Ein Jahr nach Bauernprotesten Wiesmoorer wechselt vom Straßenkampf in die Politik
Mit den Bauernprotesten vor einem Jahr fing für Soenke Burmann das Engagement an. Viele Gespräche mit Politikern später steht für ihn jetzt fest: „Wer etwas bewegen will, muss in die Politik gehen.“
Wiesmoor - Alles begann für den Unternehmer Soenke Burmann aus Wiesmoor vor etwa einem Jahr, als die Landwirte deutschlandweit ab dem 18. Dezember 2023 gegen das Aus der Steuervorteile für Agrardiesel und die Sparzwänge der Ampel-Regierung auf die Straße gingen. Auch an Burmanns Wohnort Wiesmoor hatte es parallel zur großen Kundgebung in Berlin am 18. Dezember 2023 spontan Proteste gegeben. Damals blockierten einige Landwirte mit ihren Treckern für kurze Zeit die Hauptstraße.
Soenke Burmann organisierte seitdem mit Ingo Janßen von Elektrotechnik Hedemann erst die Unterstützung aus dem Mittelstand in Wiesmoor und Umgebung für die Landwirte. Dann folgten eigene Demonstrationen des Mittelstands. Damit ist für Soenke Burmann jetzt Schluss. „Ich habe jetzt die Seite gewechselt“, sagt er. Seit Dezember 2024 ist Burmann Vorsitzender der Freien Wähler im Kreisverband Aurich. Für diesen Schritt hat er einen guten Grund: „Nach einem Jahr muss man ehrlich sagen, dass wir mit unseren Forderungen für den Mittelstand keinen Schritt weiter gekommen sind.“ Deshalb versucht er einen neuen Weg und geht in die Politik.
Ein Jahr Kampf für den Mittelstand
Dabei ist viel passiert, seit Burmann vor einem Jahr durch einen befreundeten Landwirt in die Protest-Szene gekommen war. Erst stand er plötzlich bei den Protesten der Landwirte in Wiesmoor auf der Bühne und hielt eine Rede. Dann folgten die Proteste am 4. Januar und zum Start der Protestwoche der Landwirte am 8. Januar 2024 auf der Pferdemarktkreuzung in Aurich. Schließlich organisierte er mit Janßen und dem gemeinsamen Netzwerk die große Demonstration des Mittelstands am 13. Januar 2024 – die alles toppte.
Der Protest des Mittelstands wurde mit etwa 850 teilnehmenden Fahrzeugen die größte Aktion der bis März andauernden Proteste in Ostfriesland. Trotzdem ist Burmanns Freude darüber gedämpft: „Wenn man ehrlich ist, sind die Forderungen des Mittelstandes damals eher untergegangen“, sagt er. Was man erreicht habe: nichts. Zwar gehe es dem Mittelstand seit einem Vierteljahr wieder besser, „aber das liegt eher daran, dass sich die Menschen an die neuen Bedingungen gewöhnt haben und nicht daran, dass sich etwas geändert hat“.
Viele Gespräche mit Politikern nach den Protesten
Dabei haben Burmann, Janßen und die aus den regelmäßigen „Werkstattgesprächen“ der Mittelständler in der Burmannschen Werkstatt hervorgegangene Initiative WIR (Wirtschaftlich, Innovativ, Regional) auch jenseits der Proteste viel auf die Beine gestellt. „Wir haben uns mit Politikern auf allen Ebenen zu Gesprächen getroffen“, sagt Burmann. Vorab hatte er sich die Unterstützung der Handwerksvertreter geholt, Netzwerke aufgebaut. So kam dann am 5. März 2024 ein Gespräch mit Bundestagsmitglied Johann Saathoff (SPD) unter Ausschluss der Öffentlichkeit zustande.
„Vielleicht war es nicht gut, gleich so hoch einzusteigen“, sagt Burmann heute. „Für uns war das alles noch neu. Wir hatten keine Erfahrungen damit, wie wir unsere Forderungen der Politik gegenüber richtig adressieren“, so Burmann. „Für Johann Saathoff, der das seit Jahrzehnten macht und der rhetorisch geschult ist, waren wir nicht gewappnet“, fügt er hinzu und lacht. Saathoff sitzt seit 2013 als Direktkandidat der SPD für den Wahlkreis Aurich-Emden im Bundestag, seit 2021 ist er Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin des Innern und für Heimat und seit 2024 zusätzlich Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Justiz.
