Osnabrück 80 Jahre Auschwitz-Befreiung: Nie wieder ist klar – und was mache ich?
Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit. Wie sorgen wir dafür, dass „nie wieder“ wirklich „nie wieder“ bedeutet? Die Erinnerung ist wichtig. Wachsamkeit ist wichtig. Doch auch was jenseits der eigentlichen Veranstaltung diskutiert wurde, gibt zu denken – wenn auch auf gänzlich andere Art.
Es ist ja nicht so, dass die Grünen wirklich abgrundtief unbeliebt wären. Die Hallen sind voll, wenn Spitzenkandidat Robert Habeck erscheint. In Umfragen schneiden sie weiterhin einigermaßen stabil ab, wenn die Werte auch niedriger liegen als eine Partei es sich wünscht, die sich auf dem Weg zur unangefochtenen Herrschaft über die öffentlichen Meinungskorridore sah.
Ganz gerecht springt das Schicksal also nicht mit ihnen um. Aber was sie definitiv verloren haben, ist ihr moralischer Nimbus.
Von einem kleinen Beispiel für diesen Wandel möchte ich kurz berichten. Auf dem Flughafen von Kattowitz in Polen warteten diese Woche Dutzende Maschinen aus aller Herren Länder auf ihre Delegationen. Darunter waren zwei große deutsche Flugzeuge, mit denen der Bundespräsident und der Kanzler zum Gedenken an den 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gekommen waren. Jeweils hatten sie neben ihren Mitarbeitern und Journalisten wie mir auch einige Minister an Bord wie Habeck höchstselbst, Karin Prien aus Schleswig-Holstein (CDU) oder Übergangsfinanzminister Jörg Kukies (SPD).
Hinter den beiden Maschinen lugte ein dritter deutscher Regierungsflieger hervor, von dem keiner wusste, wer mit ihm gekommen sei. Und da hatte im Medientross jemand die Lacher auf seiner Seite, als er lakonisch bemerkte: „Claudia Roth, tippe ich.“
Warum war das witzig? Die Grünen-Staatsministerin für Kultur war ebenfalls nach Auschwitz gereist. Das ist gut und richtig so. Aber Roth ist eben bekannt für ihren Geltungsdrang und ein Gehabe, das manche als Grandezza, andere als Größenwahn betrachten. Der Aufschlag im eigenen Flieger wäre ihr augenzwinkernd zuzutrauen gewesen. Zudem ließ sich der Spruch als Anspielung verstehen, weil sich Roth einmal von der US-Firma Netflix hatte einladen lassen, um in Hollywood einzufliegen und bei der Oscar-Gala zwischen den Stars zu sitzen. Erst auf Nachfrage erstattete sie kleinlaut die Kosten.
„Warum haben wir das damals eigentlich nicht groß gebracht“, wunderte sich in Kattowitz jetzt ein bekannter Hauptstadtjournalist: „Das war doch eigentlich ein Knaller.“ Tja. Warum wohl. Vor zwei Jahren wurde den Grünen manches verziehen; heute nicht mehr, und das nicht nur im Rest der Republik, sondern inzwischen auch von der Berliner Journalistenschar.
Um diese Art von Klimawandel zu illustrieren, habe ich Ihnen die kleine Beobachtung am Rande der Reise erzählt. Aber bitte lassen Sie sie auch da, wo sie hingehört: am Rande. Viel eher möchte ich Ihnen ans Herz legen, unsere verschiedensten Berichte rund um den Holocaust-Gedenktag noch einmal nachzulesen. Die Texte sind wichtig. Die Erinnerung ist wichtig. Wachsamkeit ist wichtig.
Sie können mit meinem Beitrag beginnen über den gemeinsamen Rundgang mit der deutschen Staatsführung durch das Stammlager I. Ich bilde darin auch die Gedanken des Direktors der Gedenkstätte ab, dessen klare und teilweise überraschenden Perspektiven ich teile.
Aussagekräftig ist auch Raphael Steffens Interview mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Osnabrück, den die AfD, aufflammende Verharmlosungen des Dritten Reiches sowie der grassierende Antisemitismus von links irritieren.
Für bemerkenswert halte ich nach wie vor eine Multimedia-Reportage von Meike Baars und Benjamin Beutler, mit der sie Erna de Vries würdigten, die als eine der wichtigsten norddeutschen Zeitzeugin des Holocausts gilt. Sie starb 2021. Aber ihre Erinnerungen leben fort in Projekten wie dem meiner Kollegen.
Wir haben einen Beitrag über das Mädchenorchester von Auschwitz publiziert. Außerdem möchte ich Sie auf einen Text über Margot Friedländer hinweisen, eine der wenigen heute noch lebenden Zeitzeugen, die eigens wieder nach Deutschland gezogen ist, um von der Geschichte zu berichten. Meine Kollegen beleuchten ferner Leben und Tod eines Mannes aus Schleswig, der bereits 1939 in einem Lager starb, einfach deshalb, weil man ihn für „asozial“ hielt. Große Gründe brauchte es nicht, um in das Mahlwerk der Nazis zu geraten.
Ebenfalls erschreckend: Dirk Fisser berichtet aus der Gegenwart, dass Übergriffe auf Gedenkstätten an den NS-Terror mittlerweile zum Alltag gehören. Ebenso normal ist, dass die Täter nicht gefasst werden.
Vielleicht haben Sie Gelegenheit, in unserem Angebot ein wenig zu stöbern. Es würde mich freuen. Und wenn Sie mich fragen, vielleicht hat im Rest der Republik jeder einen Anlass in diesen Tagen, um auch persönlich in sich zu gehen. Wo grenzt er selbst aus? Wo wertet er Menschen ab, weil sie zu einer Gruppe gehören, egal welcher Art? Wo schließt er vorschnell von äußeren Merkmalen auf Eigenschaften? Wo nimmt man seine Werte zu absolut und bricht über andere Menschen deshalb den Stab?
Ich bin sicher, man muss kein Nazi sein, weder ein alter noch ein anderer, um sich vorzunehmen, allen Menschen und Kulturen respektvoller zu begegnen. Ich beteilige mich daran gerne.