Lebenskünstler mit Unterhaltungswert  Auf Spurensuche – wer war Jürgen Müller-Dühring?

| | 11.02.2025 15:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Jürgen Müller-Dühring wurde in Aurich geboren und wuchs in der Wesermarsch auf. In Wittmund aber verbrachte er einen großen Teil seines Lebens bis zum Tod 1999. Foto: privat/Archiv
Jürgen Müller-Dühring wurde in Aurich geboren und wuchs in der Wesermarsch auf. In Wittmund aber verbrachte er einen großen Teil seines Lebens bis zum Tod 1999. Foto: privat/Archiv
Artikel teilen:

Jürgen Müller-Dühring war in Wittmund bekannt wie ein bunter Hund. Der Versuch einer Annäherung an den Künstler, der die Zeche mit Kunst zahlte und zweimal dieselbe Frau heiratete.

Wittmund - Sein Wirken als Lebenskünstler und kreatives Genie in der Kleinstadt Wittmund ist noch heute der Stoff, aus dem Legenden sind. Jürgen Müller-Dühring (1924-1999) war zeitlebens bekannt wie ein bunter Hund – aber längst nicht immer ist seine Arbeit Inhalt der Überlieferungen. Wer also war dieser Mann, der zwar eigentlich ungern unterrichtete, aber dennoch vielen als toller Lehrer in Erinnerung blieb? Der zweimal dieselbe Frau heiratete – und dann beide Male mit der Beziehung scheiterte? Der selten Geld hatte – und seine Zeche in den Wittmunder Kneipen mit Bildern zahlte?

Karen Pedrotti-Darby in der Retrospektive zum 100. Geburtstag Jürgen Müller-Dührings vom Ostfriesischen Kunstkreis. Als Jugendliche wurde sie von ihm unterrichtet – und blieb ihm bis zu seinem Tode freundschaftlich verbunden. Foto: privat
Karen Pedrotti-Darby in der Retrospektive zum 100. Geburtstag Jürgen Müller-Dührings vom Ostfriesischen Kunstkreis. Als Jugendliche wurde sie von ihm unterrichtet – und blieb ihm bis zu seinem Tode freundschaftlich verbunden. Foto: privat

Mehr als 25 Jahre nach dem Tod von Jürgen Müller-Dühring fällt es schwer, sich diesem Mann zu nähern. „Man musste ihn persönlich kennen, um zu wissen, wer er wirklich war“, sagt Karen Pedrotti-Darby. Sie lernte ihn vor fast 50 Jahren als Jugendliche kennen und schätzen. Im Alter von 14 Jahren etwa war er ihr Kunsterzieher an der KGS Wittmund – und wurde zum väterlichen Freund. Jürgen Müller-Dühring (JMD) lud oft Schüler zu sich ein. Wer bei ihm war, erzählt noch heute voller Bewunderung davon. Er sprach mit ihnen über die Kunst, die Literatur, das Leben. „Er war toll als Kunstlehrer. Aber das war eigentlich nicht so seins. Der Beruf war ein Mittel zum Zweck.“ Denn eigentlich war JMD Künstler durch und durch. Unterrichten jedoch finanzierte eben seinen Lebensunterhalt – und den seiner Familie.

Zwischen Freundschaft und Bewunderung

Das stellt auch Reiner-Paul Krischek (1938-2014) unmissverständlich klar. Mit seinen heiteren Anekdoten in „Wie das Leben so spielt – Histörchen aus dem Leben eines norddeutschen (Lebens-)Künstlers“, veröffentlicht im Jahr 1995, wirft er Schlaglichter auf verschiedene Stationen des Lebens von Müller-Dühring. Krischek war Unternehmer und Kunstsammler aus Rispel, aber auch enger Freund und Vertrauter Müller-Dührings. Er kannte ihn wie wohl nur wenige – „ein halbes Leben lang“ schreibt er selbst. „Viele Besuche bei Freunden und Bekannten sowie unzählige Fahrten zu Kunstausstellungen und auf Motivsuche schaffen eine Verbindung, welche gemeinhin als Männerfreundschaft charakterisiert werden kann.“ Anders als andere Wegbegleiter hielt Krischek jedoch sein Wissen für die Nachwelt schriftlich fest.

