Analyse zu Löhnen und Gehältern  Ohne Tarifvertrag – wie viel Geld ist in Ostfriesland durchsetzbar?

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 22.12.2024 19:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 15 Minuten
„Habe Arbeit, brauche Geld“ – dieses Schild zeigte eine Frau bei einer Streik-Kundgebung. Symbolfoto: Armin Weigel/dpa
„Habe Arbeit, brauche Geld“ – dieses Schild zeigte eine Frau bei einer Streik-Kundgebung. Symbolfoto: Armin Weigel/dpa
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Immer mehr Arbeitnehmer müssen ihren Lohn allein aushandeln, weil ihr Chef nach keinem Tarifvertrag zahlt. Was ist durchsetzbar? Eine Analyse zu branchen- und berufsüblichen Einkommen in Ostfriesland.

Ostfriesland - „Mehr Tarifbindung, mehr Mitbestimmung, mehr Arbeitsschutz, mehr Lohngleichheit“ – das will Niedersachsens Arbeitsminister Andreas Philippi mit einem „Masterplan Gute Arbeit“ erreichen.

Laut Statistischem Bundesamt sind inzwischen – bundesweit betrachtet – mehr als die Hälfte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ohne Tarifvertrag beschäftigt. Stand: 2023. In Tarifverträgen können neben dem Arbeitsentgelt beispielswiese Vereinbarungen zum Urlaubsanspruch und zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall getroffen werden, die – zu Gunsten der Mitarbeitenden – über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen.

Immer weniger Arbeitgeber richten sich nach Tarifverträgen

„Für 44 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den alten Bundesländern war das Beschäftigungsverhältnis 2023 durch einen Branchentarifvertrag geregelt“, informiert das Statistische Bundesamt. „Für 7 Prozent der Beschäftigten galten Firmentarifverträge.“ Tendenz abnehmend: „Im früheren Bundesgebiet galt 1998 für 76 Prozent der Beschäftigten ein Tarifvertrag“, berichtet die Behörde – 2023 waren es noch 51 Prozent.

Nur noch für gut die Hälfte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Westdeutschland gilt nach Informationen des Statistischen Bundesamtes ein Tarifvertrag – bundesweit nicht einmal mehr für die Hälfte der Beschäftigten. Quelle/Grafik: Statistisches Bundesamt
Nur noch für gut die Hälfte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Westdeutschland gilt nach Informationen des Statistischen Bundesamtes ein Tarifvertrag – bundesweit nicht einmal mehr für die Hälfte der Beschäftigten. Quelle/Grafik: Statistisches Bundesamt

Da Ostfriesland in Westdeutschland liegt, kann angenommen werden, dass ungefähr jeder zweite Arbeitnehmer mit Geschäftsführung oder Personalleitung selbst aushandeln muss, was er bezahlt bekommt – sofern ihm das nicht einfach diktiert wird. Spätestens, wenn der spätere Boss generös anbietet, dass sich das Jahreseinkommen auch durch 13 statt durch 12 teilen lasse, so dass sogar Weihnachtsgeld bezahlt werden könne, ist aus Arbeitnehmer-Sicht zu befürchten: Mehr als eine Teilung durch 14, auf dass es auch noch Urlaubsgeld gibt, sitzt hier womöglich nicht drin.

Daran können sich Arbeitnehmer bei Lohn-Forderungen orientieren

Aber selbst, wenn Arbeitnehmer auf Arbeitgeber treffen, die im Wortsinne verhandlungsbereit sind – zum Beispiel, weil sie schnellstmöglich jemanden für die ausgeschriebenen Arbeitsplätze brauchen – stellt sich die Frage: Wieviel Lohn könnte durchsetzbar sein?

Die Höhe des Arbeitsentgelts hängt unter anderem von der Qualifikation und der Berufserfahrung des Arbeitnehmers ab. Orientierung können die Tarifverträge der jeweiligen Branche bieten. Eine andere Option ist es, sich möglichst jobbezogen über das Lohn-Niveau in der Region zu informieren, in welcher der jeweilige Arbeitgeber mit anderen Arbeitgebern um Fachkräfte konkurriert – um Fachkräfte, von denen es in etlichen Bereichen einen Mangel geben soll. Anhaltspunkte bieten die Entgelt-Statistiken der Bundesagentur für Arbeit.

