Wochenmarkt in Aurich  Beschicker leiden unter Personalmangel

Karin Böhmer
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Von Karin Böhmer
| 05.02.2025 06:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Wochenmarktsprecherin Harmke Janssen (von links), Fachdienstleiter Helmut Lücht, Ordnungsamtsleiter Nils Losse und Marktmeisterin Marina Willms-Bürger sprechen regelmäßig potenzielle Beschicker an, hören aber oft von Personalmangel. Fotos: Romuald Banik
Wochenmarktsprecherin Harmke Janssen (von links), Fachdienstleiter Helmut Lücht, Ordnungsamtsleiter Nils Losse und Marktmeisterin Marina Willms-Bürger sprechen regelmäßig potenzielle Beschicker an, hören aber oft von Personalmangel. Fotos: Romuald Banik
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Wo sich Lücken auftun, liegt das oft an fehlenden Arbeitskräften. Einige Händler haben sich zur Ruhe gesetzt, ohne Nachfolger zu haben. Die Stadt wirbt online um Händler, aber auch um junge Kunden.

Aurich - Händler für Geflügel, Käse, Fisch, Blumen, Fleisch und Spezialitäten werden derzeit für den Auricher Wochenmarkt gesucht, um das Angebot zur Sommersaison wieder zu vergrößern.

Es ist nicht so, dass Fleisch, Fisch und Käse nicht auch jetzt schon vertreten wären. Zwei Fischhändler, ein oder zwei Stände mit Fleisch, ein oder mehrere Gemüsehändler und ein Obststand sind auch jetzt schon da – abhängig vom Wochentag. Aber einen Stand ausschließlich für Käse gibt es in der Wintersaison bis Ende März nur freitags. Am Dienstag und Sonnabend müssen die Kunden ohne auskommen.

Die Gestaltung des Auricher Wochenmarkts ist immer wieder Gesprächsthema in der Stadt. Im Dezember hat die Stadtratsfraktion der Linken ein umfangreiches Fragenpapier an die Stadtverwaltung geschickt, in dem es um die Belebung des Wochenmarktes geht.

Einige neue Anbieter hat Marktmeisterin Marina Willms-Bürger gewinnen können. Beispielsweise den Stand „Edelschmaus“ mit Kräutern und Ölen.

Marktmeisterin: Händlerakquise auf allen Kanälen

Aber mehrere Händler haben in den vergangenen Monaten aufgehört, weil es ihnen für all ihre Markttermine an Personal fehlt oder weil sie ohne Nachfolger in den Ruhestand gegangen sind. Andere Auricher Händler gehen auf die 70 zu, machen vorerst aber noch weiter.

Fisch gibt es auf dem Auricher Wochenmarkt ebenso wie Gemüse, Fleisch, Backwaren und Oliven auch im Winter an allen drei Markttagen.
Fisch gibt es auf dem Auricher Wochenmarkt ebenso wie Gemüse, Fleisch, Backwaren und Oliven auch im Winter an allen drei Markttagen.

Sie werbe auf allen Kanälen, sagt Willms-Bürger. Sie rufe neue Händler an, schalte Aufrufe auf Social Media, sei auf Messen unterwegs, um Spezialitätenhändler anzusprechen, klappere hiesige Höfe und Hofläden ab. Aber vor allem laute die Antwort: Wir haben dafür nicht das nötige Personal.

Junge Leute wollten nicht mehr um 3 oder 4 Uhr nachts aufstehen, Waren einräumen, fahren, aufräumen, verkaufen und dann das Ganze noch mal umgekehrt, sagt Ordnungsamtsleiter Nils Losse.

Was sind also die Ideen, um den Wochenmarkt zu stärken, welche Stärken lassen sich ausspielen? Die Verantwortlichen haben einige Ansätze.

