Ermittlungen gegen Trainer Missbrauchsverdacht im Jugendfußball im Kreis Aurich
Ein Fußballtrainer aus dem Kreis Aurich soll Jugendliche am Po berührt haben und versucht haben, sie zu küssen. Die Polizei ermittelt. Das sagen Fußballverband, Eltern und der Beschuldigte.
Aurich - Im Jugendfußball im Landkreis Aurich soll es zu mehreren Missbrauchsfällen durch einen Trainer gekommen sein. Seit Dezember 2024 haben mehrere Reporter unserer Redaktion entsprechende Hinweise erhalten, und die Polizeiinspektion Aurich/Wittmund schreibt auf Nachfrage: „Wir können bestätigen, dass aktuell gegen einen ehemaligen Jugendtrainer (...) ermittelt wird.“ Es gehe um den Verdacht der sexuellen Belästigung und körperlicher Übergriffe „zum Nachteil von jugendlichen Spielern“, heißt es aus der Pressestelle.
Bereits im November 2024 hatte der Kreisverband Ostfriesland des Niedersächsischen Fußballverbands (NFV) seine Mitglieder per E-Mail dazu aufgerufen, vor der Einstellung eines neuen Trainers Rücksprache mit dem Verband zu halten. In der Nachricht, in die wir Einsicht nehmen konnten, hieß es: „Nach uns vorliegenden Informationen wird aktuell gegen einen volljährigen Sportkameraden (Trainer) aus unserem Kreisgebiet ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren geführt.“
Der Verein, für den der Mann eine Jugendmannschaft trainierte, teilt mit, dass er den Trainer bis zum Abschluss des Strafverfahrens freigestellt habe. Auch der NFV bestätigt die Freistellung. Zudem habe man den Trainer schriftlich dazu aufgefordert, „bis zum Abschluss des Strafverfahrens kein Amt und keine anderweitige Funktion bei einem niedersächsischen Verein auszuüben“. Ein Kontakt zum Trainer bestehe momentan nicht. Auf Kontaktaufnahmen seitens des Verbands habe er bisher nicht reagiert.
Das sagen Eltern der mutmaßlichen Opfer
Der beschuldigte Trainer galt bei den Eltern lange – und manche denken das noch heute – als „ein guter, erfolgreicher Trainer“, der einen guten Draht zu seinen Schützlingen gehabt habe. Aus den Familien der mutmaßlichen Opfer heißt es, dass er „geradezu verehrt“ worden sei. „Die Spieler hatten sogar ein Foto von ihm als Hintergrundbild auf dem Handy“, sagt eine Mutter. Auch habe er den Spielern Geschenke gemacht. Erst später seien Ohrfeigen in der Kabine bekannt geworden, mit denen der Trainer die Mannschaft habe „motivieren“ wollen. Im Nachhinein sei ans Licht gekommen, dass der Beschuldigte die Spieler am Po berührt haben soll und einige versucht haben soll zu küssen.
„Er hat den Jungs damit gedroht, sich was anzutun, wenn sie etwas verraten“, sagt eine Mutter. In den Gesprächen mit mutmaßlichen Opferfamilien geht es auch um Hilflosigkeit und Wut. Zahlreiche Spieler hätten die Mannschaft verlassen, heißt es aus den Kreisen der Eltern. Die Richtigkeit dieser Aussagen kann die Redaktion nicht prüfen. Bestätigt ist jedoch, dass der Verein sich beim NFV und anderen Stellen Hilfe für den Umgang mit dem Thema geholt und die Familien zu einem gemeinsamen Gespräch eingeladen hat. Die betroffenen Familien, mit denen die Redaktion gesprochen hat, werden durch den Verband und den Fußballverein unterstützt.
Das sagt der beschuldigte Jugendtrainer
Den beschuldigten Trainer haben wir mit unserer Recherche konfrontiert. Eine Stellungnahme zu den erhobenen Vorwürfen möchte er momentan nicht abgeben. Für ihn sei die aktuelle Phase seines Lebens sehr schwierig. Nach Informationen der Redaktion hatte sich der Beschuldigte nach der Freistellung bei einem anderen Verein um einen Trainerjob beworben. Dieser neue Verein teilt mit, dass er, nachdem die Vorwürfe bekannt geworden waren, vorerst auf eine Einstellung verzichtet habe. Er wartet den Abschluss des laufenden Verfahrens ab.
Der NFV teilt mit, dass ihm nichts von einer Bewerbung für eine Trainertätigkeit bei einem anderen Verein bekannt sei. Auf das ursprüngliche Schreiben an die ostfriesischen Fußballvereine sei keine Rückfrage eingegangen. „Dieser Fall ist für alle schlimm“, heißt es. Verband und Fußballverein haben uns gegenüber deutlich gemacht, dass man darüber hinaus keine weiteren Informationen über den Fall herausgeben werde: „Das Urteil muss von einem Gericht gesprochen werden.“
Deshalb nennen wir keine Namen und Orte
In einer offiziellen Stellungnahme seitens des NFV heißt es, dass er allen Involvierten „größtmögliche Diskretion“ garantiere. Er biete den betroffenen Personen und Vereinen über seine Anlaufstelle in Ostfriesland vor allem rechtliche Beratung an. Die dort eingehenden Informationen würden bei Bedarf für eine strafrechtliche Aufarbeitung den zuständigen Stellen zur Verfügung gestellt. Zudem unterstütze der Verband die mutmaßlichen Opfer bei der Aufarbeitung des mutmaßlich Erlebten und würde zum Beispiel psychologische Betreuung vermitteln.
Wann genau erstmals Vorwürfe gegen den Trainer erhoben wurden, über welchen Zeitraum die Übergriffe stattgefunden haben sollen und wie viele Opfer eine Anzeige erstattet haben, ist noch nicht bekannt. Um den Beschuldigten und die mutmaßlichen Opfer zu schützen, nennen wir weder die Namen von Personen noch den des Fußballvereins. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil eines Gerichts gilt die Unschuldsvermutung.