Hamburg  Wählerbeeinflussung durch perfiden Internetadressen-Trick? Das sagen die Parteien dazu

Patrick Kern
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Von Patrick Kern
| 06.02.2025 14:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bei der Bundestagswahl 2025 werden potenzielle Wähler getäuscht, indem sie mit bestimmten Internetadressen auf die Webseiten der Parteien umgeleitet werden, hinter denen man einen anderen Inhalt erwartet hat. Foto: Patrick Kern
Bei der Bundestagswahl 2025 werden potenzielle Wähler getäuscht, indem sie mit bestimmten Internetadressen auf die Webseiten der Parteien umgeleitet werden, hinter denen man einen anderen Inhalt erwartet hat. Foto: Patrick Kern
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Im Wahlkampf wird vieles versucht, um von unentschlossenen Wählern noch die Stimme zu erhaschen. Im mehreren Fällen wurden zuletzt auch Internet-Adressen bewusst auf Homepages von Parteien umgeleitet. Welche Adressen betroffen sind und was die Parteien zu dieser Masche sagen.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen sich im Internet über die Briefwahl für die Bundestagswahl 2025 informieren. Dafür geben Sie eine naheliegende Internetadresse (kurz: URL) ins zugehörige Suchfeld ihres Browsers ein. Doch statt auf eine Informationsseite für Briefwähler zu gelangen, landen Sie plötzlich auf der Homepage der Grünen oder der AfD. Das ist kein ausgedachtes Szenario, sondern eine echte Masche, die aktuell verfolgt wird.

Mehrere Internetadressen nach dem Schema „briefwahl-Bundesland.de“ tun genau das: Sie leiten auf Homepages von Parteien um, die sich aktuell im Bundestagswahlkampf befinden.

So landet man bei der Eingabe von „briefwahl-mv.de“ auf der Webseite des AfD-Landesverbandes von Mecklenburg-Vorpommern.

Bei „briefwahl-bayern.de“ erreicht man die Homepage der bayerischen Piratenpartei.

Bei der Eingabe von „briefwahl-niedersachsen.de“ kommt man auf die Homepage der Grünen aus Niedersachsen.

Und bei „briefwahl-hessen.de“ findet man sich auf der Homepage des hessischen Landtagsabgeordneten Torsten Leveringhaus, ebenfalls den Grünen angehörig, wieder.

Für diese Masche werden freie Internetadressen gesucht und gekauft, mit dem Augenmerk darauf, dass sie seriös klingen oder ähnlich zu bestehenden Adressen sind. Dann kann der URL-Inhaber eine Umleitung einrichten, um Internetnutzer auf eine andere Seite zu führen.

Ein Beispiel für ähnlich klingende Internetadressen: Die URL „briefwahl-hamburg.de“ verwies kürzlich noch auf die Seite der Hamburger AfD, während „briefwahl.hamburg.de“ auf die tatsächliche Informationsseite zur Briefwahl leitet.

Dieser Vorgang, der sich Typosquatting nennt, wird häufig für Betrugsmaschen genutzt. Kriminelle hoffen dann auf einen üblichen Tippfehler eines Internetnutzers, damit dieser auf einer Betrugsseite landet und unwissentlich sensible Daten preisgibt.

Wer nun in diesen Fällen hinter den Umleitungen auf Parteiseiten steckt, lässt sich nicht ohne Weiteres ermitteln. Es könnte die jeweilige Partei selbst sein, aber auch eine Privatperson, die sich den Parteien angehörig fühlt oder sich vielleicht auch nur einen Scherz erlaubt. Die URL-Registrierungsstelle Denic gibt nur in ausgewählten Fällen Informationen zu den Domaininhabern heraus, zum Beispiel bei Rechtsverletzungen oder Pfändungsangelegenheiten.

Auf Anfrage bei den Parteien gab es allerdings vereinzelte Zugeständnisse. So antwortete Leveringhaus: „Ich habe mir die Adresse vor längerem gesichert, als die ersten Briefwahl-Domains ‚missbraucht‘ wurden. [...] Ich wollte sie nicht für eigene Zwecke (persönlich oder der Partei) nutzen.“ Dass die URL nun aber auf seine Homepage umgeleitet wurde, sei ein Versehen gewesen und werde umgehend behoben. Inzwischen leitet der Link tatsächlich auf das Verwaltungsportal des Landes Hessen.