Videos stoßen auf Interesse

Auf den sozialen Medien erreicht die Auricher Marktmeisterin mit ihren Clips zum Wochenmarkt inzwischen fast immer mehr als 1000 Nutzer. Ein Video mit einem Hund, der beim Einkauf seines Frauchens fröhlich vor einem der Fleischstände sitzt, sei schon mehr als 2000-mal angesehen worden, sagt sie.

Willms-Bürger hat die Aufgabe, neue Kundenkreise für den Wochenmarkt zu erschließen und neue Händler anzuwerben. Einige junge Händler kämen nach, sagt sie. Beispiele dafür sind auf dem Auricher Wochenmarkt beispielsweise der Edelpilzhändler oder der Unverpacktwagen.

Auch im Winter an allen drei Markttagen in Aurich: der Obsthandel Poppinga. Foto: Romuald Banik
Auch im Winter an allen drei Markttagen in Aurich: der Obsthandel Poppinga. Foto: Romuald Banik

Willms-Bürger informiert seit einigen Monaten sehr regelmäßig im Internet, auf Facebook und Instagram über den Wochenmarkt. Mal sind es witzige Videos mit den Beschickern, mal eine Hintergrundgeschichte, die die Händler selbst über ihr Geschäft gedreht haben. Mal sind es besondere Angebote oder Aktionen. Noch ist der Social-Media-Strategie im Aufbau, es gibt Ideen für Hintergrundgeschichten über das Beschickerleben, Porträts der Händler oder Ähnliches. Die Kunden sollen nicht nur über das Angebot informiert werden, sondern es soll auch die persönliche Komponente herausgestellt werden, die den Wochenmarkt als Treffpunkt ausmacht.

Händler loben das Engagement der Verwaltung

„Wir können uns über die Stadt Aurich wirklich nicht beklagen“, betonen die Sprecherin der Beschicker, Gemüsehändlerin Harmke Janssen, und Fischhändler Ludwig Eilts. Beide berichten von den persönlichen Gesprächen, die sie mit vielen Kunden führen. Da gehe es nicht nur um die Zubereitung von Pastinaken und Zander, sondern auch um Krankheiten oder Familienfeiern.

Fischhändler Ludwig Eilts findet das Angebot auf dem Auricher Wochenmarkt überzeugend. Auch in anderen Städten fielen mal Händler aus, sagte er. Foto: Romuald Banik
Fischhändler Ludwig Eilts findet das Angebot auf dem Auricher Wochenmarkt überzeugend. Auch in anderen Städten fielen mal Händler aus, sagte er. Foto: Romuald Banik

Um neuen Beschickern eine gute Start-Chance zu geben, werden in Aurich im ersten Monat keine Standgebühren erhoben, sagt Ordnungsamtsleiter Nils Losse. Einigen Anbietern reiche diese Zeit aber leider schon, um festzustellen, dass ihr Angebot in Aurich nicht zieht. So war es beispielsweise mit einem Falafelstand, auf dem im vergangenen Jahr große Hoffnungen ruhten, weil er das bedient, was eigentlich als letzter Schrei auf Wochenmärkten gilt: Speisen zum Vorort-Verzehr und Pausentreffpunkte anzubieten. Auch ein Kaffee-Truck, der auf anderen Märkten super ankomme, habe sich aus Aurich verabschiedet, weil die Kunden zum Kaffeetrinken die zahlreichen Cafés rund um den Marktplatz bevorzugten. Jede Stadt habe ein anderes Umfeld zu bieten und andere Gewohnheiten, so Losse. Wobei Ludwig Eilts betont, dass es in anderen Städten für die Wochenmärkte auch nicht besser sei als in Aurich – weder von der Sichtbarkeit im Stadtbild her noch von der Anzahl der Beschicker oder der Zahl der nahen Parkplätze.

Gebühren sind nicht ausschlaggebend fürs Wegbleiben

In Aurich werde nur mehr geschimpft. Oft mit realitätsfernen Forderungen, kritisieren die beiden Händler.