Die Wiesmoorer waren sogar in Berlin
Die Gruppe blieb aber am Ball und lud für den 14. März Politiker der Städte und Gemeinden im Landkreis Aurich zu einer Diskussionsrunde in den Sandhorster Krug ein. „Das war eher ein Gespräch auf Augenhöhe“, so Burmann. Weitere Gespräche folgten. Gitta Connemann, die für die CDU seit dem Jahr 2002 für den Wahlkreis Unterems im Bundestag sitzt, kam dafür sogar extra in seinem Betrieb in Wiesmoor vorbei. „In dem Gespräch kochten die Wogen ganz schön hoch“, erinnert sich Burmann.
Über den Kontakt zu Kreistagsmitglied Sarah Buss (FDP) besuchten die Vertreter des Wiesmoorer Mittelstands sogar den FDP-Bundestagsabgeordneten Christian Dürr direkt im Bundestag – zu einem Gespräch samt Führung. In den Katakomben des Bundestags habe er auch Johann Saathoff wieder getroffen. „In dieser Zeit ist der Gedanke langsam gereift, selbst in die Politik zu gehen“, sagt Burmann. Er hofft, dass etwas dran ist, an Saathoffs Spruch: „Wenn du wirklich etwas ändern willst, musst du in die Politik gehen.“
Politik statt Straßenprotest
Leicht sei es nicht gewesen, sich für eine Partei zu entscheiden. Sein Parteibuch der FDP hatte er schon vor langer Zeit abgegeben: „Mit Lindner und der Kriegstreiberei in der Ukraine komme ich nicht klar“, sagt Burmann. Schließlich kam er auf die Freien Wähler – und übernahm, schon kurz nachdem er den Mitgliedsausweis erhalten hatte, den Vorsitz im Kreisverband Aurich. Die Freien Wähler seien in der letzten Zeit sehr gewachsen und deshalb gerade in einem Umbruch. „Es ist alles überschaubar und sogar der Kontakt in die große Politik in Berlin ist völlig unkompliziert.“
Ihm sei sogar angeboten worden, sich für die nächste Bundestagswahl im Februar 2025 für den Wahlkreis 24 Aurich-Emden als Direktkandidat aufstellen zu lassen. Das hat er abgelehnt. „Ich möchte meinen Betrieb nicht aufgeben“, sagt Soenke Burmann. Denn bei allem Engagement sei er vor allem Unternehmer. Den Betrieb nebenbei weiterzuführen sei bei dieser Betriebsgröße nicht möglich. „Ich kann mir eher vorstellen, bei der nächsten Kommunalwahl für die Freien Wähler hier in der Stadt Wiesmoor anzutreten.“ Denn bei den Gesprächen im vergangenen Jahr habe er auch gelernt, wie viele wichtige Entscheidungen auf dieser Ebene getroffen werden.
Wie geht es jetzt weiter mit den „Werkstattgesprächen“ des Mittelstandes in Wiesmoor? „Darüber müssen wir jetzt gemeinsam sprechen“, sagt Burmann. Denn bei der Organisation von Protestaktionen sei er raus. „Aber ich kann mir gut vorstellen, dass wir daraus einen regelmäßigen Stammtisch machen.“ Auch einige Begleiter aus dem vergangenen Jahr seien dabei, sich politisch zu engagieren. „Vielleicht haben wir bald noch mehr Unterstützer“, sagt Burmann. Namen möchte er noch nicht nennen, um keinen Druck aufzubauen. „Es muss ja alles passen, um diesen Weg zu gehen.“ Burmann erwartet keine Wunder durch diesen Schritt. Dass die Forderung nach weniger Bürokratie für den Mittelstand nicht so leicht umzusetzen ist, hat er längst verstanden. „Es braucht einfach jemanden, der dabei hilft, den Blick weg von der Industrie auf die Bedürfnisse des Handwerks zu lenken.“ Unter anderem dafür sei er da.