Osnabrück Zerschlagene Glasscheiben: Staatsversagen an der Bushaltestelle
Kaputte Bushaltestellen, zerschlagene Scheiben: Sie finden sich überall in Deutschland. Warum Krawallmacher ihrer Zerstörungswut freien Lauf lassen – das ist die eine Frage. Es stellt sich aber noch eine ganz andere Frage. Und die betrifft den Staat – und viel Geld der Steuerzahler.
Manchmal mache ich mir an dieser Stelle über die weite Welt Gedanken, manchmal über Deutschland, manchmal über den Menschen. Diesmal geht es um Bushaltestellen. Obwohl, irgendwie hat das Thema doch wieder mit dem Menschen zu tun. Und mit Deutschland. Vielleicht auch mit der weiten Welt. Auf jeden Fall aber mit Geld.
Anlass ist, dass ich immer wieder Bushaltestellen passiere, deren Scheiben zerstört sind. Gefühlt ist das bei etwa jeder zweiten der Fall. Wenn man erst einmal begonnen hat, darauf zu achten, sieht man sie plötzlich überall.
Besonders kurios wird es, wenn die Scheiben erst drin waren, dann ersetzt werden und wenig später wieder in Scherben am Boden liegen. Man entwickelt gar eine gewisse Vertrautheit mit dem Anblick, denkt, ach, da ist es wieder geschehen. Fast ist man enttäuscht, wenn man aus dem Augenwinkel heile Scheiben einer Bushaltestelle entdeckt. Wie lange mögen sie halten, fragt man sich? Werden die Scheiben nur zerschlagen oder der Rest auch beschmiert? Irgendwann hat man die Antwort, man muss nur lange genug warten.
Eines Tages wollte ich mehr wissen, und zwar, wie hoch die Schadenshöhe eines solchen Vorfalls ist, wenn man doch schon für eine kleine Duschabtrennung vierstellige Beträge hinlegen kann, ohne dass dafür der kommunale Bauhof mit einer ganzen Kolonne anrückt.
Google weiß Rat, dachte ich, und warf die Maschine just mal an – hätte es aber besser gelassen. Oder googeln Sie doch mal selbst nach „Bushaltestellen Scheiben zerstört“. Sie finden Hunderte Meldungen untereinander. Eine digitale Chronik des bundesrepublikanischen Sittenverfalls, quer durch den Rest der Republik. Aus Hövelhof werden Vorfälle berichtet, aus Ludwigsfelde, Lübeck, Oldenburg, Dülmen, Dorsten, Bremerhaven, Frankfurt und so geht es weiter, seitenlang, immer weiter.
Mal wird der Schaden mit 5000 Euro angegeben, mal mit 50.000 Euro. Manchmal ist es noch mehr. Regelmäßig müssen die Scheiben an gleich allen Haltestellen einer Gemeinde dran glauben. „Unbekannte lassen Zerstörungswut freien Lauf“, steht dann über den Meldungen, oder so ähnlich.
Es handelt sich um Idioten, die so etwas tun – keine Frage. Aber ich habe eine andere Frage an Sie: Worum handelt es sich bei den Menschen, die die Scheiben immer wieder aufs Neue einsetzen?
Warum machen sie das? Warum haben Bushaltestellen in Deutschland überhaupt Scheiben aus Glas?
Von mir aus kann es durchaus etwas ziehen in den Wartehäuschen, das tut dem Nutzen schwerlich Abbruch. Wo ein Wetterschutz auf freier Flur unabdingbar erscheint, lässt sich womöglich ein Lochblech montieren oder eine Abtrennung mit Holz vornehmen.
Wer aber kommt auf die Idee, Bushaltestellen ständig aufs Neue mit Glaswänden im Wert eines Kleinwagens zu versehen? Ich wage die These, dass niemand es täte, wenn er sein eigenes Geld dafür ausgeben müsste. Aber mit den Steuern kann man es ja machen – und dann schnell bei Facebook die Aufhebung der Schuldenbremse fordern, um noch mehr Scheiben kaufen zu können, zumindest im übertragenen Sinne.
Meine Vermutung lautet: Den Bushaltestellen-Effekt gibt es überall. Es gibt ihn auch bei Baustellen, Beförderungen, Büroflächen, Bedarfsanalysen und bei 1000 anderen Vorgängen, die einem vielleicht ebenso erst dann ins Auge springen, wenn man darauf achtet. Das Geld anderer Leute lässt sich leichter ausgeben. Aber wer weiß. Vielleicht möchte ja irgendjemand in irgendeiner Kommune den Schritt gehen und künftig auf den Ersatz der Scheiben verzichten, wenn sie an einer Bushaltestelle mal wieder zerstört worden sind? Es wäre ein Anfang.