Hamburg  Vom Reitlehrer missbraucht: Wenn das Hobby zur Hölle wird

Marie Busse, Ankea Janßen
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Von Marie Busse, Ankea Janßen
| 05.02.2025 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Immer wieder kommt es auf Reiterhöfen zu sexuellem Missbrauch, wie diese Recherche zeigt. Foto: Michael Gründel
Immer wieder kommt es auf Reiterhöfen zu sexuellem Missbrauch, wie diese Recherche zeigt. Foto: Michael Gründel
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Hunderttausende Mädchen in ganz Deutschland lieben das Reiten. Für Lara Wächter (Name geändert) wird ihr Hobby zum Albtraum: Ihr Reitlehrer soll sie jahrelang missbraucht haben. Kein Einzelfall, wie diese Recherche unserer Redaktion zeigt.

Eine Koppel in Nordrhein-Westfalen. Lara Wächter* steht an einem Holzzaun und streichelt ein schwarzes Pferd. Es ist ein Samstagabend Anfang Dezember, die Temperaturen liegen ein paar Grad über null. „Du siehst gar nicht gut aus“, sagt sie zu dem Tier. In der Ferne tauchen die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos auf und verschwinden wieder in der Dunkelheit. Der Verkehrslärm dröhnt über die Weide.

Der Zustand des schwarzen Hengstes beschäftigt sie. Gerne würde sie sich noch um ihn kümmern, ihre Verbindung zu dem Tier sei besonders gewesen. „Ich vermisse das“, sagt die 20-Jährige, während das Pferd an ihrem Jackenärmel zupft. „Der Stall war mein Rückzugsort, mein zweites Zuhause.“

Es ist der 4. September 2022, an dem Lara Wächter beschließt, hier nicht mehr herzukommen. Sie schreibt einen Abschiedsbrief an ihren damals 66-jährigen Reitlehrer:

 „Du hast zwar viel für mich getan, doch hast Du mir mehr genommen, als Du mir gegeben hast“, steht auf dem Papier. Und: „Du hast Dich nicht nur äußerst unangemessen mir gegenüber verhalten, sondern auch meine Arbeit und mich extrem für Dich ausgenutzt und mich schlecht gemacht.“

Die damals 17-Jährige legt den Brief im Reitstall auf eine Futtertonne und geht. Zwei Tage später ruft sie bei der Polizei an und erstattet Strafanzeige gegen den Mann, den sie seit ihrem achten Lebensjahr kennt. 

Sie zeigt ihn an – wegen sexuellen Missbrauchs.

Es kommt zum Prozess. Die Jugendschutzkammer hält den Reitlehrer für schuldig. Die Richter stellen fest: Zwischen Sommer 2020 und September 2022 soll es immer wieder zu sexuellen Übergriffen gekommen sein, „wobei der Angeklagte das Alter der zu diesen Zeitpunkten 15- bis 17-Jährigen zu jedem Zeitpunkt kannte“. So steht es im Urteil, das unserer Redaktion vorliegt. 

Wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen wird der Mann zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Schuldspruch ist noch nicht rechtskräftig. Weil der Reitlehrer Revision eingelegt hat, prüft der Bundesgerichtshof (BGH) den Fall.  

Lara Wächters Geschichte ist kein Einzelfall. Recherchen unserer Redaktion führen auf Reiterhöfe in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Überall hier wurden Mädchen und junge Frauen Opfer sexueller Übergriffe. Sie berichten im Gespräch von ihren Missbrauchserfahrungen, die sich teils über Jahre erstreckten. 

Die Frauen teilen ein Schicksal, das sich häufig bis in kleinste Details ähnelt: Erwachsene nutzen die Begeisterung vor allem junger Mädchen für Pferde und Reitsport aus, bauen darüber eine Beziehung zu ihnen auf, die schnell ins Rutschen gerät und im sexuellen Missbrauch endet. 