Reiner-Paul Krischek (rechts) beschreibt das, was ihn mit Jürgen Müller-Dühring verband, als eine innige Männerfreundschaft. In seiner Villa richtete er 1992 ein kleines Museum für den Künstler ein. Foto: Archiv
Reiner-Paul Krischek (rechts) beschreibt das, was ihn mit Jürgen Müller-Dühring verband, als eine innige Männerfreundschaft. In seiner Villa richtete er 1992 ein kleines Museum für den Künstler ein. Foto: Archiv

Das Buch des verstorbenen Unternehmers und Förderers ist keine Biografie über JMD, und doch ist es persönlich und offenbart viel über den Charakter des Mannes, der solch wunderbare Gemälde, Skizzen und Skulpturen schuf. Durch die Freundschaftsbrille erzählt Krischek meist heiter aus dem Leben seines Kumpans. Er nennt es erlebte Zeitgeschichte. Die Zeilen sind geprägt von inniger Zugewandtheit, aber auch Bewunderung für dessen künstlerisches Schaffen. Ihn beeindrucke die Ausdrucksfähigkeit des Werkes sowie die Vielfalt der künstlerischen Möglichkeiten JMDs.

Kindheit und Jugend des Jürgen Müller

Der Künstler wurde am 23. Juli 1924 als Jürgen Müller in Aurich geboren. Sein Vater stammte aus einer Windmüller-Dynastie Großefehns, die Mutter war eine Tochter des Försters Dühring aus Meerhusen bei Aurich. Später wählte er den Namenszusatz Dühring zu Ehren dieser Seite der Familie – und ließ diesen auch offiziell eintragen. „Der Mensch Müller-Dühring ist ein Kind seiner ostfriesischen Heimat“, urteilt Krischek in seiner Schrift. „Er ist spröde, fast ein wenig abweisend.“ Obwohl voller Können, sei JMD eher zurückhaltend. Krischek geht sogar so weit, ihn als menschenscheu zu bezeichnen. Er habe zudem nie selbst darauf gedrängt, seine Werke einem großen Publikum zu präsentieren – im Gegenteil habe man ihn dazu drängen müssen. Dazu sollte man wissen, dass Krischek JMD ein kleines Museum in seiner herrschaftlichen Villa in Rispel eingerichtet hatte.

Ein Aquarell von Jürgen Müller-Dühring. Foto: Wolfgang Blachnik, Ostfriesischer Kunstkreis/Archiv
Ein Aquarell von Jürgen Müller-Dühring. Foto: Wolfgang Blachnik, Ostfriesischer Kunstkreis/Archiv

1934 zogen Mutter und Sohn nach Stollhamm in der Wesermarsch, wo das Talent des damals Zehnjährigen an der Oberschule Nordenham von seinem Kunsterzieher bemerkt wurde. 1942 endete die Kindheit des Jugendlichen abrupt: Statt zum Abitur musste er zur Wehrmacht. Diese Episode im Leben des gebürtigen Aurichers begann mit der infanteristischen Grundausbildung in Oldenburg. „Man erlangte die Fähigkeit, richtig zu stehen, zu gehen, zu laufen und sich, durch das Gebrüll des Vorgesetzten beflügelt, blitzartig nach rechts und links umzuwenden, ja sogar eine Kehrwendung zu vollführen.“ Über die Schrecken des Krieges schreibt Krischek wenig. Fakt aber ist: Der Auricher hatte mehrfach großes Glück, den Wahnsinn zu überleben. Aus Müller-Dührings militärischen Anfängen blieb kaum jemand übrig: „Von den zehn Stubenkameraden überlebten nur zwei, davon einer ohne dauernde Behinderung.“

Krieg, Gefangenschaft – und Dämonen

Im Februar 1943 musste Müller-Dühring nach Russland an die Front. Im „Kessel von Narwa“ sollte seine Kompanie sich bei Temperaturen von minus 40 Grad Celsius und hüfttiefem Schnee bewähren. Es folgten Beschuss, Belagerung – und weitere Gefechte nahe Leningrad im November 1943. Nach einem Zwischenstopp in Oldenburg musste er 1945 an die Frontlinie zwischen den Alliierten und der Wehrmacht nahe Remagen direkt am Rhein. Hier geriet der Soldat im April 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft im Bergischen Land. Seine Familie wusste davon nichts – Müller galt als vermisst. Erst im September 1946 wurde der 22-Jährige überraschend aus der Gefangenschaft entlassen.

