Gefährliche Anfeindungen  Warum eine Familie Aurich verließ

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 08.01.2025 18:18 Uhr | 6 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
In seinem Buch „The Faces of Racism“ verarbeitet Vladimir Prempin unter anderem seine Auricher Erlebnisse. Foto: Romuald Banik
In seinem Buch „The Faces of Racism“ verarbeitet Vladimir Prempin unter anderem seine Auricher Erlebnisse. Foto: Romuald Banik
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Von verbalen Anfeindungen bis zu lebensbedrohlichen Angriffen erlebte Vladimir Prempin in Aurich alle Facetten des Rassismus. Aus seinen Erfahrungen entstand ein preisgekröntes Buch.

Aurich - Rassismus im Alltag ist ein ernstes Thema, das überall auftreten kann. Nicht nur in großen Städten, auch in kleineren Gemeinden wie Aurich ist Rassismus ein Problem. Das sagt Vladimir Prempin. Der gebürtige Haitianer hat ab 2006 in Aurich gelebt und seine Zeit in der Kreisstadt in einem Buch verarbeitet. Im Jahr 2022 ist er mit seiner Familie, Prempin ist mit einer Ostfriesin verheiratet und hat zwei Kinder, in die USA gezogen. Denn seine Familie, vor allem aber er selbst mochte die Anfeindungen in Aurich nicht mehr aushalten.

Das Buch heißt „The Faces of Racism“ und ist im Mai vorigen Jahres erschienen. Ausgezeichnet wurde es im vergangenen Jahr mit dem „New York City Big Book Award“ sowie mit dem „International Book Award“. Prempin erzählt darin autobiografisch, wie er Rassismus nicht nur, aber vor allem in Aurich erleben musste. Nicht nur verbale Anfeindungen prangert er an. Bedroht worden sei auch sein Leben sowie das seiner Familie, erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Radmuttern wurden gelöst

Seit seiner Ankunft in Aurich sei die rassistische Gewalt da gewesen. Sie habe sich aber verstärkt, je mehr er sich in die Gesellschaft integrieren wollte. Seit der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 hätten sich die Vorfälle dann verstärkt. Was Prempin besonders erschreckt: Es gab keine Folgen für die Täter, obwohl er versucht hat, einige der Taten bei der Polizei anzuzeigen.

Das betraf vor allem den Anschlag auf das Leben seiner Familie. Denn bei seinem Auto waren Radmuttern zunächst eines Reifens, später sogar von zweien gelöst worden. Der erste Vorfall ereignete sich laut Prempin am 3. August 2021. Das Auto zog plötzlich nach links. Er ging von einem Achsschaden aus und brachte den Wagen in eine Werkstatt. Der Mechaniker fragte ihn nach der Untersuchung, ob er irgendwelche Feinde habe. Denn am linken Vorderreifen waren alle Muttern gelöst. Acht Monate später wiederholte sich der Vorfall – nur schlimmer. Im April 2022 waren an zwei Rädern die Muttern gelöst, an den anderen beiden nur einige der Schrauben.

Aktiv beim Fußball

Nach diesem zweiten Vorfall, so Prempin, sei er zur Auricher Polizei gegangen. Ohne Erfolg. Ihm wurde nur eine Internetadresse mitgegeben, über die man online eine Anzeige aufgeben könnte. „Danach war ich so frustriert und fühlte mich von der Polizei nicht ernst genommen, dass ich daraufhin keine Anzeigen mehr gestellt habe.“

Vladimir Prempin hat 16 Jahre lang in Aurich gelebt und viele schlechte Erfahrungen gemacht. Foto: privat
Vladimir Prempin hat 16 Jahre lang in Aurich gelebt und viele schlechte Erfahrungen gemacht. Foto: privat

Ein Unbekannter war Vladimir Prempin in Aurich nicht. Er spielte Fußball bei der SG Egels-Popens und hatte eine Zeit lang einen Stand auf dem Auricher Wochenmarkt. Dort verkaufte Prempin karibische Gewürze, Marinaden, Kaffee und vieles mehr. Aurich war nach der Flucht aus Haiti gewählt worden, weil seine Familie damals angenommen habe, dass es sich um eine ruhige Stadt handele, die jungen Menschen viele Entwicklungsmöglichkeiten bieten würde.