Der Reiterhof wird zum Tatort. In den vergangenen Jahren standen vor allem Kirchen und Sportvereine im Fokus. Wissenschaftler wiesen nach, wie die Institutionen die Täter schützten und Opfer alleine ließen. Diskussionen, Entschuldigungen und Rücktritte waren die Folge. Aber Reiterhöfe sind häufig noch ein blinder Fleck in dieser Diskussionen.

Wie kann das sein, wenn eine einfache Google-Suche offenbart, dass es dutzende Fälle wie den von Lara Wächter überall in Deutschland gibt? Dass immer wieder Kinder zu Opfern werden? 

Experten können mittlerweile genau benennen, wo und warum das Risiko hoch ist, Opfer von sexuellem Missbrauch zu werden. Meistens kennen Betroffene die Täter. Die Soziologin Bettina Rulofs von der Sporthochschule Köln hat Übergriffe im Sport untersucht. Sie nennt Machtgefälle, Abhängigkeiten und ein unausgeglichenes Geschlechterverhältnis als Risikofaktoren. Auf Reiterhöfen kommt noch ein Faktor hinzu: Die emotionale Bindung zu den Tieren ist groß, für ihr Wohl tun die Mädchen alles – weit über die eigenen Grenzen hinaus.

Lara Wächter erinnert sich, wie sie immer tiefer in die Welt des Reiterhofs hineingezogen wurde. „Die Pferde waren mein Ein und Alles“, sagt sie, während ihre Hand über die Stirn des schwarzen Hengstes fährt. Nimmt sie zunächst nur Reitstunden, übernimmt sie immer mehr Verantwortung für die Tiere, füttert sie, mistet die Ställe aus.

Als ihr Reitlehrer sich verletzt und mehrere Monate im Krankenhaus liegt, verbringt sie laut eigener Aussage ihre komplette Freizeit auf dem Hof: „Ich bin morgens um 4.15 Uhr aufgestanden, um die Pferde noch vor der Schule zu versorgen“, sagt sie. Nach der Schule fährt sie wieder zum Hof und bleibt bis in die Abendstunden – auch am Wochenende. Der Reiterhof wird zum Mittelpunkt ihres Lebens.

Als ihr Trainer wieder zurück ist, bemerkt Lara Wächter, dass sich sein Verhalten ihr gegenüber verändert. „Es war normal, dass wir uns zur Begrüßung umarmen“, sagt Lara Wächter. Irgendwann habe er sie nicht losgelassen und auf den Mund geküsst. „Er hat mich unter dem T-Shirt angefasst. Ich bin wie erstarrt“, sagt sie. Sie war 15 Jahre alt.

Die Übergriffe steigern sich laut Lara Wächter. „Das letzte Mal war es dort drüben auf der Koppel“, sagt sie und zeigt in die Dunkelheit. Ihr Reitlehrer habe dort eine Decke ausgebreitet. „Ich wusste einfach nicht, dass ich nein sagen kann.“

Im Urteil der Jugendschutzkammer klingt das später juristisch formell so: „Die Berührungen des Angeklagten intensivierten sich im Laufe der Zeit. Er begann, die Geschädigte zunächst oberhalb der Kleidung und später unterhalb der Kleidung zu streicheln und sie dabei auch an den Brüsten zu berühren. Im weiteren Verlauf forderte er die Geschädigte auf, seinen unbekleideten Penis zu berühren und ihn manuell bis zum Samenerguss zu befriedigen.“

Nach vier Verhandlungstagen ist das Gericht überzeugt, dass die Initiative zu den sexuellen Handlungen „ausschließlich von dem Angeklagten“ ausgegangen sei. „Wegen des Abhängigkeitsverhältnisses“ sei Lara Wächter den Aufforderungen nachgekommen. „Er setzte die Geschädigte mit der offen ausgesprochenen Drohung, dass diese im Falle der Verweigerung der sexuellen Handlungen den Reiterhof und damit auch die von ihr geliebten Pferde verlassen müsse, unter Druck.“

Wollte Lara Wächter beispielsweise verreisen oder am Wochenende zu einer Familienfeier, so halten es die Richter fest, habe er gedroht, dass sie ersetzt werde.