So große Lohn-Unterschiede gibt es regional in Deutschland

Um Vergleichbarkeit herzustellen, erfasst beziehungsweise ermittelt die Arbeitsagentur mittlere Monatseinkommen (Medianentgelte) von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigen – wobei beispielsweise die (niedrigen) Entgelte von Auszubildenden nicht eingerechnet werden. Der Median teilt die Entgelte in zwei Hälften: „Eine Hälfte der Beschäftigten erzielt ein Entgelt unter dem Medianwert, das Entgelt der anderen Hälfte liegt über dem Median.“

„Regional gab es 2023 große Unterschiede beim Medianentgelt“, berichtet die Bundesarbeitsagentur in ihrer Analyse zur Entgeltstatistik 2023. „Auf Länderebene reichte die Spanne von 3098 Euro in Mecklenburg-Vorpommern bis 4304 Euro in Hamburg, auf Ebene der Kreise und kreisfreien Städte von 2815 Euro im sächsischen Erzgebirgskreis bis 5637 Euro im bayerischen Ingolstadt.“

So niedrig ist das mittlere Monatsentgelt in Ostfriesland

Der Deutschland-Wert liegt bei 3796 Euro. In Ostfriesland, also dem Bezirk der Arbeitsagentur Emden-Leer, betrug das Medianentgelt 3406 Euro. Das sind rund 600 Euro mehr als in der Region mit dem niedrigsten Medianentgelt und rund 2200 Euro weniger als in der Region mit dem höchsten Medianentgelt. Pro Monat. Zur Erinnerung: Es geht um die jeweils „mittleren Einkommen“. Die Unterschiede vermitteln einen Eindruck davon, wie groß die Verhandlungsspielräume auf dem Arbeitsmarkt sein können.

Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht Statistiken mit "Medianentgelten". Es geht um die mittleren Monatseinkommen von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigen, wobei unter anderem Auszubildenden-Entgelte als nach unten verzerrender Faktor nicht mit eingerechnet werden. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht Statistiken mit "Medianentgelten". Es geht um die mittleren Monatseinkommen von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigen, wobei unter anderem Auszubildenden-Entgelte als nach unten verzerrender Faktor nicht mit eingerechnet werden. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Die Bundesarbeitsagentur hat noch weitergehend analysiert, wie weit die Arbeitseinkommen auseinanderliegen: „Auf Ebene der Branchen reichte die Spanne der Medianentgelte 2023 von 5601 Euro im Bereich Finanz- und Versicherungsdienstleistungen bis 2373 Euro in der Arbeitnehmerüberlassung, in der niedrig entlohnte Helfertätigkeiten deutlich überrepräsentiert sind.“

Mittlere Monatsentgelte nach Branchen und Berufen

Weiter schreibt die Arbeitsagentur: „Differenziert nach Berufen lag das Medianentgelt 2023 bei Informatik- und übrigen IKT-Berufen mit 5688 Euro am höchsten und bei Reinigungsberufen mit 2422 Euro am niedrigsten.“ Der folgende Hinweis der Arbeitsagentur kann bei der Arbeitsplatz-Wahl ebenfalls von Interesse sein: „Mit einer Beschäftigung in größeren Betrieben und mit längeren Beschäftigungsdauern gehen im Allgemeinen höhere Entgelte einher.“

Die Arbeitsagentur-Statistiken enthalten also Medianetgelte unter anderem aufgeschlüsselt nach Wirtschaftszweigen, Berufshauptgruppen, Berufsgruppen und Berufsuntergruppen. Und diese Daten sind im besten Fall auf den Landkreis oder die kreisfreie Stadt bezogen, wo der Arbeitsplatz ist, auf den sich ein Arbeitnehmer beworben hat. Im ländlichen Raum wie in den ostfriesischen Landkreisen fehlen allerdings manchmal Angaben: „Aus methodischen Gründen ist ein Ausweis von Entgeltverteilungen oder Quantilen nicht sinnvoll, wenn die Zahl der Beschäftigten mit Angabe zum Entgelt unter 500 liegt“, erklärt die Arbeitsagentur.

Das Anforderungs- und Lohn-Niveau der Arbeitsplätze

Der Autor dieser Analyse hat sich die Medianentgelte in Ostfriesland angeschaut – nach Arbeitskräfte-Status, nach Wirtschaftszweigen und nach Berufen. Egal, um welchen Job es geht – Qualifikation und Erfahrung spielen eine zentrale Rolle.

