Dresden  Ballett-Legende John Neumeier analysiert Donald Trumps Tanzstil

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 24.01.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Star-Choreograf John Neumeier. Foto: dpa
Star-Choreograf John Neumeier. Foto: dpa
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Der Choreograf John Neumeier spricht im Interview über Verträge mit Putins Balletthäusern und über den Tanz-Stil der „Oligarchen“ Donald Trump und Elon Musk.

Zum Weltstar wurde der Amerikaner John Neumeier in Deutschland. In mehr als fünf Jahrzehnten als Chef des Hamburg Ballett hat er die Sprache des Tanzes neu formuliert und damit höchste Ehren erworben: Großes Bundesverdienstkreuz, Kyoto-Preis, Orden pour le Mérite.

In der Dresdner Semperoper zeigt er gerade seine Choreografie über den legendären Tänzer Nijinsky. Nach einer Probe hat er mit uns über sein Leben und seinen Blick auf die Welt gesprochen – vom amerikanischen „Oligarchen“ Elon Musk bis hin zum Bolschoi-Ballett unter Putin.

Frage: Herr Neumeier, wann in Ihrer Kindheit haben Sie bemerkt, dass man einen Körper nicht einfach nur hat, sondern der Welt etwas damit mitteilen kann?

Antwort: Als ich ein Kind war, ist meinen Lehrern zuerst etwas ganz Anderes aufgefallen: Eine Begabung fürs Zeichnen, in der ich mit eigenem Unterricht gefördert wurde. Trotzdem hatte ich einen Drang zur Bewegung. Tanz kannte ich aus dem Kino, aus Musicals mit Gene Kelly. Ich liebte die Momente, wenn getanzt wurde, und habe mich bei jedem Dialog gelangweilt. Als ich zum ersten Mal in einem Ballett war und eine Tänzerin auf die Bühne kam, habe ich gebetet, dass sie bitte nicht spricht.

Frage: Wenn Gene Kelly Sie inspiriert hat – haben Sie als Kind dann auch gesteppt?

Antwort: Genau, ich habe als Stepptänzer angefangen. Nach ein, zwei Jahren genügte mir das nicht mehr und ich bin zum Ballett gewechselt. Als ich zum ersten Mal die klassischen Übungen an der Stange gemacht habe, war das einerseits etwas Fremdes und Neues. Andererseits fühlte es sich so an, als ob ich nach Hause gekommen wäre.

Frage: Die Musicals mit Gene Kelly oder Fred Astaire entwerfen ein unschuldiges Amerika-Bild. Wenn man die zweite Trump-Administration mit ein paar richtig schönen Klassikern überbrücken wollte, was wären dann Ihre Filmtipps?

Antwort: (Lacht.) Eine gute Idee! Da kann ich Sie nur ermutigen. Der tollste Tanzfilm ist wahrscheinlich Stanley Donens „Singin‘ in the Rain“. Da spielt Gene Kelly einen Filmstar am Beginn der Tonfilm-Ära. Ein zweiter Film, den ich sehr liebe: „The Band Wagon“ mit Fred Astaire und Cyd Charisse. Es geht um einen Entertainer, der sich in eine berühmte Balletttänzerin verliebt und sie zum Revue-Star macht.

Frage: Im US-Wahlkampf hat auch Donald Trump gern getanzt. Genau wie Elon Musk, der springt und tanzt, so gut er es eben hinkriegt. Was denken Sie, wenn Sie die beiden sehen?

Antwort: (John Neumeier versenkt das Gesicht in seiner Hand.)

Frage: Möchten Sie diese Geste in Worte fassen?

Antwort: Das ist furchtbar. Schrecklich. Donald Trump, Elon Musk … diese Menschen sind Oligarchen ohne Hemmungen, in jeder Hinsicht. Wie sie sich benehmen, wie sie reden. Trump hat schon die Sprache zum Schlechten verändert. Wenn er dann noch tanzt, muss ich wegschauen. Ich kann diesen Mann nicht ausstehen, weil man in jeder seiner Bewegungen spürt, welcher Gedanke dahintersteht. Es ist ja nur eine einziger: Selbstsucht. Ich hoffe, dass diese Antwort genügt.

