Hamburg Missbrauch auf dem Reiterhof: So perfide locken Täter ihre Opfer an
Was für viele unvorstellbar klingt, passiert immer wieder- auf deutschen Reiterhöfen: Trainer missbrauchen ihre Schüler. Marc Allroggen ist Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm und kennt sich mit den Strategien der Täter aus. So perfide gehen sie vor.
Reiten ist ein beliebtes Hobby. Vor allem bei Mädchen und Frauen. Es zieht aber auch Täter an. Ob Reitlehrer oder Pferdebesitzer – diese Machtposition kann leicht ausgenutzt werden.
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Marc Allroggen ist Leiter des Bereichs Forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Ulm. Im Interview erzählt er, wie Täter vorgehen und den Missbrauch vor sich selbst rechtfertigen.
Frage: Herr Allroggen, Sie haben viel Erfahrung in der Arbeit mit Fällen sexualisierter Gewalt an Kindern. Welche Strategien wenden Täter typischerweise an?
Antwort: Es gibt verschiedene Strategien, zum Beispiel die Grooming-Strategie. Hierbei bauen Täter zunächst ein Vertrauensverhältnis auf und schaffen Abhängigkeiten. Im Reitsport oder auf Höfen wäre das zum Beispiel ein privilegierter Zugang zu Pferden: Sie bieten etwa Reitstunden oder die Möglichkeit, bei Turnieren teilzunehmen, und etablieren so eine Sonderstellung für die späteren Betroffenen. Nachdem sie das Vertrauen gewonnen haben, folgen leichtere Grenzverletzungen, die schrittweise eskalieren – von harmlos wirkenden Gesprächen über Sexualität bis hin zu sexuellen Übergriffen.
Frage: Neben der Grooming-Strategie: Welche weiteren Ansätze nutzen Täter?
Antwort: Täter nutzen auch ihre Machtposition, etwa als Lehrer oder Trainer, aus. Sie schaffen ein Umfeld, in dem Widerspruch schwerfällt oder mit schwerwiegenden Konsequenzen verbunden ist. Zudem isolieren sie ihre Opfer gezielt vom sozialen Umfeld, um Abhängigkeiten zu verstärken. Häufig normalisieren sie den Missbrauch, indem sie ihn als „Teil der Beziehung“ darstellen. Das führt dazu, dass Betroffene die Übergriffe zunächst als solche gar nicht wahrnehmen.
Frage: Angesichts des gezielten Vorgehens stellt sich die Frage, welche Hintergründe und Motive Täter haben. Spielen pädophile Neigungen dabei immer eine Rolle?
Antwort: Nicht alle Menschen, die sich an Kindern vergehen, sind pädophil. Pädophilie ist eine diagnostizierbare sexuelle Präferenzstörung, bei der primär präpubertäre Kinder sexuell anziehend wirken. Viele Täter handeln jedoch nicht aus pädophilen Motiven. Sie suchen Macht, Kontrolle oder nutzen Abhängigkeitsverhältnisse aus. Studien zeigen, dass ein erheblicher Teil der Täter keine pädophilen Neigungen aufweist. Es ist daher wichtig, Pädophilie klar von sexuellem Missbrauch zu unterscheiden.
Frage: Inwieweit planen Täter ihre Taten tatsächlich?
Antwort: Das ist unterschiedlich, aber viele Täter gehen strategisch vor. Es ist davon auszugehen, dass Täter bei mehreren Kindern testen, wie weit sie gehen können. Kinder, die fähig sind, entschieden „Nein“ zu sagen oder die sich an ihre Eltern wenden, bieten natürlich mehr Widerstand, was die Täter dazu bringt, ihre Aufmerksamkeit möglicherweise auf andere, weniger widerstandsfähige Opfer zu verlagern. Sie manipulieren nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Umfeld. Dadurch bleiben Taten oft lange unentdeckt. Es muss jedoch betont werden, dass die Verantwortung für den Übergriff auch dann beim Täter liegt, wenn ein Kind keinen Widerstand leistet.
Frage: Wie schaffen es Täter, ihre Opfer zum Schweigen zu bringen?
Antwort: Sie setzen Drohungen ein oder machen den Betroffenen Schuldgefühle, etwa mit Aussagen wie: „Niemand wird dir glauben.“ Oft schaffen sie ein exklusives Geheimnis, das das Opfer isoliert. Auch Abhängigkeiten spielen eine Rolle, zum Beispiel, wenn der Zugang zu einem geliebten Hobby oder Tier vom Schweigen abhängig gemacht wird.
Frage: Kindesmissbrauch bleibt häufig im Verborgenen, und wenn er doch auffällt, verlaufen Ermittlungen im Sande. Warum ist es so schwierig, Missbrauch nachzuweisen?
Antwort: Missbrauchsfälle sind schwer nachzuweisen, weil es oft keine direkten Zeugen oder physische Beweise gibt. Häufig bleibt die Aussage des Opfers das zentrale Beweismittel, das durch ein Glaubhaftigkeitsgutachten überprüft wird.
Frage: Wie genau funktionieren solche Gutachten?
Antwort: Gutachter bewerten die Aussagen anhand festgelegter Kriterien, etwa Detailliertheit, innere Widerspruchsfreiheit und freie Schilderung. Das Problem: Diese Gutachten beruhen auf methodischen Annahmen, die durchaus kritisch diskutiert werden müssen. Die Beweislast in Missbrauchsfällen liegt damit oft einseitig auf den Opfern. Gerade bei Kindern oder Jugendlichen, die wiederholt Missbrauch erfahren haben, führt dies oft dazu, dass sie sich nicht an spezifische Details wie Datum, Uhrzeit oder Umgebung einzelner Übergriffe erinnern können. Das deutsche Justizsystem ist jedoch darauf ausgelegt, konkrete Einzeltaten zu beweisen. Diese Diskrepanz – zwischen dem Erleben von Missbrauch und den rechtlichen Anforderungen – führt dazu, dass Täter trotz bestehender Verdachtsmomente oft nicht verurteilt werden können.
Frage: Sie sind regelmäßig als Gutachter vor Gericht. Wie rechtfertigen Täter ihre Übergriffe vor sich selbst und anderen?
Antwort: Häufig stellen sie die Übergriffe als „Liebe“ oder „einvernehmliche Beziehung“ dar. Manche schieben den Betroffenen sogar die Schuld zu, indem sie behaupten, verführt worden zu sein. Diese Strategien dienen dazu, die eigene Schuld zu verdrängen und gleichzeitig die Glaubwürdigkeit der Betroffenen zu untergraben.
Frage: Welche Folgen hat Missbrauch für die Betroffenen?
Antwort: Viele Betroffene fühlen sich schuldig, schämen sich oder zweifeln an sich selbst, was es ihnen erschwert, Hilfe zu suchen. Sie entwickeln psychische Symptome und häufig wird auch das Vertrauen in andere Menschen und Beziehungen nachhaltig erschüttert. Es kommt oft zu sozialer Isolation, besonders wenn Betroffenen nicht geglaubt wird oder sie ihr Umfeld verlieren. Für die Verarbeitung ist es entscheidend, soziale Unterstützung zu erfahren und das Erlebte als Unrecht anerkannt zu sehen.