Auschwitz Gedenktag der Befreiung: Warum Steinmeier in Auschwitz schweigen musste
Heute sollten sie nichts sagen, sondern einfach nur zuhören: Zum 80. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz reisten Bundespräsident Steinmeier und Kanzler Scholz mit einer Delegation nach Polen. So hat NOZ-Chefredakteur Burkhard Ewert den gemeinsamen Besuch des Lagers erlebt.
Piotr Cywiński ruht in sich selbst. In den 18 Jahren, die er in Auschwitz die Gedenkstätte und das Museum auf dem Gelände des NS-Vernichtungslagers leitet, hat er manches gesehen. Staatsgäste gehen ein und aus, insbesondere zu den Jahrestagen der Befreiung. Heute dürfen sie allerdings nichts sagen. Am 80. Jahrestag der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee, so hat es Cywiński nach Rücksprache mit Überlebenden entschieden, braucht es keine flammenden Appelle von Präsidenten. Es braucht keine Beschwörungen von Regierungschefs, auch nicht von deutschen. Es braucht Besinnung.
Einzig Überlebende haben deshalb das Wort, von denen es, naturgemäß, jedes Jahr weniger gibt. 50 von ihnen sind diesmal zugegen. Vor zehn Jahren waren es noch 300, vor zwanzig Jahren 1500. Es wird möglicherweise der letzte runde Jahrestag der Befreiung sein, an dem noch Zeitzeugen leben.
Prominenz aus Deutschland ist trotzdem nach Auschwitz gereist, wo ein überraschend milder Sonnenschein den Schnee in den Gassen des Lagers schmelzen lässt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist gemeinsam mit Josef Schuster nach Polen geflogen, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden. Robert Habeck ist als Vertreter der Grünen an Bord, ebenfalls Karin Prien aus Schleswig-Holstein als Vertreterin der Kultusministerkonferenz. Bundeskanzler Olaf Scholz kam mit dem eigenen Flugzeug, auch Claudia Roth als grüne Staatsministerin für Kultur ließ sich die Teilnahme nicht nehmen.
Aber Cywiński wollte, dass sie alle schweigen. Ohnehin reagiert er allergisch auf eine allgemeinpolitische Aufladung und insofern Instrumentalisierung von Auschwitz. Natürlich blickt er misstrauisch auf den Aufstieg populistischer Parteien in Europa. Selbstverständlich kritisiert er Russland, dessen Vertreter zu diesem Jahrestag wegen des Angriffs auf die Ukraine nicht willkommen sind. Aber seine Mission, so sagt er, sei keine politische, sondern eine pädagogische. Der Historiker misstraut dem Menschen als solchem, seiner Verführbarkeit, seiner Gewaltbereitschaft.
Sein Anliegen ist es daher nicht, einzelne aktuelle Akteure oder deren Aussagen zu bewerten. Cywiński denkt auf einer anderen Ebene, einer universalen. „Auschwitz ist viel näher, als viele denken“, befürchtet er. Natürlich sei der Holocaust einzigartig und unvergleichbar. Aber eben nicht unwiederholbar. Zu viele Gewalttaten, zu harte Ausgrenzungen, zu blutige Grausamkeiten in aller Welt würden ihn skeptisch stimmen. Der Historiker möchte daher nicht nur über die Vergangenheit aufklären. Er möchte die Menschen emotional berühren, „damit sie sich ein bisschen weniger umbringen“; dann wäre bereits viel erreicht.
Authentische Orte der Erinnerung – und auch des Grauens – hält er deshalb für unabdingbar. Die exakte Örtlichkeit mit ihren Vorrichtungen zur industriellen Tötung von Menschen, aber auch die Haare, die Koffer, die Schuhe, die Zahnbürsten der Opfer von Auschwitz: der Historiker misst ihnen eine unvergleichbare Bedeutung bei, um zu veranschaulichen, was hier geschehen ist, und wozu Menschen seiner Überzeugung nach im Grundsatz fähig sind; im einen Regime wie in dem anderen, zu jener Zeit und auch zu weiteren.
Authentischer als unter dem Torbogen mit der zynischen Schrift „Arbeit macht frei“ geht es kaum. Steinmeier schreitet bedächtig durch das Tor. Die tief stehende Sonne blendet ihn und seine Begleiter, darunter Elke Büdenbender, den Bundeskanzler nebst Frau und einige Überlebende mit ihren Angehörigen als Begleiter.
Aus dieser Erinnerung erwachse eine Verantwortung. „Diese Verantwortung gilt auch gegenüber Israel. Sie gilt auch für Polen, einem Land, mit dem wir Versöhnung und Partnerschaft pflegen, und sie gilt für alle Länder, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben“, betont der Bundespräsident und nimmt damit auch Russland nicht aus, ohne es anzusprechen.
Verantwortung dürfe nicht blind sein für die Gegenwart, meint der Präsident. Die wachsende Zahl antisemitischer Vorfälle auf deutschen Straßen dürfte nicht toleriert werden. Angesprochen auf den AfD-Freund und Tech-Milliardär Elon Musk, der den Deutschen zu mehr nationalem Selbstbewusstsein geraten hatte, betont Steinmeier, dass Verantwortung keinen Schlussstrich kenne. Zwar wisse er nicht, ob Musk auf seinen Rat Wert lege. Aber wer die Dinge anders sehe als er, dem würde er raten, einmal Auschwitz zu besuchen und mit Überlebenden zu reden.
Einer dieser Auschwitz-Überlebenden ist Christian Pfeil, den die Nazis in das Lager mit seiner Familie als Baby brachten. Heute berichtet er vom Schicksal seiner Eltern und ihrer Kinder in Schulklassen und wundert sich regelmäßig über die Jugendlichen: „Sie wissen so wenig“, klagt er. „Man merkt es an ihren Fragen.“
Kultusministerin Prien betont später beim gemeinsamen Rundgang durch das Lager, dass der Geschichtsunterricht zumindest in Schleswig-Holstein als eigenständiges Fach sicherlich erhalten bleibe, anders als in manchen Bundesländern, die ihn mit weiteren Fächern fusionieren. „Davon halte ich gar nichts“, sagt Prien, die auch Vorsitzende des „Jüdischen Forums“ in der CDU ist. Aber wird „Geschichte“ auch vom Umfang her nicht angerührt? Man wird es sehen …
In Auschwitz selbst sieht die Delegation unter anderem den Todesblock des Stammlagers, wo die SS mit dem Giftgas Zyklon B erstmals im großen Stil Kriegsgefangene der Roten Armee getötet hat – probeweise. Im Innenhof des Gebäudes legt die Delegation einen Kranz nieder.
Der Tag schließt mit dem Festakt im benachbarten Lager Birkenau. Das große Zelt ist so ausgerichtet, dass es auf das rot angestrahlte Eingangsgebäude zeigt, durch dessen Tor die Waggons aus ganz Europa seinerzeit direkt ins Lager fuhren. Steinmeier ist zugegen, Scholz, Habeck, König Charles III. aus dem Vereinigten Königreich und Wolodymyr Selenskyj aus der Ukraine sowie weitere hohe Repräsentanten aus 60 Ländern.
Sie müssen schweigen. Sie sollen zuhören. Eine gute Entscheidung.