Frage: An der Dresdner Semperoper proben Sie gerade einen Abend über den Balletttänzer und Choreografen Nijinsky. Geboren wurde er – je nach Quelle – 1888 oder 1890 in Kiew. Wissen Sie, ob sein Geburtshaus noch steht?

Antwort: Nein – die Familie hat aber auch nie in Kiew gelebt. Er wurde zufällig dort geboren, als die Eltern auf Tournee waren. Hauptsächlich haben sie in St. Petersburg gelebt. Ich habe die Wohnung gesucht und glaube auch, sie gefunden zu haben. Ganz sicher war ich aber nie, weil die Straßennamen geändert wurden. Dass wir das Haus nicht hundertprozentig kennen, hat jedenfalls nichts mit dem aktuellen Krieg zu tun.

Frage: Wegen des Kriegs haben Sie die Aufführung Ihrer „Kameliendame“ im Bolschoi-Theater untersagt. Können Sie diese Situation mal beschreiben?

Antwort: Es gibt bei jeder Choreografie eine zeitlich begrenzte Lizenz. Das Bolschoi-Theater hatte die „Kameliendame“ ein paar Jahre gespielt und wollte verlängern. Und ich habe es nicht erlaubt. Ich wollte ein Statement setzen – direkt am Bolschoi, Russlands Aushängeschild. Der einstige Intendant Wladimir Urin, ein Kriegsgegner, wurde inzwischen durch einen Putin-Freund ersetzt. Das sagt mir nur, wie richtig die Entscheidung war. Ich habe immer die besten Beziehungen zu Russland gehabt. Ich habe wahnsinnig gerne in Petersburg und Moskau gearbeitet – bis zu diesem Krieg. Sehr gute Freunde habe ich in Russland immer noch, tolle Menschen und tolle Künstler. Und auch über meine Choreografien entscheide ich immer im Einzelfall. Eine Lizenz für „Anna Karenina“ habe ich verlängert.

Frage: Was war da anders?

Antwort: „Anna Karenina“ ist ein klassischer russischer Stoff. Schon, dass das überhaupt ein Ausländer in Russland interpretiert, ist etwas Besonderes – erst recht, wenn es ein offen homosexueller Amerikaner ist. Wir spielen nicht nur russische Musik. Neben Tschaikowsky verwenden wir auch Alfred Schnittke und Cat Stevens. Und dann erzählt das Werk sehr deutlich von Machtpolitik. Es richtet sich absolut gegen die Regierung, die jetzt in Moskau herrscht. Wenn sie das in Russland auch jetzt noch spielen wollen, bin ich dafür.

Frage: Nach Putins Einmarsch in die Ukraine wurden russische Künstler im Westen aufgefordert, ihr Verhältnis zum Regime zu erklären. Wie haben Sie das gesehen?

Antwort: Zu der Zeit war ich noch Direktor des Hamburg Ballett. Wir hatten Russen im Ensemble und die hatten mit Wladimir Putin gar nichts zu tun. Wenn ein Künstler eine direkte Beziehung zu Putin hat, ist das ein anderer Fall. Ich sage nicht, dass er deshalb nicht mehr auftreten soll. Aber es ist problematisch, wenn ein Künstler von dieser Regierung gefördert wird. Meine Politik ist eher, nicht zu beurteilen. Eine russische Herkunft allein ist für mich kein Kriterium. Wenn Polen Tschaikowsky nicht mehr spielt, weil er Russe war, habe ich kein Verständnis. Der arme Tschaikowsky hat mit dem Krieg wirklich nichts zu tun! Man kann den Menschen seine Kunst nicht vorenthalten, nur, weil es im Moment in diesem Land einen Diktator gibt.

Frage: Putin attackiert auch die Kultur der Ukraine. Zu den ersten Kriegsbildern gehörte das zerstörte Theater in Mariupol. Haben Sie Freunde und Kollegen im Krieg verloren?