Kleiner Sohn wurde angefeindet

Schon bald musste er feststellen, dass er alleine aufgrund seiner Hautfarbe immer wieder diskriminiert wurde. So habe es beim Fußball immer wieder Schiedsrichter gegeben, die ihn nur wegen seiner Hautfarbe schlechter behandelt hätten. Es habe Spiele gegeben, bei denen er und seine Mannschaft von Fans beim Einlaufen angespuckt worden seien. „Jeden Sonntag mussten meine Teamkollegen und ich mit rassistischen Auswirkungen kämpfen.“

Auf dem Spielplatz am Nürnburger Wall musste Prempins damals vierjähriger Sohn seine ersten Erfahrungen mit Rassismus machen. Nach der Arbeit, an einem sonnigen, warmen, Freitag, sei er mit dem Kind und seiner Frau zu dem Spielplatz gegangen, erzählt Prempin. Der Kleine habe schnell andere Kinder zum Spielen gefunden. Das sei die schönste Eigenschaft bei Kindern, so Prempin. Sie können mit anderen Kindern spielen, die sie nicht näher kennen würden. Sie sähen nur das Innere anderer Menschen. Das Aussehen würde Kinder nicht interessieren.

Rassismus als weltweites Problem

Eine weitere Familie mit einem gleichaltrigen Kind sei gekommen. Die Kleinen hätten sofort angefangen zu spielen. Die Eltern hätten sofort mit rassistischen Sprüchen angefangen. Sie hätten ihrem Kind gesagt, es solle nicht mit „so einem schwarzen Kind spielen“. Man könne ja nicht wissen, welche Krankheiten das Kind habe. „Meine Frau und ich sind ruhig geblieben, weil so viele Kinder auf diesem Spielplatz waren.“

„Wenn jemand es fertigbringt, ein unschuldiges Kind zu verletzen für etwas, auf das es keinen Einfluss hat, dann ist diese Person mehr als kriminell und unnütz für die Welt“, sagt Vladimir Prempin.

Das Buch

„The Faces of Racism“ ist in den USA im Verlag Fulton Books erschienen. Die englische Version ist unter der ISBN 979-8-89221-177-2 zum Preis von 16,99 Euro im Buchhandel erhältlich.

Ende dieses Jahres soll das Buch auch in deutscher Sprache erscheinen. Ein genaues Datum dafür steht noch nicht fest.

In seinem Buch gibt es viele andere Beispiele für den Rassismus, den Vladimir Prempin in Aurich erleben musste. Am Ende, sagt er, habe er es nicht mehr ausgehalten. Viel schlimmer als die Tatsache, dass es diese Vorfälle gegeben habe, sei noch etwas anderes gewesen. „Es geht mir gar nicht wirklich darum, wie rassistisch ein Land oder Gesellschaft ist.“ Denn Rassismus sei ein weltweites Problem und es sei somit egal, wo man auf der Erde hingehe. Man könne überall davon betroffen werden. Wichtig sei etwas anderes: „Was wird von den Verantwortlichen in Gesellschaft und Politik unternommen, um die Sicherheit der Betroffenen sicherzustellen?“

Hilfe gab es nicht

„Meiner Meinung nach macht Deutschland zu wenig“, so Prempin. Das Ergebnis dieser Untätigkeit könne man nun bei den jüngsten Wahlen sehen. „Eine rassistische Partei wie die AfD gewinnt immer mehr Zulauf und nutzt das, um ihre rassistische Ideologie im ganzen Land zu verbreiten.“ Im Gegenzug würden die demokratischen Parteien in Deutschland immer mehr an Boden verlieren.

Nach 16 Jahren in Aurich wurde es Vladimir Prempin zu viel. Niemand hatte sich verpflichtet gefühlt, seiner Familie beizustehen. „Wir mussten alleine durch diese Hölle gehen.“ Insbesondere er selbst habe sich oft alleine und von der Gesellschaft ignoriert gefühlt. Deswegen habe man sich entschieden, in die USA auszuwandern.

Er erinnert sich aber auch an die guten Zeiten in Aurich, die es in den Jahren auch gab. Das Fußballspielen, die Weihnachtszeiten und die Auricher Stadtfeste sind nur einige Momente, die er nicht vergisst. „Aurich war mein Zuhause und bleibt trotz allem in meinem Herzen“, sagt Prempin zum Abschluss.

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