Osnabrück  Weihnachtsmärchen: Neue Filme mit Dornröschen, Schneewittchen und Rotkäppchen

Tilmann Gangloff
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Von Tilmann Gangloff
| 24.12.2024 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
„Dornröschen und der Fluch der siebten Fee“: Prinzessin Rosabella (Alix Heyblom, links) entdeckt an ihrem 16. Geburtstag ein großes Spinnrad im Schloss. Durch einen Stich der Spindel könnte sich der Fluch erfüllen, mit dem Fee Rubia (Bella Dayne, rechts) die Prinzessin kurz nach ihrer Geburt belegt hat. Foto: ZDF/Tim Rosenbohm
„Dornröschen und der Fluch der siebten Fee“: Prinzessin Rosabella (Alix Heyblom, links) entdeckt an ihrem 16. Geburtstag ein großes Spinnrad im Schloss. Durch einen Stich der Spindel könnte sich der Fluch erfüllen, mit dem Fee Rubia (Bella Dayne, rechts) die Prinzessin kurz nach ihrer Geburt belegt hat. Foto: ZDF/Tim Rosenbohm
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Zwei Märchenhighlights zur Weihnachtszeit: Das ZDF überzeugt am 24. Dezember mit „Dornröschen und der Fluch der siebten Fee“. Im Ersten erleben im „Märchen von der silbernen Brücke“ am 25. Dezember Schneewittchen und Rotkäppchen ein gemeinsames Abenteuer. Warum die Filme lohnen.

Anders als die Reihe „Sechs auf einen Streich“, bei der die ARD mittlerweile nicht nur an der Anzahl spart, sind die Weihnachtsmärchen im ZDF ihrer optischen Opulenz treu geblieben: Seit „Rübezahls Schatz“ (2017) sorgt Ngo The Chau („Bad Banks“), für seine Kameraarbeit gleich dreimal mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, regelmäßig für spektakuläre Bilder.

Für den Sendeplatz an Heiligabend im „Zweiten“ ist mit „Schneewittchen und der Zauber der Zwerge“ (2019) auch sein nicht nur aufgrund der exzellenten Bildgestaltung bemerkenswertes Regiedebüt entstanden.

Mit „Dornröschen und der Fluch der siebten Fee“ hat Ngo The Chau bereits seine vierte ZDF-„Märchenperle“ inszeniert. Selbst wenn diesmal nicht alle visuellen Effekte Kinoqualität haben: Die Bilder sind erneut spektakulär.

Gerade die an frühe Technicolor-Produktionen erinnernde Farbgebung ist von einer verspielten Virtuosität; der Himmel sieht aus wie eine Hommage an „Vom Winde verweht“. Allerdings leidet der Film ganz erheblich unter dem Hotzenplotz-Syndrom. Schon „Hexenprinzessin“ (2020) war darstellerisch nicht überzeugend und überzogen, auch „Zwerg Nase“ (2021) war zumindest aus erwachsener Sicht unnötig klamaukig.

Erst mit dem „Märchen vom Frosch und der goldenen Kugel“ (2022) wurde Ngo The Chau dank schwungvoller Regie und kühnem Drehbuch wieder jenem Maßstab gerecht, den er mit „Schneewittchen“ selbst gesetzt hatte.

So gesehen ist „Dornröschen“ ein Rückfall: Manche Mitwirkende erliegen der typischen Annahme, im Kinderfernsehen müsse man möglichst dick auftragen, was einige Darbietungen amateurhaft anmuten lässt; erst recht, wenn Nebendarstellerinnen mit viel mimischem Einsatz versuchen, aus ihren wenigen Szenen erinnerungswürdige Auftritte zu machen.

Leider gilt das auch für Bella Dayne. Mit der Titelrolle in Ngo The Chaus erstem Krimi, „Das Mädchen, das allein nach Haus’ geht“ (2022, ein „Tatort“ aus Berlin), feierte sie nach einigen internationalen Produktionen eine verheißungsvolle Premiere im deutschen Fernsehen. Hier trägt sie als böse Gegenspielerin stellenweise viel zu dick auf.

Wohltuend ist dagegen das sparsame Spiel von Claude Albert Heinrich als Antiheld: Prinz Parvus ist ein unscheinbarer Träumer, den eine junge Frau wie Prinzessin Rosabella (Alix Heyblom) unter anderen Umständen keines zweiten Blickes gewürdigt hätte. Weil die beiden jedoch offenkundig Seelenverwandte sind, erscheint sie vor seinem geistigen Auge, und da er reinen Herzens ist, gelingt es ihm, die Hecke zu überwinden.

Bevor er die verfluchte Königstochter von ihrem Schicksal erlösen kann, kommt es zur finalen Konfrontation mit Rubia, der schurkischen Fee, die allerdings gute Gründe für ihr ruchloses Verhalten hat, wie sich schließlich rausstellt. Außerdem gehörte sie früher zu den Guten, bis sie ihre neugierige Nase allzu tief in einen Folianten voll dunkler Magie steckte.

Das Drehbuch von Dana Bechtle-Bechtinger basiert auf dem bereits 1696 veröffentlichten Märchen „Die schlafende Schöne im Wald“ des Franzosen Charles Perrault; die „Dornröschen“-Version der Brüder Grimm ist erst gut hundert Jahre später erschienen. Die Geschichte erfreut durch viele überraschende Wendungen, die düsteren Teile der Handlung sind zum Teil wahrlich furchteinflößend, zumal sich eine Handvoll grimmiger Schattenwesen (angeführt von Florence Kasumba) als Rubias demonstrativ divers besetzte verzauberte Schwestern entpuppen.

Deren Bruder hat damals ihren Todesfluch abgeschwächt. Rubias Rache lässt ihn zum Terrier werden, sobald er den Bannkreis rund ums Schloss verlässt. Innerhalb nimmt er seine ursprüngliche Gestalt an, aber zum Helden taugt auch er nur bedingt; Soufjan Ibrahim verkörpert den „Feerich“ als personifizierte Sorgenfalte mit Quengelstimme. Kostüm- und Szenenbild sind allerdings ebenso wie die Bildgestaltung ein wahrer Augenschmaus.

Das einzige neue ARD-Märchen kommt dagegen deutlich sparsamer daher, aber schon allein die Idee, Schneewittchen, Rotkäppchen und Rumpelstilzchen in einer Geschichte zu vereinen, ist das Einschalten wert: Die Märchenwelt ist in großer Gefahr. Ihr Schicksal und das der bekannten Figuren liegt in der Hand zweier Bäckerkinder, die sich zum Rad der Zeit durchschlagen müssen.

Die Inszenierung hätte etwas mehr Tempo vertragen können, die visuellen Effekte etwas mehr Budget, und der Unhold der Geschichte erinnert an Samson aus der „Sesamstraße“, aber Detlev Buck und Christina Große als Teufel und Hexe lassen das „Märchen von der silbernen Brücke“ (am ersten Feiertag um 14.45 Uhr im „Ersten“) stellenweise zur romantischen Komödie werden.

„Dornröschen und der Fluch der siebten Fee“, 24.12., ZDF, 15.00 Uhr „Das Märchen von der silbernen Brücke“, 25.12., ARD, 14.45 Uhr

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