Unterschieden wird grundlegend zwischen Helfern, Fachkräften, Spezialisten und Experten. Es geht dabei ums „Anforderungsniveau“ der Berufe, wie die Bundesregierung in ihrem „Gleichwertigkeitsbericht 2024“ erläutert.

Welche Arbeitnehmer zählen zur Helfer- und Fachkräfte-Ebene?

Helfer erledigen unter anderem „Anlerntätigkeiten“, wie die Bundesarbeitsagentur erklärt. Auf Helfer-Niveau arbeiten demnach aber auch manche Beamte. Die Agentur nennt Landwirtschaftshelfer, Kindergartenhelferinnen und Beamte im „einfachen Dienst“ von Kommunalverwaltungen.

Zur Fachkräfte-Ebene zählt die Agentur unter anderem Bäcker, Kinderpfleger und Bankkaufleute. Sowie Beamte im „mittleren Dienst“. Laut Bundesregierung geht es um Anforderungen, die in der Regel mit einer zweijährigen Berufsausbildung erfüllt werden können.

Welche Arbeitnehmer zählen zu den Spezialisten und Experten?

Als Spezialisten gelten Meister, Techniker, Kaufleute mit Fort- und Weiterbildungen, Beamte des gehobenen Dienstes und Akademiker mit „Bachelor“-Abschluss. Die Arbeitsagentur führt Datenbankadministratoren und Fachwirte im Außenhandel exemplarisch auf.

Die Experten-Ebene erreichen Berufe, für die ein mindestens vierjähriges Studium als Voraussetzung gilt. Auch Beamte im höheren Dienst zählt die Arbeitsagentur dazu. Fachlehrer an allgemeinbildenden Schulen und Vermessungsingenieure sind genannt.

Helfer, Fachkräfte, Spezialisten, Experten – Medianentgelte in Ostfriesland

Die Bundesregierung stellt in ihrem Gleichwertigkeitsbericht bezüglich des Anforderungsniveaus klar: „Relevant ist dabei stets die jeweilige Komplexität der auszuübenden Tätigkeit, nicht der jeweilige formale Abschluss der Beschäftigten.“ Wie werden Helfer, Fachkräfte, Spezialisten und Experten bezahlt?

In den ostfriesischen Landkreisen durchgehend unterdurchschnittlich – in der Kreisfreien Stadt Emden hingegen überdurchschnittlich, mit Ausnahme der Spezialisten. Bei den hohen Medianentgelten in Emden dürfte sich das VW-Werk bemerkbar machen. Experten verdienen laut der Arbeitsagentur-Statistik in den Kreisen Leer und Aurich mehr als 13 Prozent weniger als im Bundesmittel, im Kreis Wittmund sogar fast 18 Prozent weniger.

Ostfrieslands Fachkräfte könnten in anderen Regionen viel mehr verdienen

Auf der Spezialisten-Ebene sieht es in den Kreisen Leer (16 Prozent weniger als im Bund) und Wittmund (minus 20 Prozent) noch schlechter aus, im Kreis Aurich zumindest ein bisschen besser (minus 12 Prozent). Unter diesen Voraussetzungen könnte es sich relativ schwierig gestalten, entsprechend qualifizierte Leute nach Ostfriesland zu locken – beispielsweise auf die Industrialisierung hin, auf die infolge der Energiewende und der hohen Grünstrom-Produktion spekuliert wird.

Egal, ob Helfer, Fachkraft, Spezialist oder Experte – in Ostfriesland sind die Arbeitseinkommen vergleichsweise niedrig. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Egal, ob Helfer, Fachkraft, Spezialist oder Experte – in Ostfriesland sind die Arbeitseinkommen vergleichsweise niedrig. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Bei Fachkräften und Helfern ist die Abweichung nach unten prozentual geringer – aber natürlich bezogen auf ein ohnehin niedrigeres Einkommen. Fachkräfte in den ostfriesischen Landkreisen verdienen im Mittel rund 1800 Euro weniger als Fachkräfte in Ingolstadt, wo das Lohn-Niveau für Fachkräfte in Deutschland am höchsten ist. 1800 Euro weniger pro Monat. Fachkräfte in Emden kommen im Mittel bis auf 900 Euro an Ingolstadt heran.