Willms-Müller lobt deren Zuverlässigkeit. Einige seien alleine unterwegs und hin und wieder krank. Dann sei es klar, dass damit zeitweise Lücken verbunden seien. „Aber soll ich dann jemandem, der seit Jahrzehnten hier ist, den Stand kündigen?“, fragt die Marktmeisterin. „Da muss man doch auch menschlich bleiben.“

Bei der Bäckerei Ripken sind auch schon sehr früh Kunden, die sich mit einem Frühstück versorgen. Foto: Romuald Banik
Bei der Bäckerei Ripken sind auch schon sehr früh Kunden, die sich mit einem Frühstück versorgen. Foto: Romuald Banik

Auch im Januar verzichtet die Stadt auf die Gebühren. Diese seien ohnehin seit mehr als 20 Jahren nicht erhöht worden, um konkurrenzfähig zu bleiben, sagte der Fachbereichsleiter Ordnung, Helmut Lücht.

Willms-Bürger will die Kunden künftig besser auf dem Laufenden halten. Während diese in kleineren Gemeinden, wo nur an einem Wochentag Markt sei, immer das gleiche Angebot vorfänden, gebe es in Aurich Unterschiede zwischen den drei Markttagen. Deshalb sollen bald die jeweiligen Stellpläne im Internet veröffentlicht werden.

Unterscheidung von Winter- und Sommersaison

Ohnehin gibt es künftig Saisonpläne: einen von Januar bis März, wo Blumenhändler und einige Bio-Gemüsehändler gar nicht da seien. Und einen Sommerplan, auf dem auch die saisonalen Anbieter wie Spargelstände vorkommen.

Da die Anzahl der Beschicker zurückgegangen ist, werden in nächster Zeit nur einzelne kleine Stände an der Ostseite des Marktplatzes aufgebaut. Wer dort in den Cafés sitzt, hat freien Blick auf die Stände in der Mitte und den Halbkreis an der Süd-, West- und nördlichen Seite. Bislang wurde verschiedentlich kritisiert, dass der Markt zu geschlossen aufgebaut wird und man von außen nur die Rückseiten der Stände sehe.

Nils Losse (von links), Marina Willms-Bürger und Helmut Lücht, die im Rathaus für den Wochenmarkt zuständig sind, machen sich regelmäßig vor Ort ein Bild. Foto: Romuald Banik
Nils Losse (von links), Marina Willms-Bürger und Helmut Lücht, die im Rathaus für den Wochenmarkt zuständig sind, machen sich regelmäßig vor Ort ein Bild. Foto: Romuald Banik

Die Ratsfraktion der Linke hatte bei der Verwaltung angefragt, wie oft Beschicker wegbleiben und ob es dann Konsequenzen gebe. Zudem will sie wissen, woran Neuanwerbungen scheitern, wie Akquise betrieben wird, ob die Sortimentsliste erweitert werden könnte, nach welchen Kriterien die Standplätze vergeben werden und ob die nicht benötigten Fahrzeuge der Beschicker nicht abseits vom Markt parken könnten. Auch will die Fraktion wissen, warum einige Händler in Nachbarstädte abgewandert seien.

Willms-Bürger kann dazu nur mit den Schultern zucken. Weil überall Händler gesucht werden, könne die Stadt nicht mit höheren Auflagen punkten, sondern müsse für alle Händler dankbar sein.

Zeitliche Verschiebung stößt bei Händlern auf Ablehnung

Udo Hippen vom Kaufmännischen Verein (KV) drückte seine Wertschätzung für den Wochenmarkt aus. Der KV sei froh über den Markt, der die Innenstadt spürbar belebe. „Aurich ist sehr stolz, dass es an drei Tagen einen Wochenmarkt gibt.“ Im vergangenen Jahr habe es ein Gespräch zwischen KV, den Gastronomen und den Beschickern gegeben, ob der Wochenmarkt nicht auch zur Weihnachtszauberzeit in der Fußgängerzone bleiben könnte. Aber es sei aus Platz- und Sicherheitsgründen keine Lösung gefunden worden. Bald solle es wieder ein Gespräch über mögliche gemeinsame Aktionen geben.

