Sorgen in der Landwirtschaft Diese drei Themen beschäftigen Landwirte in der Krummhörn
Die Landwirtschaft steht vor einem großen Wandel. Bei einer gut besuchten Podiumsdiskussion in Pewsum wurden einige Sorgen auf den Punkt gebracht.
Krummhörn - Seuchen, Trockenheit, Nässe: Was der Klimawandel in der Gemeinde Krummhörn bereits jetzt für drastische Auswirkungen hat, ist jedes Jahr stärker zu spüren. Kein Wunder daher, dass die Podiumsdiskussion der Ostfriesischen Landschaft mit dem Titel „Herausforderungen der Landwirtschaft in der Krummhörn – früher, heute und morgen in Zeiten des Klimawandels“ zahlreiche Landwirte und andere Interessierte anlockte. Das Interesse an der Veranstaltung in Pewsum am Donnerstag, 16. Januar 2025, war groß, kaum ein Platz blieb in der Mensa der IGS frei. Die drei Kernthemen des Abends:
Tierhaltung, Ackerbau, Pflanzen
Die Landwirte selbst stehen durch den Klimawandel vor vielfältigen Herausforderungen. Die stattfindende Klimaveränderung führt dazu, dass sich zum Beispiel Insekten neue Ausbreitungsgebiete erschließen. Das führt dazu, dass sich auch Seuchen, aktuelles Beispiel ist die Blauzungenkrankheit, deutlich schneller ausbreiten können als das noch vor 50 Jahren der Fall war, sagte Bio-Landwirt Udo-Alberts Tammena aus Hinte. Durch fehlenden Frost im Winter fühlen sich die Überträger auch in Ostfriesland wohler, das Aufkommen ganzer Arten verschiebt sich. Dadurch wird das Eindämmen von Seuchen und Krankheiten immer schwieriger. Das betrifft, das wurde bei der Podiumsdiskussion in Pewsum deutlich, sowohl Tierhalter als auch Ackerbauern. Hinzu kommt, dass sich durch den Klimawandel und die veränderten Temperaturen das Zugverhalten von zum Beispiel Gänsen ändert, was wiederum zu geringeren Erträgen auf den Feldern führt. Auch veränderte Temperaturen und Wetterbedingungen führen zu veränderten Ernteerträgen.
Die Nutztiere selbst spüren den Klimawandel unmittelbar. Vielen Kühen ist es im Sommer draußen zu heiß geworden, so dass sie sich lieber drinnen aufhalten. Bei starken Regenfällen weichen die Böden mancherorts so sehr auf, dass ihnen das Laufen draußen schwer fällt. Manch Landwirt überdenkt daher bereits jetzt, wie er seine Herde anpassen und zum Beispiel auf Rassen umsteigen kann, die hitzeresistenter sind, wurde bei der Diskussion angesprochen. Lüfter- und Nieselanlagen sind zur Temperaturregulierung in modernen Ställen längst Standard geworden.
Es dürfe nicht passieren, dass man in Europa im Kernthema „Herstellung von Nahrungsmitteln für die eigene Bevölkerung“ von anderen Ländern überholt werde, sagte Milva Iderhoff, Landwirtin aus Pewsum. Pflanzenschutz, Sortenvielfalt, Erträge und Nachhaltigkeit. Das alles seien am Ende nicht nur Reaktionen auf den Klimawandel, sondern letztlich Mittel wirtschaftlichen Handelns, bei dem es um den Fortbestand von Betrieben und der hiesigen Landwirtschaft gehe.
Küstenschutz
Das gesamte System Küstenschutz wird vom Klimawandel betroffen sein, sagte Professor Frank Thorenz. Er ist der Leiter der Norder Betriebsstelle des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). „In den letzten 100 Jahren ist der Meeresspiegel bei uns zwischen 17 und 19 Zentimeter angestiegen.“ Aber: Durch den Klimawandel wird der Meeresspiegel, da ist sich die Forschung einig, deutlich stärker steigen. Wie sehr, hängt davon ab, wie sehr die Emissionen von Treibhausgasen reduziert werden können.
Geht man davon aus, dass wir so weitermachen wie bisher, dann gebe es bis zum Jahr 2300 einen Meeresspiegelanstieg von fünf bis zehn Metern, so Thorenz. Dann wäre ein Küstenschutz quasi nicht mehr möglich. Geht man davon aus, dass es gelingt, den Treibhausausstoß zu reduzieren, fällt der Anstieg deutlich geringer aus. Aber: Keiner weiß, wie die Zukunft aussehen wird. „Es gibt große Unsicherheiten und es gibt auch nicht nur ein Modell. Damit müssen wir als Küstenschützer umgehen und sagen, was machen wir denn jetzt in den nächsten 100 Jahren?“
Der moderne Küstenschutz sei vorbereitend, nicht reagierend. Das heißt, die Deicherhöhungen, die aktuell vorgenommen werden, sind vorbereitend auf den Meeresspiegelanstieg, den die Küstenschützer in 100 Jahren erwarten. Aktuell planen die Experten mit einem Meeresspiegelanstieg von einem Meter innerhalb der nächsten 100 Jahre. Zudem werden die Deiche so gebaut, dass später eine weitere Erhöhung möglich wäre. Denn, auch da sind sich die Forschenden einig, nach 100 Jahren wir der Meeresspiegel weiter ansteigen.
Oberdeichrichter Gerd-Udo Heikens sagte dazu, es sei deshalb wichtig, sich nicht auszuruhen und zu warten. Nur, wenn weiter so kontinuierlich in den Küstenschutz investiert werde wie bisher, „und wir weiter unsere Deiche bauen können wie bisher, dann wird das hier gutgehen. Einen Klimawandel lasse ich zu, aber es darf auf keinen Fall ein Sinneswandel werden“.
Entwässerung
Wie Reinhard Berends, Obersielrichter des 1. Emder Entwässerungsverbands, am Donnerstag sagte, steht auch die Binnenentwässerung und künftig wohl auch die Binnenbewässerung vor einem großen Wandel. Auf der einen Seite wachsen die Anforderungen an die in die Jahre gekommenen Entwässerungssysteme schneller als dafür Lösungen geschaffen werden. Die vergangenen regenreichen Sommer hätten gezeigt, wie schnell die Kapazitäten ausgeschöpft seien. Forderungen nach weiteren Entwässerungsmöglichkeiten, also zum Beispiel weitere Pumpsysteme oder Retentionsflächen, formuliert der Verband bereits seit Jahren.
Auf der anderen Seite dürfte in Zukunft bei zunehmenden Trockenperioden neben dem Zu-Viel an Wasser auch das Zu-Wenig an Wasser herausfordernd werden. „Die Nutzungskonflikte für Wasser werden zunehmen“, sagte Behrends. Trinkwasser, Wasser für die Landwirtschaft, Wasserstoffgewinnung und Industrie seien da nur einige Beispiele.