Vor Gericht räumt der Reitlehrer die Vorwürfe ein, ohne sich weiter zu äußern. Seine Schlussworte vor der Entscheidung nutzte er, um sich bei seiner ehemaligen Reitschülerin zu entschuldigen. Unsere Redaktion hat Lara Wächters damaligen Reitlehrer kontaktiert und um seine Sicht der Dinge gebeten. Es kommt zu einem längeren Telefonat, öffentlich äußern möchte sich der Mann nicht. Nur so viel: Für ihn stellt sich das Geschehen ganz anders dar als im Urteil festgehalten.

Lara Wächter sieht sich an der Koppel die Fotos auf ihrem Smartphone an, zeigt ein Bild, auf dem sie auf dem schwarzen Hengst sitzt. „Ich sah irgendwann nur noch aus wie ein Zombie“, sagt sie. In den zweieinhalb Jahren, in denen ihr Reitlehrer sie missbraucht haben soll, verliert sie stark an Gewicht. Irgendwann wiegt sie bei einer Körpergröße von 1,68 Metern nur noch 45 Kilo.

Lara Wächters Eltern merken, dass ihre Tochter sich verändert, sie kaum noch isst. Sie schalten eine Ernährungspsychologin ein, die Magersucht diagnostiziert. Es gibt ein Gespräch mit dem Reitlehrer, in dem er zugesagt haben soll, dass er seiner Reitschülerin Pausen fürs Essen einräumen wird.

Die Mutter sagt vor Gericht über den Zustand ihrer Tochter, diese habe auf sie nur noch „leer“ gewirkt. Lara Wächter selbst sagt: „Ich bin zerfallen.“ In der schlimmsten Zeit habe sie kaum noch geschlafen, dann seien Panikattacken gekommen. „Ich hatte keinerlei Emotionen mehr, konnte nicht lachen, nicht weinen“, sagt Wächter.

Irgendwann in dieser Zeit reift die Erkenntnis, dass das, was sie erlebt, nicht in Ordnung ist. Aus einem Impuls heraus, so umschreibt es Lara Wächter, ruft sie eine ehemalige Reitschülerin an und bittet um ein Treffen. Die heute 29-Jährige war vor ihr für die Pflege der Pferde verantwortlich, hatte den Hof aber überraschend verlassen. Die beiden Frauen verabreden sich, sprechen über ihre jeweiligen Erfahrungen und die anfallenden Arbeiten auf dem Reiterhof. „Irgendwann hat sie mir dann diese Frage gestellt: Hat er dich angefasst?“, erinnert sich Lara Wächter.

Sie beschreibt diese Begegnung als ersten klaren Moment seit Jahren. Erst jetzt versteht sie, was ihr widerfahren ist, dass sie missbraucht wurde. Sie ist nicht wütend auf ihren Reitlehrer, sondern auf sich selbst. „Warum habe ich das mit mir machen lassen? Mir das zu verzeihen, war das Schwierigste“, sagt sie. 

Nach der Anzeige verlässt sie den Reiterhof, die Pferde, ihre Freundinnen. Die Polizei nimmt Ermittlungen auf. Besorgte Eltern, die von den Ermittlungen erfahren haben, melden sich bei der Teenagerin, um Details zu den mutmaßlichen Übergriffen zu erfahren. „Eine Mutter wollte von mir wissen, ob sie ihre Tochter weiterhin dorthin schicken kann.“ Es sind die Reaktionen ihres sozialen Umfelds, die Lara Wächter neben den Selbstzweifeln zu schaffen machen.

