Osnabrück Wer alles vom „Schlussstrich“ redet - und warum das Gedenken gerade jetzt nicht aufhören darf
Mit einem Schlussstrich soll das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus vorbei sein. Diese Forderung von gestern findet aktuell neue Unterstützer. Dabei führt die Sehnsucht nach einem Ende der Erinnerung in die falsche Richtung. Ein Essay.
Was hat Elon Musk mit pro-palästinensischen Demonstranten zu tun? Eigentlich nichts, in einem Punkt aber jede Menge. Ob Tech-Milliardär oder Aktivisten im Kampf gegen Israel – beide wollen, dass die Erinnerung an den Holocaust ein Ende hat.
Es gebe zu viel Fokussierung auf deutsche Schuld, rief Elon Musk zum Auftakt des Bundestagswahlkampfs der AfD in Halle an der Saale den Delegierten zu. „Free Palestine from german guilt“ (Anm. d. R.: Befreit Palästina von der deutschen Schuld), skandieren Aktivisten auf offener Straße, wenn gegen den Staat Israel mobilgemacht werden soll. Judenhass und Schlussstrich-Denken passen bestürzend gut zusammen – und haben wieder einmal vehemente Konjunktur.
Dabei gilt die Erinnerung an den Holocaust, die Erinnerungskultur, in der Bundesrepublik als gesellschaftlicher Konsens, die Sicherheit Israels seit einer Rede der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel 2008 im israelischen Parlament als deutsche Staatsräson. Einen Schlussstrich soll es nicht geben. Doch jetzt kommt wieder, was als überwunden galt: die Forderung nach einem Ende der als Projekt kultivierten Erinnerung.
Einen Schlussstrich zieht man mit entschlossenem Schwung. Er signalisiert, dass eine Rechnung ohne Rest aufgegangen ist, dass nichts bleibt, was noch zu begleichen wäre. Aber kann das ein Modell für den Umgang mit Geschichte sein – und erst recht für den Umgang mit dem Andenken an Menschen, die zu Opfern wurden? Geschichte folgt keiner Kalkulation.
Dabei muss der Schlussstrich inzwischen endlos lang sein. Er wird munter gezogen, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung der Konzentrationslager durch alliierte oder sowjetische Truppen. Wer hat nicht schon den Stift dafür in die Hand genommen?
„Schluss mit ewiger Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftlicher Dauerbüßeraufgabe“, forderte CSU-Chef Franz-Josef Strauß 1969. Schriftsteller Martin Walser setzte mit seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998 in der Frankfurter Paulskirche den schockierenden Begriff von der „Moralkeule Auschwitz“ in die Welt. Was für eine Wortkeule.
Und Alexander Gauland? „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“: Diese Ausführung des damaligen Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion Alexander Gauland belegt, wie ein Schlussstrich auch gezogen werden kann: durch höhnische Bagatellisierung.
Wer unter die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten und insbesondere an den Holocaust einen Schlussstrich setzen möchte, scheut die Konfrontation mit der Erinnerung. Der Schlussstrich soll entlasten und bereinigen – entlasten von drückender Verantwortung, bereinigen, was in Frage gestellt ist: das angeblich intakte Selbstbild. Was kann das aber wert sein, wenn es nur um den Preis der Verdrängung zu haben ist? Irgendwann muss einmal Schluss sein! So klingt das Mantra derjenigen, die hinter eine Geschichte der Schuld einen dicken Punkt setzen möchten.
Wer den Schlussstrich fordert, kann in der Erinnerung nur eine Fesselung sehen. Elon Musk, palästinensische Aktivisten oder AfD-Funktionäre, sie sind sich in diesem Punkt erschreckend einig. Wer sich dem Gedenken verpflichtet fühlt, ist nicht mehr frei für die Zukunft. So lautet der kaum kaschierte Vorwurf.
Die Geschichte aber entlässt niemanden aus ihrem Griff. Das Vergangene lebt weiter, entfaltet fatale, weil unbemerkte Langzeitwirkungen unter der Oberfläche der Gegenwart. Das gilt für Verschwörungstheorien ebenso wie für antisemitische Klischees, für alle Vorurteile und Stereotype. Die AfD ist heute wieder stark, wo es die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSDAP) einst auch schon war. Das haben Historiker herausgefunden. Eigentlich erschreckend, wie lange solche Dispositionen in manchen Gegenden Deutschlands überleben.
Schlussstriche helfen nur denen, die an alte Muster anknüpfen möchten. Einmal muss Schluss sein: So sagen es Rechtspopulisten, die an Verbrechen der NS-Zeit nicht mehr erinnert werden möchten, mit ihren Stichworten aber unentwegt die NS-Zeit am Leben halten, indem sie ihre Stichwörter als Reizbegriffe in die Gegenwart transponieren.
Von „entstellter Kunst“ sprach Thomas Materner, Stadtverordneter der AfD in Kassel, 2017 im Hinblick auf eine Skulptur des aus Nigeria stammenden Künstlers Olu Oguibe, die während der Documenta 14 auf dem Königsplatz der Stadt ausgestellt war. Er meinte das Diktum „entartete Kunst“ der Nazis. Thüringens AfD-Chef Björn Höcke benutzte mit der Formulierung „Alles für Deutschland“ einen Slogan der SA – und wurde dafür gerichtlich belangt.
Solche Schlussstrichzieher möchten an Verbrechen und deren Opfer nicht mehr erinnert werden, benutzen aber gezielt das aggressive Vokabular der Täter. So lässt sich mit dem defensiven Motiv des Schlussstriches eine höchst offensive Energie entfalten. Die Diskursverschiebung ist ein tückisches Projekt.
Es trifft die Erinnerungskultur in einem sensiblen Augenblick – dem des Wechsels der Generationen. Opfer wie Täter der NS-Zeit sind entweder sehr betagt oder schon nicht mehr unter uns. Wie organisiert man eine tätige Kultur der Erinnerung, ohne sich auf Zeitzeugen unmittelbar berufen zu können? Jedes Wort einer Zeugin wie das der bewunderungswürdigen Margot Friedländer leuchtet heute doppelt kostbar. Die couragierte Dame, die das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte, ist inzwischen 103 Jahre alt.
Verdient ihr Leben einen Schlussstrich – oder jenes all der Menschen, die zu Opfern wurden und werden? Die Geschichte kennt keine finalen Gesten. Sie wirkt immer weiter, auch in den rückwärtigen Räumen des kollektiven Bewusstseins. Erinnerung eröffnet Freiheitsräume, das gewollte Vergessen nie.