehrt die Documenta zu einer klaren Struktur zurück. Andreas Hoffmann, Geschäftsführer der documenta und Museum Fridericianum gGmbH, präsentierte die von der erst im Juli 2024 installierten neuen Findungskommission ausgewählte Beckwith. Mit ihr übernimmt jetzt wieder eine einzelne Person statt einer Gruppe die künstlerische Verantwortung für die nächste Documenta.
Nach dem eher hemdsärmeligen Agieren von Ruan Grupa steht die Frau vom Guggenheim-Museum nun auch für klare Professionalität. Zudem ist sie bestens in der globalen Kunstszene vernetzt. Auf ihre Vorzüge wiesen jetzt in Kassel Yilmaz Dziewior, Direktor des Kölner Museum Ludwig, und Mami Kataoka, Direktorin des japanischen Mori-Kunstmuseums, als Sprecher der Jury hin.
Naomi Beckwith hat die Documenta nach eigenen Worten seit ihrer zwölften Ausgabe im Jahr 2007 besucht. Sie verwies auf Vorgängerinnen in der Leitungsposition. 1997 hatte mit der Französin Catherine David zum ersten Mal eine Documenta verantwortet. 2012 hatte Carolyn Christov-Bakargiev ebenfalls eine Ausgabe der Weltkunstschau verantwortet. Beckwith nannte auch Okwui Enwezor als ihr Vorbild. Der aus Nigeria stammende, 2019 verstorbene Kurator, öffnete die Documenta mit ihrer elften Ausgabe 2002 zum ersten Mal nachhaltig den Themen der Globalisierung.
Naomi Beckwith wird sich nun eilig an die Arbeit machen müssen. Ihr bleiben nur zweieinhalb Jahre Zeit, um die Documenta 16 vorzubereiten, die vom 12. Juni bis zum 19. September 2027 in Kassel stattfinden soll. Geschäftsführer Andreas Hoffmann steckte bereits den Finanzrahmen ab. Nach seinen Worten sollen für die nächste Kunstschau 42, 2 Millionen Euro zur Verfügung stehen, soviel wie auch für die Documenta fifteen von 2022.