Was sie damals erlebte, nennen Experten eine sekundäre Traumatisierung. Die Folgen für Opfer sexuellen Missbrauchs wiegen oft schwer und ein Leben lang. Betroffene fühlen sich schuldig, schämen sich und zweifeln an sich selbst. Das Vertrauen in andere Menschen und Beziehungen wird nachhaltig erschüttert – vor allem, wenn ihnen nicht geglaubt wird. „All das müssen wir uns vor Augen führen. Wer Sportangebote für Kinder und Jugendliche anbietet, aber auch für Erwachsene, trägt eine hohe Verantwortung“, sagt Sportsoziologin Rulofs.

Jemand, der in Deutschland reiten möchte, findet ein riesiges Angebot. Reiterhöfe gibt es wie Sand am Meer, mal mehr, mal weniger professionell geführt. Niemand, der mit dem Hobby Reiten anfangen will, muss in einen Verein eintreten. Erwachsene, die ein Pferd besitzen, können Kinder und Jugendliche darauf reiten lassen. Ihnen Unterricht geben, ohne dafür eine Ausbildung oder auch nur einen Wochenendkurs zu machen. 

Reitlehrer darf sich jeder nennen, die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Nur wer bei der Reiterlichen Vereinigung (FN), dem Dachverband des Reitsports in Deutschland, einen offiziellen Trainerschein machen will, muss vorab ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. 

„Die Erwartungshaltung an uns ist hoch, sobald Täter aus dem Pferdesport kommen“, sagt Annika Schalück, die bei der FN für die Abteilung Jugendarbeit zuständig ist. „Durchgriffsmöglichkeiten haben wir aber nur, wenn die beschuldigte Person zum Beispiel als Turnierreiter und Inhaber einer Jahresturnierlizenz unseren Regeln unterworfen ist.“ In den meisten Fällen treffe das aber nicht zu.

Laut eigenem Schutzkonzept will der Verband „das Risiko von sexualisierten Übergriffen und Gewalt minimieren und in allen Bereichen des Reitsports ein Täter-unfreundliches Umfeld schaffen“. 2021 wurde ein Betroffenenrat gegründet. Experten loben das, was der Verband aufgebaut hat. Aber es greift eben nicht für alle Reiterhöfe in Deutschland. 

Sprecherin Schalück verweist außerdem auf ein Poster mit der Aufschrift „Im Pferdesport wird Missbrauch mit Hufen getreten.“ Es soll auf Täter abschreckend wirken und kann kostenlos bestellt werden.

Polizeiliches Führungszeugnis, Schutzkonzept, Poster – in dem Stall, in dem Lara Wächter zehn Jahre lang ein und aus ging, war all das nie ein Thema. Der große Hobbybereich ist und bleibt völlig unreguliert.

Inzwischen geht es Lara Wächter wieder gut. Sie macht eine Ausbildung im Handwerk und besucht die Abendschule, um ihren Meister zu machen.

Ihre Begeisterung für Pferde hat sie nicht verloren. Sie hat eine neue Reitbeteiligung gefunden. Heute wird sie von einer Frau trainiert. Andere Opfer, mit denen unsere Redaktion im Zuge dieser Recherche gesprochen hat, belasten die Erlebnisse auf den Reiterhöfen indes bis heute.

Im Fall Wächter dauert die Überprüfung des Urteils durch den Bundesgerichtshof an. Entdecken die Richter in Karlsruhe Rechtsfehler im Urteil, muss das Verfahren neu aufgerollt werden. Wenn nicht, muss ihr ehemaliger Reitlehrer ins Gefängnis.

Die Höhe der Strafe, sagt Lara Wächter, ist ihr nie wichtig gewesen. Es sei ihr immer nur um eine Sache gegangen: „Ich will nicht, dass diese Person jemals wieder die Möglichkeit hat, jemandem etwas anzutun.“

Sie blickt sich nochmal suchend nach den anderen Pferden um, die in der Dunkelheit auf der Koppel grasen. Dann steckt sie die Hände in die Jackentasche und geht nach Hause.

* Den Namen der Protagonistin haben wir geändert, er ist der Redaktion bekannt.

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