Wie hoch sind die Löhne in Landwirtschaft, Fischerei und Gastgewerbe?

Ostfriesland ist für Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus bekannt. Wie viel kann in diesen Branchen verdient werden? Im Wirtschaftszweig von Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei kommt in Ostfriesland nur der Kreis Aurich über die Marke von 500 sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten, über der die Bundesarbeitsagentur ein Medianentgelt ermittelt: 2611 Euro. Der Deutschland-Wert liegt nur 40 Euro darüber. Aber: Unter den 400 Landkreisen und Kreisfreien Städten in Deutschland hat der Rhein-Pfalz-Kreis das höchste Medianentgelt in diesem Bereich aufzuweisen. Und das liegt mehr als doppelt so hoch wie im Kreis Aurich – bei 6401 Euro. Das könnte darauf hindeuten, dass sich mit Pfälzer Wein deutlich mehr Geld verdienen lässt als mit ostfriesischer Milch und Nordsee-Fisch.

Medianentgelte in Branchen, die mit Ostfriesland ganz besonders in Verbindung gebracht werden – in Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Medianentgelte in Branchen, die mit Ostfriesland ganz besonders in Verbindung gebracht werden – in Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Je näher die Statistik an die eigentlichen Berufe heranreicht, desto aufschlussreicher werden die Entgelt-Daten für Arbeitnehmer. Während es in Ostfriesland bezüglich der Landwirtschaft schon auf Ebene des Wirtschaftszweigs nur für den Landkreis Aurich ein Medianentgelt gibt, finden sich beim Gastgewerbe noch in der Berufshauptgruppe „Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufe“ Werte für die Kreise Aurich und Leer. Beide Medianentgelte liegen nur knapp unter dem Medianentgelt auf Bundesebene – aber in der Summe niedrig: bei 2487 Euro pro Monat (Leer) und 2522 Euro (Aurich).

Auf niedrigstem Lohn-Niveau, aber mit Unterschieden – Leiharbeiter

Es folgt die schlaglichtartige Betrachtung weiterer Berufsfelder. Die Reihenfolge orientiert sich an der Höhe der Medianentgelte auf Bundesebene – jeweils mit Blick auf Ostfriesland und Nachbarschaft, auf Niedersachsen und auf die Top-Werte und die schlechtesten Werte unter den 400 Landkreisen und Kreisfreien Städte in Deutschland.

Los geht es auf dem niedrigsten Lohn-Niveau, im Wirtschaftszweig der Arbeitnehmerüberlassung. In Emden, wo der Leiharbeiter-Anteil an den sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten besonders hoch ist, ist auch das Medianentgelt besonders hoch: Mit 4069 Euro liegt es rund 1700 Euro über dem Deutschland-Wert. Dahingegen wird das bundesweite Medianentgelt von 2373 Euro pro Monat in den Landkreisen Leer und Aurich noch unterboten.

Leiharbeiter verdienen ausweislich der behördlichen Entgelt-Statistik besonders wenig. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Leiharbeiter verdienen ausweislich der behördlichen Entgelt-Statistik besonders wenig. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Monatsentgelte in Verkehr, Lagerei und Kraftfahrzeug-Branche

Der Leiharbeit folgen, was die Höhe der Medianentgelte in Deutschland betrifft, das Gastgewerbe, die Landwirtschaft und die „sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen“ (ohne Leiharbeit). Dann kommt der Wirtschaftszweig „Verkehr und Lagerei“. Hier ist das Lohn-Niveau in Ostfriesland im Vergleich zu den Deutschland-Werten durchwachsen. Bezogen auf den Wirtschaftszweig liegt es im Kreis Aurich fast in Bundeshöhe, in den Kreisen Leer, Wittmund und der Stadt Emden sogar darüber. Besonders gut wird demnach in Berufen der Lagerwirtschaft im Landkreis Aurich verdient: 7,5 Prozent über dem Bundes- Medianentgelt.

