Hamburg Wie evangelische Bekenntnisschulen mit Homosexualität und Evolution umgehen
Was passiert an evangelischen Bekenntnisschulen, wenn Glaube auf gesellschaftliche Themen wie Homosexualität trifft? Warum sind die Einrichtungen so gefragt, und wie beeinflussen Werte den Unterricht? Ein Gespräch mit dem Generalsekretär des Verbandes Evangelischer Bekenntnisschulen und Kitas liefert Antworten.
Knapp 40.000 Schüler und Kitakinder besuchen in Deutschland eine Bildungseinrichtung des Verbandes Evangelischer Bekenntnisschulen und Kitas (VEBS). Dazu zählen Schulen in Niedersachsen, im schleswig-holsteinischen Elmshorn und zahlreiche Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen, wie etwa in Stemwede. In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage gestiegen, doch die christlichen Einrichtungen sind nicht unumstritten. Im Interview erklärt der Generalsekretär, wie die Schulen mit Homosexualität und Evolution umgehen.
Frage: Herr Stock, Ihr Verband hat 2024 sechs neue Schulen gegründet. Warum ist der Bedarf so groß?
Antwort: Der VEBS ist kein Konzern, der aktiv Schulen gründet. Vielmehr kommen Eltern auf uns zu, weil sie eine Schule wollen, die ihren christlichen Werten entspricht und wir unterstützen sie dabei. Eltern sind oft auch mit den staatlichen Schulen unzufrieden, etwa wegen vieler Unterrichtsausfälle. Der Andrang an unsere Schulen ist groß, viele Bekenntnisschulen könnten doppelt so viele Kinder einschulen.
Frage: Wie lange dauert es, bis aus einer Idee eine Schule wird?
Antwort: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Beispiele, wo eine Schule innerhalb eines Jahres eröffnet wurde, wie etwa gerade in Markkleeberg bei Leipzig. In anderen Fällen dauert es mehrere Jahre, vor allem wegen der bürokratischen Hürden und der schwierigen Suche nach geeigneten Gebäuden.
Frage: Wie finanzieren sich Ihre Schulen?
Antwort: Ein erheblicher Teil der Mittel kommt vom Staat, aber das variiert stark je nach Bundesland. In einigen Bundesländern erhalten freie Schulen nur bestenfalls 60 Prozent der tatsächlichen Kosten, wie zum Beispiel in Niedersachsen, während es in anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen deutlich höher ist, bis zu 85 Prozent. Ein weiterer wichtiger Teil der Finanzierung ist das Schulgeld, das wir leider erheben müssen, um die Differenz zu decken. Das Schulgeld wird sozial gestaffelt, sodass Familien mit geringerem Einkommen weniger zahlen, während einkommensstärkere Familien einen höheren Beitrag leisten. Zudem leisten Eltern oft einen direkten Beitrag durch freiwillige Arbeit, zum Beispiel beim Putzen der Schulgebäude, um die Betriebskosten zu senken.
Frage: An den August-Hermann-Francke-Schulen, die zu Ihrem Verband gehören, dürfen keine homosexuellen Lehrer arbeiten. Ist das ein Einstellungsverbot, das grundsätzlich für alle Einrichtungen bei Ihnen gilt?
Antwort: Einstellungen werden immer von den Trägern der jeweiligen Schule vor Ort eigenverantwortlich getroffen. Dort gibt es sicher unterschiedliche Ansätze, damit haben wir als Verband nichts zu tun. Die meisten unserer Schulen wurden vom Staat auf der Grundlage des Bekenntnisses der Evangelischen Allianz genehmigt, einem der größten überkonfessionellen Verbände in Deutschland. Bei der Schule in Detmold ging es nicht um ein konkretes Verbot, vielmehr sind Bekenntnisschulen „Tendenzbetriebe“, die auf der Grundlage eines Bekenntnisses arbeiten müssen. Lehrkräfte sind wie Journalisten „Tendenzträger“, die das Bekenntnis, auf dessen Grundlage die Schule betrieben werden darf, verkörpern – deshalb muss alles passen.
Frage: Was wäre schlimm daran, wenn homosexuelle Lehrkräfte an Ihren Schulen unterrichten?
Antwort: Es geht um die Verkörperung des Bekenntnisses, auf dessen Grundlage eine Bekenntnisschule genehmigt wurde. Es geht nicht um Diskriminierung oder Reduzierung auf einzelne Merkmale. Vielmehr ist die entscheidende Frage, inwieweit eine Lehrkraft die Genehmigungsgrundlage der Schule mitverkörpert. Lehrer sind ja nicht nur Wissensvermittler, sondern auch Vorbilder. Was Lehrer sagen, ist eine Sache, aber das, was sie vorleben, hat einen viel stärkeren Einfluss. Das betrifft auch die Lebensführung.
Frage: Sexuelle Orientierung ist ja kein Trend, dem man nacheifert, wie einem Haarschnitt.
