Osnabrück Selbstdiagnose: Wie ich dem „Bergdoktor“ verfiel, obwohl ich gar keine Arztserien mag
Der „Bergdoktor“ im ZDF fesselt jede Woche Millionen Deutsche. An den verworrenen Liebesgeschichten kann das kaum liegen, an den hübschen Bildern auch nicht. Die wahre Idylle dieser Serie hat mit einem besonderen Gefühl zu tun.
Mit dem „Bergdoktor“, der gerade wieder angelaufen ist, ist es so: Ich mache mir nichts aus Bergen, und aus Arztserien schon gar nicht, aber der „Bergdoktor“ im ZDF ist eine Fernsehserie über Berge und Ärzte, und ich bin ihr Ultra.
Seit es bei mir angefangen hat, natürlich in der Corona-Zeit (für Kenner: Staffel 14, die Liebes-Storyline mit Linn und Hans!), wundere ich mich darüber, wie das eigentlich sein kann: Warum habe ich mir seitdem mehr als 150 Folgen eines TV-Herzschmerz-Dramas angesehen, wenn mich doch der eigentliche Stoff vermeintlich gar nicht anspricht?
Und ich frage mich, ob ich wirklich der einzige bin, dem es so geht? Den „Bergdoktor“ schauen je nach Folge fünf bis sieben Millionen Leute, für solche Zahlen würde man sich beim „Heute Journal“ wahrscheinlich freiwillig die Mandeln rausnehmen lassen. Sind das wirklich alles Wanderer und Skifahrer?
Ich meine, wer weiß. Natürlich ist der „Bergdoktor“ erst einmal ein Landschafts-Porno. Die Handlung spielt in Tirol, und nach jeder Reanimation in der Klinik, jedem verdächtigen Ultraschall in der Praxis und jedem Beziehungsstress auf dem Milchhof werden erstmal ein paar Sonnenuntergänge hinter den Kitzbüheler Alpen gezeigt. Dagegen habe ich auch gar nichts. Aber wegen dieser Bilder schaut man sich ja nicht extra eine Folge von 90 Minuten an, in der ein alleinerziehender Elektrobauingenieur seinen rätselhaften Keuchhusten nicht loswird.
Letzteres, die Krankheitsgeschichten, können den Erfolg auch kaum erklären. Diese abwegigsten Spezialerkrankungen, irgendwelche Tropeninfektionen (beim heimlichen Thailand-Urlaub mit der Geliebten eingefangen, aber die Ehefrau vergibt ihm am Ende, wenn er künftig beruflich kürzer tritt!) oder das „Broken Hearts Syndrom“ (Schwäche der linken Herzkammer nach persönlichem Schicksalsschlag; kommt in den Kitzbüheler Alpen offenbar häufiger vor als anderswo) - mich lässt das alles eher kalt.
Selbst die verworrenen Liebesaffären, von denen es im „Bergdoktor“ deutlich mehr gibt als Patienten im Wartezimmer der Hauptfigur, des Allgemeinmediziners Doktor Martin Gruber, stehen für mich nicht im Vordergrund. Also, ich finde sie besser als die Kamerafahrten über Bergmassive, und von den vielen Partnerinnen, die Martin bisher hatte, fanden meine Frau und ich Anne am nettesten (der aktuellen, Karin, ist meiner Meinung nach nicht zu trauen). Aber bei dem wohligen Gefühl, Martin und all den anderen in ihrem Alltag zuzusehen, geht es noch um etwas anderes.
Vielleicht kann man es Geborgenheit nennen, was nicht mit Glücklichsein verwechselt werden darf: Die Grubers, ihre Kunden und Patienten sind ständig unglücklich, eigentlich fast immer. Aber sie alle, der Landarzt, die Oma auf dem Hof, der Bruder auf dem Trecker, die Wirtin, der Landmaschinenbaron, die Sprechstundenhilfe, wissen in allem Auf und Ab immer, wo sie hingehören. Sie wollen gar nichts anderes sein als Landarzt, Oma, Wirtin, Sprechstundenhilfe. Das macht das Ganze erst zu einer Heimatserie: Seinen Platz gefunden zu haben, ist Heimat.
Das Mit-sich-im-Reinen-Sein, nicht die verschneiten Alpen, machen den „Bergdoktor“ zur Idylle, die wie jede TV-Idylle natürlich ein bisschen zu schön ist, um wahr zu sein. Aber gar nie zu träumen, ist schließlich auch keine Lösung.