Im Wirtschaftszweig „Verkehr und Lagerei“ gibt es im ländlich strukturierten Ostfriesland genügend Vollzeitbeschäftigte, um relativ differenziert Medianentgelte zu ermitteln – bis auf die Berufsuntergruppen-Ebene. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Im Wirtschaftszweig „Verkehr und Lagerei“ gibt es im ländlich strukturierten Ostfriesland genügend Vollzeitbeschäftigte, um relativ differenziert Medianentgelte zu ermitteln – bis auf die Berufsuntergruppen-Ebene. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Von „Verkehr und Lagerei“-Bereich zum Wirtschaftszweig „Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen“ macht das deutsche Medianentgelt einen Sprung von rund 250 Euro. In Ostfriesland aber nicht, sondern im Gegenteil. Hier wird in der KfZ-Branche weniger bezahlt – im Kreis Wittmund liegt das KfZ-Medianentgelt fast 500 Euro unter dem mittleren Monatseinkommen im Wirtschaftszweig „Verkehr und Lagerei“.

Im Kraftfahrzeug-Sektor arbeiten in Ostfriesland relativ viele Leute. Wie in den meisten Berufen wird in der Region vergleichsweise wenig bezahlt. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Im Kraftfahrzeug-Sektor arbeiten in Ostfriesland relativ viele Leute. Wie in den meisten Berufen wird in der Region vergleichsweise wenig bezahlt. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Monatsentgelte auf dem Bau und in der Pflege

Eine zahlenmäßig große Berufsgruppe arbeitet im Baugewerbe. In allen drei ostfriesischen Landkreisen sind hier mehr als 13 Prozent der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten tätig. Und in den Hoch- und Tiefbauberufen wird in Ostfriesland tendenziell mehr bezahlt, als bundesweit üblich. Im Kreis Aurich liegt das mittlere Monatseinkommen mehr als 100 Euro über dem Deutschland-Wert.

Das Baugewerbe ist auch in Ostfriesland eine personalstarke Branche. Die regionalen Medianentgelte sind in diesem Bereich im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen relativ hoch. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Das Baugewerbe ist auch in Ostfriesland eine personalstarke Branche. Die regionalen Medianentgelte sind in diesem Bereich im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen relativ hoch. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Rund 100 Euro unter dem branchen- und berufsübergreifenden Medianentgelt in Deutschland liegt der Wirtschaftszweig „Heime und Sozialwesen“. Im Kreis Wittmund bewegt sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten unter 500, so dass die Bundearbeitsagentur kein Medianentgelt angibt. Die anderen beiden Kreise sind drei und vier Prozent unter dem Medianentgelt dieses Wirtschaftszweigs in Deutschland, die Stadt Emden gut drei Prozent darüber. Auf die Berufsgruppe in der Altenpflege heruntergebrochen, bietet die Statistik nur ein mittleres Monatseinkommen für den Kreis Aurich: 3496 Euro.

Vergleicht man die Medianentgelte auf der Bundesebene, dann liegt der Wirtschaftszweig „Heime und Sozialwesen“ relativ knapp unter dem branchenübergreifenden Medianentgelt. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Vergleicht man die Medianentgelte auf der Bundesebene, dann liegt der Wirtschaftszweig „Heime und Sozialwesen“ relativ knapp unter dem branchenübergreifenden Medianentgelt. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Monatsentgelte in Arztpraxen, Krankenpflege und im Rettungsdienst

Das Gesundheitswesen als Wirtschaftszweig ist beim Medianentgelt exakt im branchen- und berufsübergreifendenden Deutschland-Mittel. Es beträgt 3796 Euro. In Emden liegt das mittlere Monatseinkommen darüber, in den ostfriesischen Landkreisen darunter. Auf die Berufshauptgruppe der „Medizinischen Gesundheitsberufe“ heruntergebrochen unterbieten die Arbeitgeber in den Landkreisen das Medianentgelt auf Bundesebene noch deutlicher, im Kreis Aurich um rund 450 Euro. Und Emden liegt leicht unter dem Deutschland-Wert.

Exakt im branchen- und berufsübergreifenden Mittel: Das Monats-Medianentgelt im Gesundheitswesen ist auf Bundesebene Durchschnitt. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Exakt im branchen- und berufsübergreifenden Mittel: Das Monats-Medianentgelt im Gesundheitswesen ist auf Bundesebene Durchschnitt. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Auch die Berufsgruppe der Arzt- und Praxishilfen wird in Ostfriesland, soweit ausreichend Daten vorhanden sind, unter dem Medianentgelt auf Bundesebene entlohnt. Genauso verhält es sich in der Berufsgruppe „Gesundheits- und Krankenpflege, Rettungsdienst und Geburtshilfe“.

