Medikamentenmissbrauch in Aurich  Immer mehr Jugendliche nehmen verschreibungspflichtige Medikamente

Mieke Matthes
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Von Mieke Matthes
| 17.02.2025 09:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Immer mehr junge Menschen konsumieren verschreibungspflichtige Medikamente wie Tilidin, Oxycodon oder Fentanyl. Foto: dpa
Immer mehr junge Menschen konsumieren verschreibungspflichtige Medikamente wie Tilidin, Oxycodon oder Fentanyl. Foto: dpa
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Opioide und Benzodiazepine werden verstärkt von jungen Menschen eingenommen. Die Drogenberatungsstelle Aurich bemerkt einen gefährlichen Trend.

Aurich - Immer mehr junge Menschen konsumieren in Aurich illegal verschreibungspflichtige Medikamente wie Benzodiazepine und Opioide. Das berichtet Sucht- und Sozialtherapeutin Antje Schrader von der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention Drobs in Aurich im Gespräch mit dieser Zeitung. Schrader und ihre Kollegen sind besorgt.

Der Drogenkonsum sei in den vergangenen Jahren komplexer geworden. So nähmen Konsumenten mehrere verschiedene Drogen parallel ein, je nachdem, welche Wirkung man erreichen wolle. Neben der Suchtproblematik von Kokain und Heroin seien ihr und ihrem Team seit Corona eben auch die steigenden Zahlen der sehr jungen Konsumenten aufgefallen, so Schrader.

Aufputschen und beruhigen im Wechsel

„Zu uns in die Beratung kommen derzeit Jugendliche ab 17 Jahren“, sagt Schrader. Die jungen Menschen probierten die unterschiedlichsten Tabletten aus, darunter opioidhaltige Medikamente wie das euphorisierende Tilidin und Benzodiazepine. Das sind starke Beruhigungsmittel, die zum Beispiel bei Angst- oder Schlafstörungen verschrieben werden. Damit bestätigt sich in Aurich ein bundesweiter Trend.

Bereits im Sommer 2023 hatte das Deutsche Schulportal der Robert Bosch Stiftung über steigende Zahlen bei Jugendlichen berichtet, die verschreibungspflichtige Medikamente konsumieren würden. Günstige Preise und eine hohe Verfügbarkeit setzten die Hemmschwelle demnach für diesen Medikamentenmissbrauch herab. Zusätzlich verherrliche die Popkultur den Konsum, hieß es seitens der Stiftung.

Starke Medikamente sind leicht verfügbar

„Sowohl Informationen rund um die Wirkung als auch über die Medikamente selbst finden die Kinder- und Jugendlichen heute online, in Foren und auf einschlägigen Seiten im Internet“, weiß die Auricher Suchttherapeutin. Wer heute illegal Medikamente kaufen möchte, habe es demnach viel leichter als noch vor einem Jahrzehnt. Laut Robert Bosch Stiftung sind die betreffenden Tabletten aktuell in großen Mengen auf dem Schwarzmarkt verfügbar. Tief in die Tasche greifen müssen die Jugendlichen dafür zudem offenbar auch nicht. Bereits für wenige Euro sei eine Einzeldosis erhältlich, so das Schulportal. Aus verschiedenen Quellen gelangten die Medikamente auf den Markt – durch gefälschte Rezepte sowie Diebstähle bei den Herstellern oder auch in Altersheimen, wo die Tabletten zur Linderung starker Schmerzen oder zur palliativen Behandlung von Sterbenden eingesetzt werden. Millionenfach würden die Medikamente aber auch legal verschrieben und dann in Umlauf gebracht.

In der Kriminalitätsstatistik der Polizeiinspektion Aurich-Wittmund schlägt sich dieser Trend bisher nicht nieder. Pressesprecherin Nancy Rose berichtet auf Anfrage dieser Redaktion lediglich von einzelnen Fällen, in denen Jugendliche mit Tilidin, einem starken Medikament, in der Tasche aufgegriffen worden seien. Von einem Trend hinsichtlich eines möglichen Handels mit den betreffenden Medikamenten könne man nicht sprechen, so Rose.

Mangelnde Resilienz als Faktor

Aber warum nehmen junge Menschen aufputschende und dämpfende Medikamente ein, teilweise in Kombination? Der Konsum habe vor allem seit der Corona-Pandemie zugenommen, sagt Suchttherapeutin Antje Schrader und hat auch eine Erklärung dafür: „Die soziale Isolation der jungen Menschen hat bei Manchem bestehende Ängste verstärkt oder erst welche hervorgerufen.“

Mit Hilfe der Medikamente scheinen die jungen Konsumenten diese Emotionen verarbeiten zu wollen. Die pandemiebedingten Einschränkungen hätten die uJugendlichen in einer sehr sensiblen Phase ihres Lebens getroffen, in einer Zeit, in der man eigentlich Autonomie erfährt, sich ein Stück Freiraum schaffe, so Schrader. Ein Lockdown also mit fatalen Folgen, verschärft durch ein weiteres Phänomen, das Schrader, die auch Sozialpädagogin ist, ausgemacht hat. „Vielen Kindern und Jugendlichen fehlt es heute an Resilienz“, sagt sie. Resilienz bezeichnet die innere Widerstandskraft, mit herausfordernden Situationen umzugehen.

Laut Schrader hätten das Teile der jungen Generation nicht erlernt. „Manche Eltern versuchen jegliche Schwierigkeit und jedes Problem von ihrem Kind fernzuhalten“, so Schrader. Grundsätzlich sei dies ja ein guter Vorsatz, aber eben nicht immer hilfreich für die psychische Entwicklung. Denn als Mensch müsse man auch lernen, schwere Situationen, verbunden mit Emotionen wie Ohnmacht, Hilflosigkeit und Trauer, auszuhalten. Auf diese Weise erlerne man seine eigenen Emotionen zu regulieren – und zwar ohne die Hilfe von fremden Substanzen. Resilienz könne auf diese Weise als eine Art Schutzmechanismus gegen eine mögliche Abhängigkeit von Drogen fungieren.

Medikamente machen schnell süchtig

Antje Schrader weiß um die Gefahr, die hinter den vermeintlich harmlosen Medikamenten steckt. So machten sie schnell abhängig und richteten vor allem bei Jugendlichen, deren Gehirn noch in der Entwicklung sei, schwere Schäden an. Die Nervengifte hielten sich zudem sehr lange in den Zellen auf, bräuchten teilweise sechs Monate, bis sie abgebaut werden.

Die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention Drobs in Aurich ist zu erreichen unter Tel. 04941/6 79 67 und aurich@drobs.info. Mehr Informationen auch unter www.drobs.info.de.

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