Osnabrück Andrea Paluchs Horrorbuch
In ihrem Kinderbuch wirft die Ehefrau von Robert Habeck einen Blick in die Zukunft. Die meisten ihrer Prognosen ähneln mittelalterlichen Schauermärchen. Kleinen Kindern auf manipulative Weise tiefe Ängste einzupflanzen, findet unser Chefredakteur Burkhard Ewert äußerst perfide.
Vielleicht haben Sie davon gehört, dass Robert Habeck wegen seiner Doktorarbeit unter Druck geraten ist. Mit der Art, wie er zitierte, hatte er den Anschein erweckt, sämtliche Literatur selbst in den Händen gehabt und gelesen zu haben, auf die er sich von Kant bis Novalis bezieht. Ein Plagiatsjäger wies ihm nun nach, dass das nicht der Fall war. Auch die Universität Hamburg forderte Habeck zur Nachbesserung auf, bestätigte aber zugleich den wissenschaftlichen Wert der Arbeit im Grundsatz.
Der Spitzenkandidat der Grünen kam journalistischen Berichten über den Vorgang mit einem Video zuvor, in dem er die Verstöße einräumte. Zugleich präsentierte er Entlastungszeugen, wonach die Mängel als eher geringfügig zu bewerten seien, soweit sie bisher bekannt sind.
Der Plagiatsjäger hatte auch die Dissertationsschrift unter die Lupe genommen, mit der Habecks Frau Andrea Paluch promoviert hatte. Ich will das an dieser Stelle nicht weiter bewerten. Ein bisschen war das halt damals so bei Geisteswissenschaftlern, als der Arbeitsmarkt eng war und sie Promotionen noch in großer Zahl verfassten; manche nur deshalb, weil sich keine zufriedenstellende Stelle fand und einem der Doktortitel auf dem Arbeitsmarkt einen geringfügigen Vorteil versprach. Allzu kritisch sollte man deshalb nicht sein, zumal wenn die Vorwürfe durchschaubar vor einer Wahl gestreut werden. Aber ich erinnerte mich aus diesem Anlass an eines der letzten Kinderbücher Paluchs, das mir einmal in die Hände gefallen war, und in dem sie sich im Stil eines „Wimmelbuchs“ mit allerlei Umweltthemen befasst.
„Die besten Weltuntergänge“, hatte sie das 2021 im Klett Verlag erschienene Buch genannt. Untertitel: „Was wird aus uns? Zwölf aufregende Zukunftsbilder.“ Die Autorin überlegt darin, wie das Leben auf der Erde sich entwickeln könnte. Und ich kann Ihnen verraten: Paluch lässt apokalyptischen Vorstellungen freien Lauf, verpackt sie in Kindersprache und ließ zu ihren Horrorszenarien von der Illustratorin Annabelle von Sperber gleich noch bunte Bilder malen.
Beim „Leben im Raumschiff“ zum Beispiel sind Tiere verboten. Dafür können alle Kinder per GPS kontrolliert werden. Auch die Körperfunktionen werden konstant gemessen. Die Erde selbst scheint unbewohnbar geworden zu sein.
Ein weiteres Kapitel heißt „Die Virus-Pandemie“. Abstandhalten ist das Gebot der Stunde. Aus Stoffresten werden Masken genäht. Schulen sind ebenso wie Fabriken geschlossen. All das klingt furchtbar vernünftig, ebenso wie die angebotene vorbeugende Lösung: Weil Wissenschaftler herausgefunden haben, dass das Virus vom Tier auf Menschen übertragen wurde, müssten Tiere und Menschen Abstand halten.
War das noch harmlos? Versuchen Sie es mit „Die Luft wird dünn“. Hier berichtet die Autorin, dass Menschen nur noch hinter Mauern leben, weil es an Sauerstoff mangelt und sich außerhalb der Schutzzonen alienartige neue Wesen ausbreiten. In der Sandkiste und überhaupt im Freien muss jeder eine Art Taucherhelm zur Sauerstoffzufuhr tragen. Hoffentlich bleibt der Luftschlauch heile, sonst ist es vorbei mit den Kinderfreuden, und der Konsument von heute trägt die Schuld daran, ergänzt man in Gedanken.
Falls das jetzt so klingt, als wäre Erde und Menschheit unweigerlich verloren, möchte ich Ihnen die Sorge nehmen: Paluch hat in ihrer Kinderbibel, pardon, Kinderfibel auch Heilsversprechen im Angebot, denen allerdings ebenfalls gemein ist, dass das jetzige Leben endet und denen zu folgen ist, die den Weg in eine segensreiche Zukunft weisen.
„Die Welt, wie wir sie kennen, wird untergehen“, kündigt der Verlagstext im Stil der Offenbarung des Johannes an. „Dieses Buch entwirft in knappen Texten und auf spektakulären Bildtafeln ganz verschiedene Szenarien für unsere Zukunft. Werden wir nur in Raumschiffen überleben können? Kommt eine große Dürre oder doch eher eine Flut? Könnte es vielleicht auch schön werden, zum Beispiel ohne Kriege und Grenzen?“ Und ohne Autos, versteht sich, und ohne Leute, die vielleicht lieber anders leben möchten, als hier von Paluch vorgesehen, so wie man sich überhaupt fragt, auf welche Art von demokratischer Entscheidungsfindung die geschilderten dystopischen Lebensweisen wohl folgen sollen.
Ich habe das Buch durchgeblättert und verspürte eine beträchtliche Beklommenheit, nicht wegen der Szenarien. Sie mögen mehr oder weniger realistisch sein oder auch nicht, und das eine oder andere Thema lässt sich auf die eine oder andere Art sicher sinnvoll besprechen. Aber kleine Kinder im mittelalterlichen Schauermärchenstil derart zu indoktrinieren und ihnen auf manipulative Weise tiefe Ängste einzupflanzen, finde ich perfide und weit problematischer als ein paar abgeschriebene Passagen oder einige hochstaplerische Zitate. Mir kommt sowas im Rest der Republik jedenfalls nicht ins Haus.