Antwort: Echt? Da bin ich nicht so sicher... Denken Sie an das neue Selbstbestimmungsgesetz – Jugendliche dürfen beliebig oft und schnell ihr Geschlecht ändern. Alice Schwarzer kritisiert, dass es bei jungen Menschen ein Trend ist, trans zu sein. Wir sind da ganz nah bei ihr.
Frage: Gibt es denn an Ihren Schulen homosexuelle Schüler und ist das ein Problem?
Antwort: Das interessiert uns überhaupt nicht.
Frage: Wie passt denn dieses kategorische Nein zur Einstellung von homosexuellen Lehrkräften zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), in dem ja klargestellt wird, dass niemand wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden darf?
Antwort: Unabhängig vom Schulkontext ist es wichtig, das AGG zu verstehen, denn es hat auch eine wichtige Ausnahme: Im Paragraf 9 gibt es für uns als „Vereinigung, die sich die gemeinschaftliche Pflege einer Religion zur Aufgabe gemacht hat“, das Recht und die Freiheit, uns an unseren Werten zu orientieren. Das bedeutet, wir dürfen Bewerber ablehnen, die unsere Werte nicht teilen. Aber: Wir müssen dieses Recht kaum nutzen, denn wir haben praktisch keine Bewerber, deren Lebensweise nicht mit unserem christlichen Bekenntnis übereinstimmt. Das bezieht sich übrigens keinesfalls nur auf das Thema der sexuellen Orientierung!
Frage: Wie merkt man denn im Schulalltag, dass man an einer christlichen Bekenntnisschule ist?
Antwort: Der Schultag beginnt mit einer täglichen Andacht. Zudem feiern wir die Feste des Kirchenjahres wie Advent, Weihnachten und Ostern, und auch regelmäßige Schulgottesdienste gehören dazu. Unsere Lehrer sind in ihrer Haltung und ihren Werten stark von ihrem christlichen Glauben geprägt, was sich auch in der Art und Weise zeigt, wie sie mit den Schülern umgehen und welche Werte sie vermitteln: zum Beispiel Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gegenüber „Ausländern“.
Frage: Welchen Einfluss hat der Glaube denn auf die Inhalte, zum Beispiel, wenn es um Evolution geht?
Antwort: Unsere Schüler lernen nicht unter einer Käseglocke, wir schotten uns und die Schüler nicht ab! Wir nehmen es ernst, dass wir laut Grundgesetz die Lehrziele des Landes befolgen müssen. In Bezug auf die Evolution lehren wir die wissenschaftliche Sichtweise, wie es auch an staatlichen Schulen der Fall ist. Allerdings vermitteln wir zusätzlich die christliche Perspektive, die Schöpfung durch Gott. Das sollte übrigens auch an staatlichen Schulen der Fall sein. Wir sehen es als wichtig an, dass unsere Schüler beide Sichtweisen kennen und in der Lage sind, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Bei uns kommt auch der Staat vorbei und kontrolliert. Durch diese Kontrollen und durch die Vergleichsarbeiten und das Zentralabitur wird sichergestellt, dass beides auf gleichem Level unterrichtet wird.
Frage: Wie wichtig ist es Ihnen, dass Eltern und Kinder religiös sind?
Antwort: Dem Grundgesetz ist es wichtig: Demnach dürfen wir nur Kinder von Eltern aufnehmen, die sich mit dem Bekenntnis der Schule identifizieren, insbesondere bei Grundschulen. In den weiterführenden Schulen ist es flexibler, aber auch hier sollte eine grundsätzliche Übereinstimmung mit den christlichen Werten vorhanden sein.
Frage: Es gibt also keine Kinder ohne oder mit anderer Religion an Ihren Schulen?
Antwort: Das Bundesverwaltungsgericht hat eine Öffnung erlaubt: In Bekenntnisschulen darf eine Minderheit der Eltern sein, die unser Bekenntnis kennenlernen will. Aber diese Eltern dürfen nicht die Mehrheit stellen. In diesem Sinne sind wir offen für alle. Aber eine Schule, die als evangelische Bekenntnisschule geführt wird, darf laut Grundgesetz keine Muslime oder Menschen aus anderen religiösen Gemeinschaften aufnehmen, weil diese nicht unser Bekenntnis teilen oder es kennenlernen wollen. Während der Flüchtlingssituation 2015 gab es zwar Ausnahmen, als wir wegen unseres Glaubens viele Flüchtlinge aufgenommen und für sie Klassen eingerichtet haben, aber das war eine genehmigte Ausnahme. Bei den ukrainischen Flüchtlingen ist es anders, da viele von ihnen christlich-orthodox sind.
Frage: Wer kommt denn zu Ihnen an die Schule?
Antwort: Vor allem Kinder aus evangelischen Familien. Diese Familien sind sozial sehr gemischt und haben mehrheitlich ein geringes oder durchschnittliches Einkommen. Auf die mehr als 200 Schulen in unserem Verband bezogen, haben weniger als ein Fünftel unserer Schüler einen russlanddeutschen Hintergrund.