Schiffsunglücke Putins Schattenflotte löst in Ostfriesland Furcht vor Havarie aus
Der Angriff Russlands auf die Ukraine mag für viele Menschen weit weg sein. Die Gefahren, die von Putins Schattenflotte ausgehen, können aber auch Ostfrieslands Küsten treffen – und zwar ganz real.
Ostfriesland/Hamburg - Der Krieg in Europa wird für die Anrainerstaaten von Nord- und Ostsee zu einer zunehmenden Bedrohung. Ein internationales Recherche-Team unter anderen von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ hat dieser Tage von 650 alten Tankschiffen berichtet, die für Russland etwa Öl und Diesel transportieren. Die meisten der Schiffe seien unzureichend oder überhaupt nicht versichert. Seit längerem würden Experten der Umweltschutzorganisation Greenpeace vor den Gefahren einer drohenden Umweltkatastrophe warnen, die von den teilweise maroden Schiffen ausgehen könne. Die jüngsten Berichte treiben nun auch Experten in Ostfriesland um.
„Die Gefahr, die von der Schattenflotte ausgeht, reiht sich ein in eine Vielzahl von Gefährdungspotenzialen“, sagte Katja Baumann, Geschäftsführerin des Mariko in Leer, im Gespräch mit unserer Redaktion. „Offensichtlichste Gefahr der Flotte ist ihr Alter. Die Schiffe wären vermutlich unter anderen geopolitischen Bedingungen bereits ausgemustert und verschrottet worden.“ Jedoch dürften diese Schiffe offenbar noch offiziell fahren, hätten einen legitimen Standard und seien durch eine Klassifizierungsgesellschaft zertifiziert, sonst wären sie auch nicht versichert und für die weltweite Fahrt zugelassen. „Eine größere Gefahr geht meines Erachtens von der Skrupellosigkeit und dem Desinteresse der Kriegstreiber aus: Im Zweifelsfall würde ihnen eine Ölkatastrophe völlig egal sein, so die Chefin des Maritimen Kompetenzzentrums.
Cyberkriminalität ein riesiges Problem
„Hinzu kommen die zahlreichen Sabotageaktionen der letzten Monate“, so Baumann weiter. Diese reichten von der mutwilligen Zerstörung von Datenkabeln auf dem Meeresboden bis hin zu Störungen des GPS (so genanntes GPS Spoofing). „Von solchen cyberkriminellen Aktionen geht meines Erachtens eine mindestens ebenso große Gefahr aus wie von der überalterten Flotte, weil dadurch andere Schiff ,gestört‘ und von ihrem Kurs abgebracht werden“, sagte Baumann. „Und dies birgt ebenfalls das Risiko von Kollisionen und Umweltkatastrophen.“
Wie das internationale Rechercheprojekt mit dem Namen „Shadow Fleet Secrets“ weiter aufdeckte, soll mehr als ein Drittel der Tankschiffe der russischen Schattenflotte von europäischen und US-amerikanischen Reedereien stammen. Die insgesamt 230 Schiffe wurden demnach allesamt nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine in die Schattenflotte verkauft – zu einem Zeitpunkt, als die Preise für gebrauchte Tankschiffe besonders hoch gelegen hätten, ist auf der Internetseite des NDR nachzulesen.
Schwierige Rolle von Reedern
Auch elf Tanker aus der deutschen Handelsflotte gelangten laut NDR auf diese Weise in die Schattenflotte. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) übte in einem Statement Kritik. Die Tatsache, dass Schiffe aus der deutschen Handelsflotte Teil der russischen Schattenflotte geworden seien, sei eine „besorgniserregende Entwicklung“, hieß es laut NDR. Wirtschaftlicher Gewinn dürfe „nicht auf Kosten von Sicherheit, Compliance oder ethischen Grundsätzen erzielt werden“, erklärte der Verband demnach auf Nachfrage.
Die Recherchen zeigten, dass deutsche Reedereien und Schiffsinvestoren mit dem Verkauf der Schiffe etwa 200 Millionen Euro eingenommen haben dürften. Die hohen Summen hätten sich laut NDR vor allem aus dem Umstand ergeben, dass nach Kriegsbeginn eine sehr große Nachfrage nach gebrauchten Tankern bestanden habe und selbst für Schiffe, die zu einem früheren Zeitpunkt nur noch den Metallpreis erzielt hätten, Höchstsummen gezahlt worden seien.
Geschäfte mit Kriegstreibern
Für Baumann vom Mariko in Leer ist das alles höchst verwerflich. Für mich sind die aktuellen Veröffentlichungen zur Schattenflotte vor allem ein ethisches Problem“, sagte Baumann unserer Redaktion. „Ich frage mich, wie man noch ruhig schlafen kann, wenn man mit Kriegstreibern – ohne Not! – Geschäfte macht. Diese Menschen haben wohl keine Kinder oder Enkel zu Hause, die Zukunftsängste haben und Fragen stellen.“
Mit Schattenflotte sind Tanker und andere Frachtschiffe mit undurchsichtigen Eigentümerstrukturen gemeint, die der Kreml benutzt, um Sanktionen infolge seines Angriffskriegs gegen die Ukraine etwa beim Öltransport zu umgehen. Gegen Dutzende dieser Schiffe hat die EU bereits Sanktionen erlassen, doch ihr tatsächlicher Umfang dürfte, wie nun bekannt geworden ist, weitaus größer sein.