Alles Kultur Einfach mal wieder ein Kreuz machen
Unsere Kolumnistin hat sich nach 20 Jahren wieder aufs Pferd getraut. Sie hofft, dass auch andere Menschen ihren Traum verwirklichen – auch den von der Demokratie.
Ich saß auf einem Pferd. Einem großen, nicht etwa einem kleinen Mini-Shetlandpony, sondern so einem großen, anständigen Tier und das zum ersten Mal seit 20 Jahren. Es war, als hätte jemand die Zeit zurückgedreht. Meine Hände wussten genau, wie ich das Halfter über die Nase streife, meine Beine erinnerten sich an den Takt des Trabens und die Gallopphilfen und mein Herz schlug genau wie damals – ein bisschen schneller und aufgeregter. Doch da war auch die Angst. Diese altbekannte, vertraute Angst vor einem plötzlichen Sprung, vor der unberechenbaren Freiheit eines Wesens, das stark genug ist, einfach loszurennen. Aber genau das machte es so besonders. Routine traf auf das Außergewöhnliche, und ich saß mitten drin – oder besser: oben drauf. Zwei Tage lang trug mich die Erinnerung daran durch meinen Alltag, während mein Körper mich lautstark daran erinnerte, dass ich Muskeln an Stellen habe, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich da Stellen habe.
Ich fragte meinen Freund: „Sag mal, was hast du eigentlich das letzte Mal vor 20 Jahren gemacht?“ Er lächelte: „Turniertanz.“ Ich wollte ihn gleich bei Schrock-Opitz anmelden, doch er hielt mich auf und sagte, die Zeit sei doch wohl vorbei. Doch das haben wir noch nicht bis zum Ende durchgefühlt beziehungsweise diskutiert.
Ach, wie wäre es, wenn wir alle uns auf die Suche nach unseren alten Träumen machen? Die, die wir vor 20 Jahren geträumt und dann irgendwo zwischen Verpflichtungen, Job und Alltag vergraben haben? Es muss ja nicht gleich ein Turnier sein, kein Wettbewerb, kein großer Auftritt. Es reicht, wenn wir uns wieder daran erinnern, wie es sich angefühlt hat.
Ich kenne Leute, die seit 20 Jahren nicht mehr wählen waren. Menschen, die ihre Stimme verloren haben, nicht im physischen, aber im demokratischen Sinne. Wie wäre es, diese Stimme wiederzufinden? Den alten Traum von Mitbestimmung, von Verantwortung, von Gehör, neu zu träumen? Ich verspreche euch: Vom Kreuz machen – ohne Haken – bekommt man keinen Muskelkater. Aber vielleicht ein kleines, wohltuendes Ziehen im Herzen.
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