Demo gegen rechts  So kam Wiesmoor zu seiner Kundgebung gegen Hass und Hetze

| | 10.02.2025 11:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine Ordnerin der KGS Wiesmoor mit einem Transparent am Rand der Veranstaltung. Foto: Böning
Eine Ordnerin der KGS Wiesmoor mit einem Transparent am Rand der Veranstaltung. Foto: Böning
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Mehr als 400 Menschen haben am Sonntag in Wiesmoor gegen rechts demonstriert. Doch es waren nicht die üblichen Organisatoren, die den Anstoß dazu gegeben hatten. Was steckt dahinter?

Wiesmoor - Zufrieden blinzelt Jana Baumann in die Sonne und lässt ihren Blick über die Menschenmenge schweifen. Die 18-jährige Schülerin aus dem Abitur-Jahrgang der Kooperativen Gesamtschule Wiesmoor (KGS) ist sichtlich zufrieden. „Das ist doch gut gelaufen“, sagt sie und nickt. Die Redner, die Sonne, die vielen Teilnehmer. „Wiesmoor bleibt bunt – Steh auf für Demokratie & Vielfalt!“: Unter diesem Motto hatte ihr Jahrgang zusammen mit der Jugendorganisation der SPD (Jusos) aus dem Unterbezirk Aurich auf den Marktplatz in Wiesmoor eingeladen.

Mehr als 400 Menschen kamen zur Kundgebung für ein buntes Wiesmoor auf den Markplatz. Foto: Böning
Mehr als 400 Menschen kamen zur Kundgebung für ein buntes Wiesmoor auf den Markplatz. Foto: Böning

„Die Idee dazu hatten wir schon Ende Januar“, sagt Baumann. Das war, als CDU und CSU einen Antrag zum Thema Asyl und Migration nur deshalb im Bundestag durchbringen konnten, weil auch die AfD-Fraktion zugestimmt hatte. Es war ein Antrag zur Abweisung von Asylsuchenden an deutschen Grenzen. Seitdem sind Menschen in Ostfriesland und ganz Deutschland auf die Straße gegangen und haben gegen Fremdenfeindlichkeit demonstriert. „Wir haben uns gefragt, warum eigentlich in Wiesmoor nichts passiert“, erklärt die Schülerin.

Mahnwache vor einem Jahr blieb ohne Folgen

Trotz Versprechungen bei der Mahnwache gegen rechts in Wiesmoor vor genau einem Jahr war es bisher in der aktuellen Lage ruhig geblieben. Die angekündigte Folgeveranstaltung blieb aus. Damals hatte das ehemalige langjährige Ratsmitglied Jens-Peter Grohn eingeladen. Grohn reagierte damit wie die Veranstalter zahlreicher Mahnwachen in Ostfriesland und in ganz Deutschland auf die Enthüllungen des Recherche-Netzwerks Correctiv zu einem Geheimtreffen hochrangiger AfD-Politiker mit Rechtsextremen im November 2023 in Potsdam.

Organisatorin Jana Baumann nach der Veranstaltung auf dem Marktplatz in Wiesmoor. Foto: Böning
Organisatorin Jana Baumann nach der Veranstaltung auf dem Marktplatz in Wiesmoor. Foto: Böning

Die Teilnehmer hatten darüber beraten, wie Menschen aus Deutschland gedrängt werden können. Dabei ging es um Asylbewerber, Menschen mit Aufenthaltsstatus und Deutsche, die „nicht assimiliert“ seien. Jetzt, ein Jahr später, geht es wieder los. Wieder geht es um Asylsuchende und um die AfD. „Wir wollten etwas bewegen und in dieser angespannten Lage der Bundesrepublik für Aufklärung sorgen“, sagt Jana Baumann. Wir – das ist der gesamte Abi-Jahrgang der KGS Wiesmoor. Jana Baumann hatte von allen den Auftrag bekommen, die Veranstaltung zu organisieren.