Die Grünen in Niedersachsen geben auf Anfrage ebenfalls zu, dass sie die Internetdomain seit 2016 nutzen. Sie würden damit vor anstehenden Wahlen auf die Briefwahl hinweisen, allerdings sei das zugehörige Tool seit der letzten Landtagswahl noch deaktiviert, weswegen eine automatische Weiterleitung auf die Parteiseite der Grünen erfolge. „Wir werden die Verlinkung umgehend prüfen und aktualisieren, um eine korrekte Nutzerführung sicherzustellen“, so eine Sprecherin.

Auch die Piratenpartei bestätigte unserer Redaktion, dass sie für ihre Umleitungen verantwortlich ist. Auf die Frage, welchen Zweck sie damit verfolgt, heißt es für Bayern: „Die Adresse leitet schon seit Juli 2016 je nach Wahl auf verschiedene Seiten um und dient als allgemeine Adresse für Kampagnen im Zusammenhang mit einer Wahl. An der anstehenden Bundestagswahl werden wir in Bayern nicht mit einer Landesliste antreten, sodass die Domain im Moment nicht genutzt wird.“

Und für das Saarland schreibt sie: „Ziel war und ist es, Menschen auf unserer Seite in verständlicher Sprache und Bebilderung darüber zu informieren, wie die Briefwahl funktioniert. Darüber hinaus bieten wir für das Saarland eine schnelle und einfache Verlinkung an, über welche alle Saarländerinnen und Saarländer in einer Übersicht aller 52 Kommunen ihren Wohnort auswählen und hierüber ihre Briefwahlunterlagen anfordern können.“

Die betroffenen Landesverbände der AfD haben sich auf mehrfache Anfrage nicht zu den Sachverhalten geäußert. Bezüglich der Internetadresse „briefwahl-hamburg.de“ erklärt AfD-Parteisprecher Robert Offermann jedoch gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“: „Der Sachverhalt ist uns nicht bekannt und wir haben derzeit auch keinen Zugriff auf diese Seite.“

Bei der AfD ist zudem noch ein weiterer Fall einer perfiden URL-Umleitung bekannt geworden. Wer sich über die Internetadresse „linke.de“ über die Linkspartei informieren wollte, wurde bis vor Kurzem direkt auf die Webseite des AfD-Bundesverbandes weitergeleitet. Denn: Die URL der Linkspartei lautet eigentlich „die-linke.de“. Auch hierzu gab es von der Partei auf mehrfache Anfrage keine Rückmeldung.

Allerdings ist auf der Webseite inzwischen nachzulesen, wem sie gehört. Ein gewisser Markus Linke schreibt dort: „Nach Klageandrohung durch die Anwälte der Partei DIE LINKE stelle ich diese Vorab-Version meiner Website vorzeitig online.“ Unter diesen Worten zu finden: ein AfD-befürwortendes Zitat von Milliardär Elon Musk sowie Internetlinks, die – dieses Mal transparent – zur Webseite der AfD, der Linken und zum BSW führen.

Solche URL-Umleitungen sind keine Neuheit. Auch bei früheren Wahlen wurde diese Masche genutzt, um auf bestimmte Parteienseiten weiterzuleiten. Bei der Europawahl 2024 gab es beispielsweise den Fall, dass die Adresse „cdu.eu“ auf die Homepage der SPD weitergeleitet wurde. Diese Umleitung ist bis heute noch aktiv.

Ob andere Parteien in diesem Bundestagswahlkampf diese URL-Masche nutzen, ist unserer Redaktion zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht bekannt.

Hinweis: In einer früheren Version hieß es fälschlicherweise, dass die Umleitung von dem hessischen Landtagsabgeordneten Torsten Leveringhaus nicht umgehend korrigiert wurde. Die alte Umleitung ergab sich allerdings durch einen veralteten Browsercache des Redakteurs. Die entsprechende Textstelle wurde korrigiert.

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