Der Wittmunder Gastronom Silverio de Luca, genannt Rio, am Tresen des „Dr. Jack“. Dort lernte er 1971 Jürgen Müller-Dühring kennen. Die beiden verband eine Leidenschaft für Italien. Foto: Ortgies/Archiv
Der Wittmunder Gastronom Silverio de Luca, genannt Rio, am Tresen des „Dr. Jack“. Dort lernte er 1971 Jürgen Müller-Dühring kennen. Die beiden verband eine Leidenschaft für Italien. Foto: Ortgies/Archiv

Vom Krieg und der Gefangenschaft habe er ihm erzählt, erinnert sich der Wittmunder Wirt Silverio „Rio“ de Luca, der Müller-Dühring 1971 am Tresen seines Lokals kennen und schätzen lernte. „Er hatte sehr viel durchgemacht. In Russland sind sie behandelt worden wie Tiere.“ Die Bilder des Krieges verfolgten den Künstler – wie so viele Menschen seiner Generation. Viele glauben, die Erinnerungen waren der Grund dafür, dass er oft und viel Alkohol trank. De Luca sagt, er habe großen Respekt vor JMD gehabt – und ihn darum stets „Herr Müller-Dühring“ genannt. Der hingegen habe ihn stets nur als „Rio Grande do Norte“ bezeichnet, übrigens eine Region Brasiliens.

Bockwurst mit Senf auf der Tischplatte

Für den Überlebenden gilt es nach der Freilassung, das alte Leben bestmöglich wieder aufzunehmen. „Nach Krieg und Gefangenschaft – arm an Illusionen, jedoch reich an Erfahrungen – muss Leutnant a.D. Jürgen Müller, wie viele seines Jahrgangs, die Reifeprüfung nachholen.“ 1949 besucht Müller-Dühring die Kunsthochschule Bremen, 1950 die Kunstakademie Düsseldorf, zusammen mit Joseph Beuys. Müller-Dühring wird später Kunsterzieher – nicht zuletzt, um für ein stetes Einkommen für seine Familie zu sorgen. 1957 heiratet er Krimhild Buege und wird zum ersten Mal Vater. Die Ehe hält nicht, doch sie versuchen es erneut. Zweimal heiratet Jürgen Müller-Dühring seine Angebetete, eine Lehrerin und Journalistin. Zweimal trennen sie sich wieder. Sie geht danach nach Hude und heiratet erneut. Krimhild Stöver selbst schreibt über die Ehe mit dem Künstler, aus ihr seien in den Jahren 1955 bis 1975 die vier Kinder Christiane, Peter-Marten, Dörte und Heiko hervorgegangen.

Ein Selbstporträt des Künstlers Jürgen Müller-Dühring. Foto: Ullrich
Ein Selbstporträt des Künstlers Jürgen Müller-Dühring. Foto: Ullrich

Die Familie lebt in Altharlingersiel und Ardorf. JMD schuftet in Aushilfsjobs, zeichnet für Zeitungen oder unterrichtet. In Ardorf lebt Müller-Dühring nach der Trennung später noch allein, zieht dann aber in eine kleine Wohnung in Wittmund. Hier fokussiert er sich nach dem Ausscheiden aus dem Schuldienst voll auf die Kunst. Er malt, zeichnet, schafft Skulpturen. Wenn er inspiriert ist. Es habe viele unvollendete Bilder gegeben, erinnert sich Rio de Luca. JMD habe aufwachen und es fühlen müssen, habe er seinem Freund einmal gesagt. Ohne Inspiration malte er nicht. De Luca ist einer derjenigen, die im Laufe der Jahre viele Müller-Dühring-Werke bekamen – als Bezahlung der Zeche im „Dr. Jack“. Für den Gastronom ein zufriedenstellender Tauschhandel. „Die wunderbaren Bilder“, schwärmt er noch heute.

Die Verbindung der Männer geht jedoch über die Kneipe hinaus. „Ich hab ihn ab und zu besucht, auch nachmittags.“ Sie hätten so eine gute Zeit miteinander gehabt, erinnert er sich. „Spaß haben – das war immer unser Motto.“ Müller-Dühring verbrachte viel Zeit an Rios Tresen. „Einmal hat er alle eingeladen, Würstchen essen“, erinnert der sich. Nachdem er sein Kellerlokal in den frühen Morgenstunden geschlossen hatte, machten sich etwa zehn Mann auf den Weg in die Wohnung von JMD. Der habe dann die große Dose Würstchen einfach auf den Gasherd platziert und erhitzt. Anschließend kam die auf den Tisch. „Dann nahm er den Senf – und verteilte ihn auf dem Tisch.“ Keine Teller, der Senf kam einfach auf den Tisch – einmal rund herum am Rand der Tischplatte, erinnert sich der 79-Jährige.

Ähnliche Artikel