Kundgebung statt Kuchenverkauf

„Wir sind im Jahrgang alle sehr unterschiedlich, aber darin waren wir uns einig“, sagt die Organisatorin. Und zwar darin, dass sie mit einer solchen Veranstaltung Zeichen setzen wollen. Die Schülerinnen und Schüler haben beschlossen, für die Demokratie auf die Straße zu gehen, statt mit Kuchenverkauf Geld für den Abi-Ball zu sammeln. So ist es sonst üblich, wenn die Prüfungen vor der Tür stehen und der Schulabschluss in greifbare Nähe rückt. „Ich glaube, ihr seid der erste Abitur-Jahrgang, der diesen Weg gegangen ist“, sagte Rico Mecklenburg, der Präsident der Ostfriesischen Landschaft, bei seiner Ansprache auf der kleinen Bühne.

Hannes Langer hielt eine Rede und führte bei der Kundgebung durch das Programm. Foto: Böning
Hannes Langer hielt eine Rede und führte bei der Kundgebung durch das Programm. Foto: Böning

Auch die Geschwindigkeit, in der diese Veranstaltung organisiert wurde, kann sich sehen lassen. „Nach dem ersten Telefonat ist alles total schnell gegangen“, sagt Jana Baumann. Erst am Dienstag, 4. Februar 2025, hatte sie bei der Stadtverwaltung angerufen, um sich zu informieren, was für eine Kundgebung notwendig ist. Über Umwege habe sie daraufhin die Nummer von Hannes Langer bekommen. Langer ist Ortsbürgermeister von Riepe und im Vorstand der Jusos. Eine Verbindung zu Wiesmoor hat Langer auch: Er arbeitet in der Stadtverwaltung.

Jusos und Schüler teilten sich die Aufgaben

„Wir Jusos haben Erfahrungen mit solchen Veranstaltungen“, erklärt er. Langer und sein Team waren schon bei den meisten Demonstrationen im Umkreis dabei: „Deshalb haben wir beschlossen zu helfen.“ Nur fünf Tage nach ihrem ersten Gespräch über den Plan der Schüler stehen beide an der Bühne und können durchatmen. „Ich war doch ganz schön aufgeregt“, gesteht Langer. Er hatte bei der Veranstaltung nicht nur geredet, sondern auch durch das Programm geführt. Schüler und Jusos haben sich die Arbeit aufgeteilt. Die Nachwuchspolitiker übernahmen die Organisation und Anmeldung der Veranstaltung, die Schüler kümmerten sich um Ordnungskräfte und die Werbung in den sozialen Medien. Der gemeinsame Plan ist aufgegangen, trotz der knappen Zeit.

„Erst am Freitag habe ich beim Landkreis gesessen, um dort mit der Polizei die Details der Veranstaltung zu besprechen“, erklärt Hannes Langer. Es musste ja alles ganz schnell gehen – gut, dass die üblichen Helfer einsprangen. Die Bühne bekamen die Organisatoren vom Möbelhaus Buss, die Technik vom Musikhaus Ahrends. Zusätzlich konnte sich die Liste der Sprecher sehen lassen. Auf der Bühne standen neben Jana Baumann und Johann Hartmann aus dem Abi-Jahrgang und Hannes Langer von den Jusos auch Pastor Quinton Ceasar von der Friedenskirche in Wiesmoor, Landschaftspräsident Rico Mecklenburg und der Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff (SPD).

Wie geht es jetzt weiter? Für die Schüler fangen im März die Prüfungen an – im Juni ist die Schulzeit endgültig vorbei. In was für eine Zukunft es geht, wird sich zeigen. Sollte dann wieder ein Statement für Respekt, Akzeptanz und gegen Hass und Hetze notwendig sein „wissen wir ja inzwischen, wie man sich Gehör verschafft“, sagt Jana Baumann. Vielleicht erinnern sich dann einige von ihnen an die Abschlussworte von Hannes Langer: „Engagiert euch, werdet aktiv in politischen Parteien oder im Ehrenamt. Jedes Engagement zählt.“

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