Berlin  Holocaust-Gedenken: Verharmloser sind auf dem Vormarsch 

Rena Lehmann
|
Von Rena Lehmann
| 29.01.2025 17:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Roman Schwarzman ist 88 Jahre alt. Er überlebte als Kind zweieinhalb Jahre im Ghetto der Nationalsozialisten. Heute warnt er vor Putin. Foto: Florian Gaertner
Roman Schwarzman ist 88 Jahre alt. Er überlebte als Kind zweieinhalb Jahre im Ghetto der Nationalsozialisten. Heute warnt er vor Putin. Foto: Florian Gaertner
Artikel teilen:

Das Holocaust-Gedenken im Bundestag war diesmal von bedrückender Aktualität. Die Verharmloser und Verklärer der Geschichte gewinnen an Zuspruch.

Was für ein Leben. Der ukrainische Holocaust-Überlebende Roman Schwarzman, heute 88 Jahre alt, erzählte bei der Gedenkstunde im Bundestag seine Geschichte. Und unterstrich damit die Worte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, wonach die Vergangenheit nicht in einen Schuhkarton gepackt werden und sozusagen „weggestellt” werden kann, weil das Grauen nur noch Geschichte ist.

Schwarzman überlebte als kleiner Junge zweieinhalb Jahre im Ghetto im ukrainischen Bershad. Er erinnert sich bis heute an die Schmerzen, die Läuse, den Hunger und den Geschmack von Abwasser, mit dem die deutschen Besatzer ihr Fleisch gewaschen hatten und das die Kinder sich erbettelten, um zu überleben. Er erinnert sich an die endlosen Grabreihen der 25.000 Menschen, die in seiner Stadt getötet wurden.

Schwarzman hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, der vielen, die nicht überlebt haben, in der ukrainischen Stadt Odessa zu gedenken. Doch der Bau des Denkmals wurde von Putins Angriffskrieg auf die Ukraine vorerst gestoppt. Für Schwarzman wiederholt sich die Geschichte. Hitler habe versucht, ihn zu töten, weil er Jude ist. Putin versuche ihn zu töten, weil er Ukrainer ist. Seine Lebensgeschichte versinnbildlicht geradezu die Aktualität des Gedenkens. Nationalismus und Größenwahn können wiederkehren, Demokratie ist nicht auf ewig garantiert. 

Bundespräsident Steinmeier hat in dieser aufgeheizten Bundestagswoche für einen Moment der Nachdenklichkeit gesorgt. Die Erfolgsgeschichte der Demokratie in Deutschland und das Gedenken an den Holocaust gehörten zusammen. „Nehmt die Feinde der Demokratie ernst!”, mahnte Steinmeier eindringlich. 

Der US-Milliardär Elon Musk hat zwei Tage vor dem 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD für eine andere Erinnerungskultur in Deutschland plädiert: „Zu viel Gewicht auf vergangener Schuld”. Der Jubel der Partei, die in Umfragen auf 25 Prozent zusteuert, war groß. Die Geschichtsvergessenheit findet Zuspruch. Es wird verharmlost und relativiert. Das Gedenken an historische Fakten ist deshalb wichtiger denn je. 

Ähnliche Artikel