Gefangenschaft 1945  Sohn findet vermissten Vater an Weihnachten

Claudia Wimberg
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Von Claudia Wimberg
| 25.12.2024 08:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
79 Jahre alt: Susanne Kuch hält die Postkarte in den Händen, die ihr Vater 1945 an seine Mutter schrieb. Foto: Wimberg
79 Jahre alt: Susanne Kuch hält die Postkarte in den Händen, die ihr Vater 1945 an seine Mutter schrieb. Foto: Wimberg
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Ein kleines Weihnachtswunder: Der damals 15-jährige Ingo Maria Voss sucht über acht Wochen lang seinen Vater, der 1945 im Krieg in Gefangenschaft geraten war. Eine Postkarte verkündete die Nachricht.

Friesoythe - Wenn sich Susanne Kuch an gemeinsame Weihnachtstage erinnert, erinnert sie sich auch an eine berührende Geschichte aus dem bewegten Leben ihres Vaters, die für ihn am Fest der Familie nie fehlen durfte. „Immer wieder hat er sie uns erzählt und sie hat ihn tief geprägt“, sagt die zweitälteste von fünf Töchtern des früheren Friesoyther Realschulrektors Ingo Maria Voss, der Weihnachten 1945 seinen als vermisst geltenden Vater fand.

Ludwig Maria Voss wurde 1901 in Düsseldorf geboren und war ein universell gebildeter Mann. 1938 absolvierte er die Grundausbildung der Wehrmacht. 1940 zum Unteroffizier befördert, lehnte er mehrere Angebote ab, Karriere zu machen und wollte „nicht unter einem Hitler zum Kanonenfutter werden“, wie es sein Sohn in seiner 2016 veröffentlichten Vita „Der Silberfuchs“ beschrieb. Ludwig Voss war als Soldat in Russland und Frankreich und wurde am 30. September 1944 von Partisanen in Italien gefangen genommen. Ab Oktober galt er offiziell als „vermisst im Frontgebiet“.

Wenig Hoffnung den Vater widerzusehen

Seine Frau Ella und ihre vier Kinder hatten in Köln wenig Hoffnung, ihn lebend wiederzusehen, da Partisanen ihre Gefangenen in der Regel erschossen. Doch ein Jahr später berichtete ein früherer Kriegskamerad, den Ehemann und Vater möglicherweise in einem US-amerikanischen Gefangenenzug gesehen zu haben. Für den damals 15-jährigen Ingo Maria und seine 18-jährige Schwester Erika stand aufgrund dieser vagen Annahme Anfang November 1945 fest: Sie werden ihn in der amerikanischen Besatzungszone in Bayern suchen.

Die freudige Nachricht: Seinen „Erfolg“ brachte der 15-Jährige sofort am 26. Dezember 1945 zu Papier, wünschte ein frohes neues Jahr und unterschrieb mit „Gruß und Kuß, euer treuer Ingo.“ Foto: Wimberg
Die freudige Nachricht: Seinen „Erfolg“ brachte der 15-Jährige sofort am 26. Dezember 1945 zu Papier, wünschte ein frohes neues Jahr und unterschrieb mit „Gruß und Kuß, euer treuer Ingo.“ Foto: Wimberg

Aus dem Schutt bargen sie sich zwei alte Fahrräder und hofften, dass die Flicken hielten. Als sie im rheinland-pfälzischen Neuwied den Militärkontrollpunkt als Übergang von der britischen in die französische Besatzungszone überqueren wollten, wurden sie in den Schlangen nach Männern und Frauen getrennt und verloren sich aus den Augen. Daraufhin machte sich Erika auf den Weg zurück. Ingo Maria jedoch trat weiter in die Pedalen Richtung Süden. Er trug nichts weiter bei sich, als seinen Passierschein und seine Kleidung. Bei eisiger Kälte bettelte er sich durch, klaute Kartoffeln und Rüben und schlief in zerbombten Häusern oder Scheunen. In Bayern angekommen fuhr er die Gefangenenlager ab und fragte nach seinem Vater. Am 2. Weihnachtstag dann in Nürnberg-Märzfeld die erlösende Antwort: „Ja, der sitzt bei uns auf der Schreibstube“. Am Zaun durften sie sich zunächst kurz begegnen und sich einen Tag später sogar in die Arme schließen und für ein paar Stunden unterhalten. Die freudige Botschaft, dass „Vati“ noch lebt schrieb Ingo Maria „Mutti“ auf eine bis heute existierenden Postkarte. Mit sechs Pfennig Porto geschenkt vom örtlichen Pfarrer, bei dem er übernachtete.

Acht Wochen war der Junge unterwegs

Ludwig Voss sammelte derweil mit Unterstützung seiner Lagerkollegen ein paar Lebensmittel für die Rückfahrt seines Jungen. Auch ihre amerikanischen Bewacher vom Arbeitstrupp ließ die Geschichte nicht kalt und sie legten noch ein paar Süßigkeiten und eine Windjacke dazu. Nach insgesamt acht Wochen kam Ingo Maria Voss schließlich „einigermaßen verwildert“ wieder zu Hause an. „Für heutige Generationen unvorstellbar“, kommentiert Susanne Kuch die einschneidenden Erlebnisse des Vaters. Ihr Großvater kehrte im Mai 1946 zu seiner Familie zurück. Weihnachten konnte er mit ihr nur noch fünfmal feiern. Ludwig Maria Voss starb am 15. Dezember 1951 nach schwerer Krankheit mit nur 50 Jahren. Sein Sohn Ingo Maria fand seine letzte Ruhe am 6. Mai 2017.

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