Monatsentgelte in Verwaltung, Erziehung und Unterricht

Damit wechselt die Analyse zu den Berufsfeldern, in den – bundesweit betrachtet – überdurchschnittlich bezahlt wird. Als da wäre die Öffentliche Verwaltung. Das deutsche Medianentgelt beträgt 4116 Euro, die ostfriesischen Kreise liegen um bis zu 300 Euro darunter.

Was wird eigentlich in der Öffentlichen Verwaltung verdient? Auch diesbezüglich veröffentlicht die Bundesarbeitsagentur Medianentgelte. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Was wird eigentlich in der Öffentlichen Verwaltung verdient? Auch diesbezüglich veröffentlicht die Bundesarbeitsagentur Medianentgelte. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Der nächste Wirtschaftszweig: Erziehung und Unterricht. In Ostfriesland sind die Vollzeitbeschäftigten-Zahlen niedrig. Auf Ebene des Wirtschaftszweigs gibt es nur im Kreis Aurich ein Medianentgelt und das liegt knapp 15 Prozent unter dem Bundes-Wert. Auf die Berufshauptgruppe der erzieherischen, sozialen und hauswirtschaftlichen Jobs heruntergebrochen liegen die Kreise Leer und Aurich nur relativ knapp unter dem deutschen Medianentgelt.

Im Bereich von Erziehung und Unterricht unterscheiden sich die mittleren Monatseinkommen um rund 1600 Euro, wie ein Vergleich der Landkreise und Kreisfreien Städte ergibt. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Im Bereich von Erziehung und Unterricht unterscheiden sich die mittleren Monatseinkommen um rund 1600 Euro, wie ein Vergleich der Landkreise und Kreisfreien Städte ergibt. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Viele Vollzeitbeschäftigte und hohe Löhne im Verarbeitenden Gewerbe

Das Verarbeitende Gewerbe – an das VW-Werk sei erinnert – ist in Emden besonders stark vertreten: 38,29 Prozent der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten, die in der Stadt arbeiten, tun dies im Verarbeitenden Gewerbe. In den Ostfriesischen Landkreisen ist dieser Wirtschaftszweig hingegen unterdurchschnittlich ausgeprägt – wobei die Bundesarbeitsagentur im Kreis Wittmund offenbar aus Gründen des Betriebsdatenschutzes keine Vollzeitbeschäftigten-Zahl veröffentlicht hat.

Im Verarbeitenden Gewerbe gibt es viele Vollzeitbeschäftigte – und deshalb auch relativ differenzierte Medianentgelt-Daten bis auf die Berufsgruppen-Ebene für eine ländliche Gegend wie Ostfriesland. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Im Verarbeitenden Gewerbe gibt es viele Vollzeitbeschäftigte – und deshalb auch relativ differenzierte Medianentgelt-Daten bis auf die Berufsgruppen-Ebene für eine ländliche Gegend wie Ostfriesland. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Das mittlere Monatseinkommen im Verarbeitenden Gewerbe liegt in Emden rund 850 Euro höher als im Bund. Im Kreis Leer ist das Medianentgelt 1700 Euro unter dem in Emden, in den Kreisen Aurich und Wittmund noch weitere rund 200 Euro tiefer. Diese Medianentgelt-Struktur setzt sich in den Berufsgruppen weitgehend fort. Im Bereich der Technischen Entwicklung, Konstruktion und Produktsteuerung gibt es allerdings eine Sondersituation: Da liegt auch das Emder Medianentgelt von 4852 Euro unter dem Deutschland-Wert und das sogar um rund 700 Euro.

Ostfriesland als Niedriglohn-Region – bis ins Management hinein

Sogar in der Berufsgruppe „Unternehmensorganisation und -strategie“ sind die Medianentgelte in Ostfriesland niedrig. Der Landkreis Leer liegt gut 1400 Euro beziehungsweise mehr als 25 Prozent unter dem Bundeswert. In der Berufsgruppe „Büro und Sekretariat“ sind die ostfriesischen Medianentgelte bis zu 17 Prozent unter dem Deutschland-Mittel.