Antwort: Nein. Nach dem Angriff hat Edvin Revazov, ein ukrainischer Solist aus meinem Ensemble, für einige Tänzer aus seiner Heimat gesorgt. Daraus ist eine kleine Kompanie entstanden. Außerdem existiert immer noch ein Ballett-Ensemble in Kiew, dem ich ein Ballett – „Spring and Fall“ – geschenkt habe. Ein ukrainischer Tänzer von mir hat sogar mit ihnen dort gearbeitet. Diese Kompanie habe ich auch nach Hamburg für die Nijinsky-Gala eingeladen, und für einige hat es die Einberufung hinausgezögert. Es war sehr berührend, als sie auf unserer Bühne standen und wir vor der Vorstellung die ukrainische Nationalhymne gespielt haben. Sie sind aber alle zurückgegangen. Und sie tanzen auch noch, trotz des Kriegs. Auch die Tanzkompanie der Kiewer Oper arbeitet und tourt weiter.

Frage: Lassen Sie uns zu Nijinsky kommen, dessen Leben Sie auf der Bühne erzählen. Was macht ihn zu einer so bedeutenden Figur?

Antwort: Anfang des 20. Jahrhunderts stagnierte das europäische Ballett. Und in diese träge Stimmung platzte Sergej Diaghilev, ein Impresario, der den Tanz als Gesamtkunstwerk neu definierte und dafür die fortschrittlichsten Maler und Komponisten zusammenbrachte – und sein Star war Nijinsky. Er muss technisch hervorragend gewesen sein und eine nicht vorstellbare Sprungkraft besessen haben. Sehen kann man es nicht mehr. Es gibt keine Filmaufnahmen von ihm – ein paar Sekunden ausgenommen, in denen er die Straße runterläuft. Mehr als alles andere hatte er aber eine unglaubliche Ausstrahlung. Das erste Buch über ihn wurde 1913 von Geoffrey Whitworth geschrieben, auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Und es beschreibt nicht seine Technik, sondern seine Wirkung.

Frage: Wie war die denn?

Antwort: Die Ballets Russes bedeuten Glamour und waren ein absolutes Zeitphänomen. Nijinsky kam 1909 mit der Kompanie nach Paris und die Menschen waren überwältigt. Die Wirkung der Kompanie war so intensiv, so sinnlich, so erotisch. Männliche Rollen wurden damals noch oft von Frauen getanzt. Auf einmal sahen die Menschen diesen androgynen Mann! Modeschöpfer haben sich sogar von seinen Kostümen inspirieren lassen. Viele Künstler haben ihn porträtiert.

Neumeiers Nijinsky: Hier erfahren Sie mehr über die Choreografie – in der Hamburger Version:

Frage: Welche Rolle spielt er als Choreograf für Ihre eigene Arbeit?

Antwort: Nijinsky war der erste wirklich moderne Ballettchoreograf. Er hat nicht nur eine neue Technik entwickelt, wie es zum Beispiel Mary Wigman getan hat. Er hat die klassische Ballettkompanie als Instrument aufgefasst und ganz neue Bewegungen verlangt. Es war revolutionär, baute aber auf die klassische Balletttradition. Martha Graham oder Rudolf Nurejew haben Choreografien gemacht, die am Ende immer auch zeigen, was sie selbst am besten konnten. Nijinsky hat das, wofür er berühmt war, in seinen Balletten gar nicht unbedingt gezeigt. Er hat nach einer Vision gesucht und dabei selbst eine Transformation durchgemacht. Seine Eigenwilligkeit und Konsequenz haben mich beeindruckt.

Frage: Charlie Chaplin hat Nijinsky mehrfach tanzen sehen. Können Sie es ihm verzeihen, dass er nie die Kamera draufgehalten hat?

Antwort: Es stimmt. Nijinsky war in Chaplins Studio. Aber Diaghilev wollte angeblich keine Filme von den Balletten. Ob das auch für Nijinsky gilt, weiß ich nicht. Jedenfalls haben wir keine Tanzfilme von ihm. Es ging auch anders. Von Anna Pawlowa haben wir ganz viele Filme. Einige stützen immer noch die Faszination für diese Tänzerin. Viele wirken aber auch durch die damals noch junge Filmtechnik etwas lächerlich. Es ist sehr schade, dass wir Nijinsky nie tanzen sehen. Dass wir keinen Nijinsky-Film vor 1919 haben, bedaure ich aber nicht. Mit den damaligen Möglichkeiten des Films wäre nichts Gutes entstanden.