Viele Kunden wüssten zu schätzen, dass sie fast immer auch eine sehr kleine Menge kaufen können. Foto: Romuald Banik
Viele Kunden wüssten zu schätzen, dass sie fast immer auch eine sehr kleine Menge kaufen können. Foto: Romuald Banik

Die immer wieder andiskutierte Verschiebung der Marktzeit bis in den frühen Nachmittag halten weder Janssen noch Eilts noch Willms-Bürger für umsetzbar. Es seien schon oft entsprechende Gespräche geführt worden. Aber der Arbeitstag der Händler sei viel länger. Harmke Janssen steht beispielsweise um 4 Uhr auf, dann werde der große LKW gepackt, um 5.30 Uhr beginne der Aufbau des großen Standes. Und um 7 Uhr seien auch schon die ersten Kunden da. Um 13 Uhr dauere der Abbau dann wieder lange. Danach müsse ausgepackt und weggeräumt werden. Zudem werden neue Bestellungen gemacht. Einige Händler holen laut Willms-Bürger dann noch neue Ware oder produzieren Ware nach. Sicherlich kämen auch nach 13 Uhr noch Kunden, die Mittagspause hätten oder am Sonnabend etwas später in der Stadt seien. Aber auch früh um 7 Uhr oder noch früher seien schon Kunden da – vor allem bei Bäcker Ripken, aber auch Früheinkäufer.

Feste Plätze sind laut den Händlern auf dem Wochenmarkt wichtig

Zudem müssten einige Händler als erste aufbauen, um mittags durch einen langen Abbau anderen Händlern den Rückweg vom Marktplatz nicht zu versperren. Entsprechend stünden einige Standplätze felsenfest. Einige Stände können zudem nicht an der Nord- oder der Westseite stehen. Fisch-, Fleisch- und Käsehändler können den Verkaufstresen laut Eilts wegen der Kühlkette nicht in die pralle Sonne ausrichten.

In einer gemeinsamen Whatsapp-Gruppe werde bei spontanen Absagen von Händlern dann überlegt, wie Lücken geschlossen werden können, sagt Willms-Bürger. Die Händler hängen aber auch an ihren Stammplätzen. „Man kann es wirklich kaum glauben, aber selbst wenn der Stand nur fünf Meter verschoben wurde, zucken manche Kunden mit den Schultern und sagen: Der ist heute wohl nicht da“, sagt Losse.

Änderungen im Kaufverhalten und neue Konkurrenz

Auch wenn die Auricher Händler in der Sommersaison mit ihrem Umsatz zufrieden sind, nennt Losse Änderungen im Kaufverhalten, die Wochenmärkte schwächen. Viele Kunden kauften aus Zeitmangel möglichst nur in einem Geschäft ein – und dann am ehesten im Vollsortimenter. Andere hätten den Bezug zum Zubereiten frischer Nahrungsmittel verloren. Und Gemüsekisten, die Lieferdienste von immer mehr Supermärkten oder sogar Kochboxen seien ebenfalls eine Konkurrenz für den Wochenmarkt.

Im Preisvergleich stehe der Markt gar nicht schlecht da, sagt Harmke Janssen. Beispielsweise alleinstehende Kunden könnten auch sehr kleine Mengen kaufen, so werde weniger weggeworfen. Ausnahmsweise werde dann auch mal ein angeschnittener Kohl oder Kürbis verkauft. Ein großer Blumenkohl kostete an diesem Dienstag im Februar 1,80 Euro. Da kommen viele Supermärkte derzeit nicht mit.

Wäre es eine Idee, mit günstigen Preisen und Tagessonderangeboten Kunden gezielt anzusprechen? Willms-Bürger zuckt spontan die Schultern. Die Überlegungen, den Wochenmarkt zu bewerben, seien noch lange nicht am Ende.

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