Die mittleren Monatseinkommen in Ostfriesland sind – von Ausnahmen abgesehen – vergleichsweise niedrig. Die schlechtere Bezahlung als anderswo reicht bis ins Management hinein. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Die mittleren Monatseinkommen in Ostfriesland sind – von Ausnahmen abgesehen – vergleichsweise niedrig. Die schlechtere Bezahlung als anderswo reicht bis ins Management hinein. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Im Kreis Wittmund gibt es allerdings keine 500 Vollzeitbeschäftigten in diesen Berufsgruppen, so dass hier keine Angaben vorliegen – lediglich für die Berufshauptgruppe „Unternehmensführung und -organisation“. Dort unterschreitet der Landkreis Wittmund das deutsche Medianentgelt um mehr als 25 Prozent.

Diejenigen, die mit Geld arbeiten, verdienen auch relativ viel davon

Tendenziell am besten bezahlt werde im Vergleich der Wirtschafszweige in Deutschland die „Finanz- und Versicherungsdienstleistungen“. Das mittlere Monatseinkommen in Deutschland beträgt hier 5601 Euro. In Ostfriesland liegt es mehr als 1000 Euro darunter.

Die höchsten Arbeitseinkommen werden tendenziell im Bereich der Finanz- und Versicherungsdienstleistungen erzielt. Quelle: Bundesarbeitsagentur
Die höchsten Arbeitseinkommen werden tendenziell im Bereich der Finanz- und Versicherungsdienstleistungen erzielt. Quelle: Bundesarbeitsagentur

Wie im Wirtschaftszweig verhält es sich auch in der entsprechenden Berufshauptgruppe und darunter in der Berufsgruppe: Für die Landkreise Aurich und Leer konnte die Arbeitsagentur ein mittleres Monatseinkommen berechnen. Beide befinden sich mehr als 1000 Euro unter dem Deutschland-Wert.

Infos auf einen Klick im Internet – im Entgeltatlas der Arbeitsagentur

Eine weitere Möglichkeit, sich Anregungen für Lohn-Verhandlungen zu holen, bietet die Bundesarbeitsagentur für Arbeit mit dem Entgeltatlas. „Dort können die Entgelte für alle Berufe abgerufen werden“, erklärt die Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Hauptsitz in Nürnberg. Der Entgeltatlas ist von Amts wegen dazu gedacht, „Verdienstmöglichkeiten zu prüfen“ und das „Gehalt realistisch einzuschätzen“.

Für den Beruf des Altenpflegers bietet der Entgeltatlas beispielsweise die Information, dass in Deutschland im Mittel 3901 Euro pro Monat bezahlt werden. Vom Anforderungsniveau her handelt es sich um eine Fachkraft.

Altenpflegerinnen und Altenpfleger verdienen in Deutschland laut Entgeltatlas der Bundesarbeitsagentur im Mittel 3901 Euro pro Monat. Quelle: Entgeltaltlas der Bundesarbeitsagentur / Screenshot: 19.12.2024
Altenpflegerinnen und Altenpfleger verdienen in Deutschland laut Entgeltatlas der Bundesarbeitsagentur im Mittel 3901 Euro pro Monat. Quelle: Entgeltaltlas der Bundesarbeitsagentur / Screenshot: 19.12.2024

Mit einer Deutschland-Karte macht der Entgeltatlas seinem Namen alle Ehre. Die Bundesarbeitsagentur veranschaulicht mittels Karten-Grafik, welche Lohn-Unterschiede es regional gibt – in diesem Fall im Beruf des Altenpflegers.

Karten-Grafiken veranschaulichen im Entgeltatlas der Bundesarbeitsagentur regionale Lohnunterschiede. Quelle: Entgeltaltlas der Bundesarbeitsagentur / Screenshot: 19.12.2024
Karten-Grafiken veranschaulichen im Entgeltatlas der Bundesarbeitsagentur regionale Lohnunterschiede. Quelle: Entgeltaltlas der Bundesarbeitsagentur / Screenshot: 19.12.2024

Gehaltsvergleich des Statistischen Bundesamtes mittels Internet-Fragebogen

Mehr ins Detail geht der Gehaltsvergleich, den das Statistische Bundesamt anbietet. Dort muss zunächst der Wunschberuf eingegeben werden – zum Beispiel „Altenpfleger“. Dann muss eine berufliche Oberkategorie ausgewählt werden – in diesem Fall das „Gesundheits- und Sozialswesen“. In der Unterkategorie sind „Heime“ die richtige Wahl.