Frage: Sie besitzen eine offenbar enorme Sammlung mit Nijinsky-Erinnerungsstücken. Was haben Sie zusammengetragen?

Antwort: Angefangen habe ich mit Büchern – einfach als Recherche-Material. Viel später kam dann eine Nijinsky-Zeichnung von Klimt dazu, eine Zeichnung von Modigliani, Bronzefiguren, Kostümentwürfe – Dinge, die künstlerisch sehr wertvoll sind. Außerdem Briefe von ihm, sehr viele Original-Fotos und ein wesentlicher Teil der Zeichnungen, die er selbst angefertigt hat. Als die erste Wand voll war, wurde mir klar: Das kann ich nicht für mich selbst gesammelt haben. Es ist auch keine Wertanlage. Ich sehe das als meine Aufgabe – ich muss dies pflegen und erhalten. Also habe ich eine Stiftung gegründet, mit der ich auch die Nijinsky Family Collection gekauft habe: Kostümteile, Perücken und verschiedene Schuhe von ihm.

Frage: Hat Nijinsky selbst Dinge mit dem Bewusstsein seiner kulturhistorischen Bedeutung aufbewahrt?

Antwort: Nein, gar nicht. Das Einzige, was er dem Vergessen entgegengestellt hat, war eine eigene Tanzschrift, die wahnsinnig komplex ist und bis heute nicht komplett entziffert werden konnte. Es war ihm sicher kein Anliegen, sich selbst zu dokumentieren.

Frage: Herr Neumeier, im letzten Jahr haben Sie sich von der Aufgabe als Direktor des Hamburg Ballett verabschiedet – nach über fünfzig Jahren. Haben Sie sich auf diese große Veränderung vorbereitet?

Antwort: Ich habe mich gar nicht vorbereitet. Irgendwann musste ich einfach diesen Schnitt machen. Mir war aber klar, dass ich nicht zu Hause bleibe und Netflix anschaue. Seit dem Juni bin ich vielleicht zwei Wochen in Hamburg gewesen. Ich bin immer unterwegs und arbeite mit Gast-Kompanien. Das ist sehr intensiv. Es ist die totale Konzentration und ohne das Gefühl, meiner eigenen Kompanie fremdzugehen. Auf der anderen Seite ist es ein Verlust der Mitte.

Frage: Überlegen Sie, Ihre Erinnerungen aufzuschreiben?

Antwort: Mich verfolgt der Gedanke an eine Autobiografie. Aber ich weiß nicht, wann ich das machen soll. Es geht ja alles immer weiter. Jetzt sitzen wir hier in Dresden zusammen. In ein paar Tagen gehe ich nach Venedig und von dort aus nach Melbourne, dann nach Stuttgart, noch einmal nach Melbourne oder nach Korea oder Peking.

Frage: Wenn man eine Kunstform so lange betreibt wie Sie und auf so hohem Niveau – weiß man dann: Ich kann es – es gelingt. Oder können Sie immer noch scheitern?

Antwort: Ich weiß es nicht. Das ist das Besondere an der Choreografie. Ich beherrsche jeden Schritt. Ich kann auch viele Schritte nacheinander machen. Das ist aber nur ein Arrangieren. Choreografie ist etwas, das durch einen passiert. Es entsteht eine Welt, die anders ist, als man es plant. Eine Choreografie überrascht mich. Ich habe das Gefühl: Das ist nicht von mir. Das ist unberechenbar. Ich weiß immer nicht, ob ich wieder choreografieren kann.

John Neumeiers „Nijinsky“ an der Dresdner Semperoper: Die Premiere des Tanzabends findet am 24. Januar statt; bis zum 23. Februar steht die Choreografie auf dem Spielplan.

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