Osnabrück  Hoeneß, Matthäus, Klinsmann und Co.: Wie der „FC Hollywood“ die Bundesliga prägte

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 17.01.2025 16:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Exzentrische Stars wie Lothar Matthäus oder Jürgen Klinsmann brachten den Bayern in den 1990er Jahren den Spitznamen FC Hollywood ein. Foto: dpa
Exzentrische Stars wie Lothar Matthäus oder Jürgen Klinsmann brachten den Bayern in den 1990er Jahren den Spitznamen FC Hollywood ein. Foto: dpa
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Eine neue Dokumentation in der ZDF-Mediathek zeigt die Geschichten und Skandale des FC Bayern München in den 90er-Jahren. Unser Fußball-Kolumnist über eine stürmische und höchst abwechslungsreiche Zeit in der Bundesliga.

Über zu wenig Fußball im Fernsehen kann man sich wirklich nicht beklagen. Nicht nur, weil der Ball ja schon so früh wieder rollt, sondern auch wegen all der Filmchen und Dokus, die gedreht werden. Eine Beckenbauer-Würdigung in drei Teilen und ein EM-Rückblick hat das Jahr schon gebracht und in der ZDF-Mediathek kann man sich einen Fünf-Teiler über den „FC Hollywood“ reinziehen. Die Jüngeren mögen sich fragen, wo der denn spielt. Ich war noch jung, als er geboren wurde. Genauer gesagt entstand der Begriff in der Redaktionskonferenz der „Bunte“, wie wir jetzt wissen. So wurde in der Mitte der Neunziger der FC Bayern München bezeichnet.

Stars hatten sie in der Bundesliga immer, aber eine solche Anhäufung von Exzentrikern, Extrovertierten und Extrem-Ehrgeizlingen noch nie. Es war gewollt von Manager Uli Hoeneß, der die mediale Aufmerksamkeit suchte, um den Verein aus dem Tal zu führen, durch das der kurz nach der Wiedervereinigung noch gewatet war. Dass das Stadion, damals noch das Olympische von 1972, wie heute immer voll war? Kein Gedanke. Dass sie immer Meister wurden? 1991 nicht, 1992 nicht und auch 1993 nicht. Da musste erst der Kaiser eingreifen, eigentlich Vize-Präsident, aber als Alleskönner jederzeit in der Lage, die Starkicker per Handauflegen zur Meisterschaft zu führen. Was auf Dauer natürlich zu wenig war, sie wollten ja den europäischen Henkelpott. So war das Beste gerade gut genug.

Bestandsaufnahme anno 1995: im Vorstand zwei Weltmeister und ein Europameister, im Trainerstab zwei Weltmeister, im Kader elf Nationalspieler, darunter zwei weitere Weltmeister. Dummerweise zwei, die sich nicht riechen konnten: Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann. Dazu Teeniestars, ausländische Diven und jede Menge Egozentriker mit Hang zur öffentlichen Meinungsbekundung. Die Journalisten bekamen damals vom Verein sogar eine Telefonliste des Kaders, selbst ich. In dieser hochexplosiven Lage wurde ein Trainer verpflichtet, der in Bremen „König Otto“ genannt wurde. Otto Rehhagel verließ sein Paradies und wählte die Trainerhölle, in der schon Vorgänger (und Nachfolger) Giovanni Trapattoni an den Rand der Verzweiflung getrieben wurde.

Ich war damals kein Bayern-Reporter, aber als Mitarbeiter einer Boulevardzeitung doch ziemlich nah dran an den Geschichten, die in München fast täglich produziert wurden. Gut erinnere ich mich der glänzenden Augen des Chefredakteurs, als unser Chefreporter in der Konferenz mitteilte, Lothar Matthäus fordere Jürgen Klinsmann zum TV-Duell. Quasi öffentlich wollte der Rekordnationalspieler mit seinem Antipoden klären, ob der ihn nun aus der Nationalmannschaft hatte absägen wollen oder nicht. Dazu kam es nicht, dafür stritten sie noch ein Jahr weiter. Es gab unfassbare Geschichten, an die diese Doku wieder erinnert: Matthäus wettete gegen Hoeneß um 10.000 DM, dass Klinsmann keine 15 Tore schieße.

Weil Matthäus als Boulevard-Informant galt, wurde er intern angegriffen und war deshalb so sauer, dass er bei einem Spiel nach der Pause ohne Binde auflief – denn er wollte nicht mehr Kapitän dieser Mannschaft sein. Dann veröffentlichte er ein Saisontagebuch in der Bild-Zeitung und Thomas Helmer sagte öffentlich: „Kranken Menschen muss man helfen!“ Öffentlich kritisiert wurden auch die bemitleidenswerten Trainer. Rehhagel musste sich sagen lassen, man habe „keine Taktik“ und selbst Beckenbauer schimpfte ihn einen „Verrückten“, weil Otto Teenie-Star Mehmet Scholl nicht aufstellte.

Als Trapattoni Klinsmann im Mai 1997 auswechselte, trat der in eine Werbetonne und schuf ein ikonisches Bild der Bundesligageschichte. Dafür gab es eine Geldstrafe, wie es überhaupt dauernd welche gab. Auch für die nächsten schillernden Neuen Mario Basler und Stefan Effenberg, die gern abends länger ausgingen und auch mal alkoholisiert Auto fuhren. Hoeneß schickte Basler einen Detektiv hinterher, um stichhaltige Beweise für dessen Casino-Besuche zu haben. Leichter war es, das Rauchen nachzuweisen, das demonstrierte er in einer Talkshow. Kameras liefen auch sonst immer und überall und hielten fest, was in jedem Verein in jeder Saison einmal passiert: eine Watsch’n im Training. Bei Bayern war es eine Schlagzeile wert, zumal das Opfer der Rekordnationalspieler war.

Jüngere Zuschauer werden es kaum fassen können: Diese Doku ist eine Reise in eine Zeit, die nie mehr kommen wird. Auch nicht so ähnlich. Noch immer stehen die Bayern im medialen Fokus wie kein anderer Verein in diesem Land, noch immer suchen die Journalisten nach bunten Geschichten. Aber heute gibt es Zäune, Geheimtrainings, Berateragenturen und einen Presseabschirmdienst als Reaktion darauf, was damals alles aus dem Ruder lief. Denn Vorbilder für die Jugend waren diese Fußball-Idole nicht.

Im Grunde ist der FC Hollywood schuld daran, dass das Drumherum um die Bundesliga heute wieder so langweilig ist. Zensierte Interviews vor Sponsorenwänden, seichtes Fan-TV und domestizierte Akteure, die bei der Auswechslung vom Physio- bis zum Ersatztorwart jeden Abklatschen müssen, statt ihre Wut herauslassen zu dürfen. Das konterkariert die Pläne der Privatsender, die für mehr Geld auch wieder mehr Show haben wollen –und nach dem Spiel in die Kabine. Das wären amerikanische Verhältnisse, die nicht mal der FC Hollywood bot. Aber so weit wird es nicht kommen, denn die echten Typen sitzen heute mit grauen Haaren in den Talkshows.

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