Danach ist der höchste Abschluss gefragt, zum Beispiel „Ausbildung“. Als nächstes muss das Bundesland angegeben werden, in dem der Arbeitsort liegt. Dann das Alter des Arbeitnehmers. Zum Beispiel 42. Ist der Arbeitsvertrag befristet? In der Altenpflege fehlt es an Fachkräften – also vermutlich eher „Nein“. Es folgt die Frage nach der Beschäftigtenzahl des Unternehmens. Eine der Kategorien in der Auswahl: 10 bis 49. Wird nach Tarif gezahlt? Annahme: Nein. Letzte Frage: Wie lange sind sie bereits im Unternehmen? Das Bewerbungsverfahren läuft, also 0 Jahre.

Der „geschätzte Bruttomonatsverdienst“ von Fachkräften in der Pflege

Der Gehaltsvergleich auf der Internetseite des Statistischen Bundesamtes ergibt für die Fachkraft in der Altenpflege einen „geschätzten Bruttomonatsverdienst“ von 3642 Euro für Frauen und 3982 Euro für Männer. Der Unterschied kommt daher, dass Arbeitnehmerinnen benachteiligt werden – in Ostfriesland ganz besonders.

Das Statistische Bundesamt bietet einen Gehaltsvergleich im Internet, der auf der Beantwortung mehrerer Fragen zum Beschäftigungsverhältnis beruht – hier das Ergebnis für den Beruf des Fachaltenpflegers beziehungweise der Fachaltenpflegerin. Quelle: Statistisches Bundesamt / Screeenshot: 30.12.2024
Das Statistische Bundesamt bietet einen Gehaltsvergleich im Internet, der auf der Beantwortung mehrerer Fragen zum Beschäftigungsverhältnis beruht – hier das Ergebnis für den Beruf des Fachaltenpflegers beziehungweise der Fachaltenpflegerin. Quelle: Statistisches Bundesamt / Screeenshot: 30.12.2024

Die Landesvorsitzende der niedersächsischen Linken, Franziska Junker aus dem Landkreis Leer, hat kürzlich mehr Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt in Ostfriesland gefordert. „Besonders in den Landkreisen Aurich, Leer und Wittmund verdienen Frauen im Schnitt nur zwischen 2800 und 2900 Euro im Monat – weit weniger als in anderen ländlichen Regionen“, hieß es in der Pressemitteilung des Landesverbands der Partei.

Linken-Landesvorsitzende Junker: Altersarmut in Ostfriesland ist weiblich

„Die niedrigen Einkommen und die ungleiche Verteilung der Erwerbstätigkeit von Frauen in Ostfriesland sind ein klarer Beleg für die tief verwurzelte Diskriminierung, die wir als Gesellschaft nicht länger akzeptieren dürfen“, sagte Franziska Junker. „Es ist an der Zeit, dass wir als Politik endlich verbindliche Rahmenbedingungen schaffen, um eine Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt für Frauen umsetzen.“

„Die niedrigen Löhne und die hohe Erwerbsarbeitslosigkeit von Frauen“ sind laut Junker „nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit“. Denn: „Altersarmut ist weiblich – besonders in Regionen wie Ostfriesland, wo Frauen oft in schlecht bezahlten Berufen arbeiten und ihre Erwerbstätigkeit häufig unterbrochen oder unregelmäßig ist.“

So will Niedersachsens Arbeitsminister Philippi höhere Löhne durchsetzen

Geht es nach Niedersachsens Arbeitsminister Andreas Philippi (SPD), dann wirkt der Staat künftig darauf hin, dass das Lohn-Niveau steigt. Sein eingangs erwähnter „Masterplan Gute Arbeit“ sieht eine Änderung des Niedersächsischen Tariftreue- und Vergabegesetzes vor: „Die öffentliche Auftragsvergabe soll sich zukünftig an den jeweils gültigen repräsentativen Branchentarifverträgen ausrichten. Damit soll sichergestellt werden, dass Aufträge, die von der öffentlichen Hand vergeben werden, ausschließlich von Unternehmen angenommen werden können, die sich verpflichten, ihren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bei Ausführung des Auftrags die Arbeitsbedingungen zu gewähren, die der jeweils zugrundliegenden Tarifvertrag vorsieht.“

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