Hamburg  Berufsschullehrer erklärt, warum das Handwerk Nachwuchsprobleme hat

Sören Becker
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Von Sören Becker
| 15.01.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auch berufsbildende Schulen haben zunehmend Nachwuchsprobleme. Foto: dpa/Sebastian Kahnert
Auch berufsbildende Schulen haben zunehmend Nachwuchsprobleme. Foto: dpa/Sebastian Kahnert
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Kaum ein Handwerksbetrieb in Deutschland findet genug Auszubildende. Sven Höflich vom Berufsschullehrerverband Niedersachsen, erklärt wo der Schuh drückt.

73.000 unbesetzte Ausbildungsstellen meldete das Statistische Bundesamt im vergangenen Jahr. Ein Trend, der seit einigen Jahren stärker wird. Wo sollen die Handwerker der Zukunft herkommen? Einer, der es wissen muss, ist Sven Höflich. Nicht nur, dass er seit bald 20 Jahren an Berufsschulen im Raum Osnabrück unterrichtet: Er ist auch stellvertretender Landesvorsitzender des Berufsschullehrerverbandes Niedersachsen (BLVN). Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt er, warum es an Auszubildenden fehlt und wie man den Mangel beheben kann.

Frage: Herr Höflich, merken Sie die Anspannung beim Ausbildungsmarkt und das Fehlen von Nachwuchskräften auch an den berufsbildenden Schulen?

Antwort: Ja, auch wir an den berufsbildenden Schulen stellen fest, dass der Nachwuchs für die duale Ausbildung im Handwerk, aber auch bei der Industrie und im Handel in vielen Bereichen rückläufig ist.  Dies kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass Betriebe gar keine geeigneten Auszubildenden mehr finden und die Ausbildung einstellen. 

Frage: Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptursachen für diese Entwicklung?

Antwort: Einer der Hauptgründe ist die demografische Entwicklung in Deutschland. Es werden einfach zu wenig Kinder geboren. Darüber hinaus haben wir weiterhin einen ungebrochenen Trend der Eltern, ihre Kinder zu den allgemeinbildenden Gymnasien zu schicken, die tendenziell nicht auf eine berufliche Ausbildung im Handwerk oder Handel, sondern auf das spätere Studium vorbereiten. Aus der Sicht der Eltern ist das Verhalten verständlich, da die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung noch längst nicht erreicht ist.

Frage: Warum ist ein Studium so viel attraktiver als eine Ausbildung?

Antwort: Ein erfolgreiches Studium bietet den größten Schutz vor Arbeitslosigkeit und sichert in der Regel ein ausreichendes Einkommen. Das ist den Eltern bekannt, dementsprechend wird gehandelt. Allerdings findet auch hier ein Umdenken der Eltern- und Schülerschaft statt. Immer häufiger wird nach dem Abitur eine Ausbildung absolviert, die dann die späteren Berufschancen und die eigene Fachkompetenz stark verbessert.  

Frage: Was wird aktuell unternommen, um die Nachwuchsprobleme zu beheben?

Antwort: Seit Jahren sind die Firmen, Kammern, aber auch die berufsbildenden Schulen sehr engagiert, junge Menschen für die berufliche Ausbildung zu gewinnen. Die Berufsorientierung ist mittlerweile an allen Schulen ein wichtiger Baustein und wird weiter ausgebaut. Viele Firmen und die berufsbildenden Schulen fördern durch Bildungsmessen, Tage der offenen Tür, aber auch praktischen Unterricht an den berufsbildenden Schulen das Interesse der Schülerschaft.  Sie werden dabei durch die Kammern und die Jugendberufsagenturen unterstützt.

Frage: Was könnte aus Ihrer Sicht noch verbessert werden, damit die Nachwuchsprobleme im Handwerk und Handel geringer ausfallen?

Antwort: Die Lebenshaltungskosten sind in den letzten Jahren stark gestiegen, dementsprechend sollten die Ausbildungsvergütungen angepasst werden. Zudem könnten die Firmen mehr Praktika anbieten, damit die Schülerschaft die Unternehmen besser kennenlernt. Auch sollte jede Firma schauen, welche weiteren Möglichkeiten es intern gibt, Ausbildungshemmnisse zu reduzieren.

Antwort: Zudem empfehle ich eine verpflichtende Berufsorientierung auch an den Gymnasien in den Klassen 7 bis 10 einzuführen. Dadurch würden Schülerinnen und Schüler rechtzeitig über berufliche Alternativen in ihrem Lebensweg informiert.

Frage: Wir haben aktuell viele junge Menschen, die nach Deutschland flüchten. Können wir hier auch Nachwuchskräfte gewinnen?

Antwort: Ja, wir sollten unabhängig von der späteren Zukunft der Geflüchteten sofort mit der Vermittlung der deutschen Sprache beginnen. Im Anschluss können die Geflüchteten dann je nach persönlichen Fähigkeiten in die Ausbildung integriert werden.

Frage: Sie haben zu Beginn von Ausbildungseignung gesprochen was meinen Sie damit?

Antwort: Die Schülerinnen und Schüler müssen auch ausbildungsfähig sein. Das bedeutet, dass Sie Grundfähigkeiten in Mathematik, Deutsch und sozialem Verhalten besitzen müssen. Letzteres ist aus meiner Sicht der wichtigste Aspekt. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Interesse am Beruf, sorgfältiger Umgang mit Gerätschaften sind Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Ausbildung.

Frage: Bereiten Haupt-, Real und Gesamtschulen die Schülerschaft gut auf die Ausbildung vor?

Antwort: In diesen oftmals vernachlässigten Schulformen wird sehr gute Arbeit durch die Lehrkräfte in einem herausfordernden Umfeld geleistet. Diese Schulformen sollten stärker gefördert werden, wie das jetzt auch durch das Kultusministerium mit dem Startchancen-Programm geplant ist. Kleinere Klassen, zwei Lehrkräfte pro Klasse und Unterstützung durch multiprofessionelle Teams, das ist der Weg.

Frage: Was natürlich Geld kostet …

Antwort: Korrekt, das ist mir bewusst. Es besteht aber auch die Möglichkeit, die Effizienz der eingesetzten Mittel im Kultusetat von 8,75 Milliarden Euro in Niedersachsen zu evaluieren, vielleicht kommt man dann zu neuen Prioritäten.

Frage: Welche Bedeutung hat die Ausbildung für die Region?

Antwort: Für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist die Ausbildung junger Menschen zu Fachkräften von enormer Bedeutung. Das gilt für alle Lebensbereiche. Somit ist die Gewinnung von Nachwuchskräften für Handwerk und Handel eine der wichtigsten Aufgaben in unserer Gesellschaft. 

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