Pinneberg  Kreis in Norddeutschland als Wahl-Orakel: Wer hier siegt, stellt den Kanzler

Bernd Amsberg
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Von Bernd Amsberg
| 20.02.2025 17:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Gewinnt Ralf Stegner das Direktmandat im Kreis Pinneberg, bleibt Olaf Scholz (rechts) Kanzler. Siegt Daniel Kölbl, wird Friedrich Merz neuer Bundeskanzler. Das wäre das Ergebnis der Bundestagswahl 2025, wenn das Wahl-Orakel Kreis Pinneberg weiter Recht behält. Foto: IMAGO/Sven Simon
Gewinnt Ralf Stegner das Direktmandat im Kreis Pinneberg, bleibt Olaf Scholz (rechts) Kanzler. Siegt Daniel Kölbl, wird Friedrich Merz neuer Bundeskanzler. Das wäre das Ergebnis der Bundestagswahl 2025, wenn das Wahl-Orakel Kreis Pinneberg weiter Recht behält. Foto: IMAGO/Sven Simon
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Wer wissen möchte, welcher Spitzenkandidat nach der Bundestagswahl Kanzler wird, muss nur in den Kreis Pinneberg schauen. Denn schon seit 1953 ist der Ablauf immer gleich: Die Partei des siegreichen Direktkandidaten im Kreis Pinneberg wird später auch den Kanzler stellen.

Pünktlich zur Bundestagswahl ist es wieder in aller Munde: das Wahlorakel aus dem Kreis Pinneberg. Es hat bisher immer wieder die Republik verblüfft – und sich seit 1953 nicht geirrt. Und auch das Ergebnis der letzten Bundestagswahl 2021 war überraschend: Die SPD hatte eine famose Aufholjagd hingelegt und die regierende CDU auf Platz zwei verwiesen.

Doch bis mit der Kanzlerwahl feststand, dass SPD-Mann Olaf Scholz Bundeskanzler werden würde und nicht sein christdemokratischer Konkurrent Armin Laschet, vergingen noch einige Wochen. Dabei war Scholz‘ Kanzlerschaft unumgänglich – denn im Kreis Pinneberg hatte Ralf Stegner (SPD) das Direktmandat für den Bundestag geholt. Und derjenige, der hier gewinnt, dessen Partei stellt auch den Kanzler. Das ist kein Gesetz. Aber es ist Fakt. Das Wahlorakel des Kreises Pinneberg (Wahlkreis 007) weiß bereits am Wahlabend, wer Kanzler wird. Seit mehr als 70 Jahren. Unumstößlich.

In den Anfängen der Bundesrepublik 1949 war das noch nicht so. Damals holte die Sozialdemokratin Anni Krahnstöver das Direktmandat, Kanzler wurde Konrad Adenauer (CDU). 1953 begann die unheimliche Serie: Christdemokrat Wilhelm Goldhagen holte im Kreis Pinneberg das Direktmandat, Kanzler wurde Adenauer. Ebenso 1957 und 1961: Wahlkreissieger Goldhagen, Bundeskanzler Adenauer. 1965 gab es neue Kandidaten, aber gleiche Ergebnisse: Im Kreis Pinneberg hatte Christdemokrat Rolf Bremer die Nase vorn, Kanzler wurde sein Parteifreund Ludwig Erhard.

Nun schwamm die Union in diesen Wirtschaftswunderjahren auf einer Erfolgswelle und deshalb waren die Ergebnisse nicht unbedingt überraschend. Hinzu kam: Im damaligen Drei-Fraktionen-Bundestag stellte die Partei die Regierung, die die FDP an ihrer Seite hatte. Und das war bis dahin die CDU. 1969 fuhr der amtierende Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) mit 46,1 Prozent ein gutes Ergebnis ein. Doch die Freidemokraten wollten es mal mit den Genossen versuchen. Kanzler wurde deshalb erstmals ein Sozialdemokrat: Willy Brandt. Diese Entwicklung war für Kiesinger überraschend. Nicht aber für die Wähler im Kreis Pinneberg: Die hatten vorausahnend SPD-Mann Hans-Ulrich Brand direkt in den Bundestag gewählt.

Es begann die große Zeit der Sozialdemokraten: 1972 wurde Willy Brandt wieder Kanzler, Hermann P. Reiser wurde im Kreis Pinneberg gewählt. 1976 verpasste Helmut Kohl (CDU) mit 48,6 Prozent nur ganz knapp die absolute Mehrheit. Helmut Schmidt (SPD), der (noch) die FDP an seiner Seite hatte, wurde Kanzler. Und die Wähler im Kreis Pinneberg schickten den Genossen Reinhard Ueberhorst in den Bundestag.

1982 hatten die Liberalen genug von den Sozialdemokraten und wechselten zur Union. Bei der Neuwahl 1983 wurde erstmals Helmut Kohl Bundeskanzler und Ingrid Roitzsch (CDU) ergatterte entsprechend das Direktmandat im Kreis Pinneberg. 1987 und 1990 änderte sich nichts: Kanzler Kohl, direkt gewählte Abgeordnete des Kreises Pinneberg Roitzsch. 1994 trat sie nicht wieder an. Doch auch ihre Nachfolger Gert Willner wurde direkt gewählt und Kohl blieb Kanzler.

1998 hatten die Wähler genug von Kohl. Kanzler wurde Gerhard Schröder. Das stand schon am Wahlabend fest, denn SPD-Mann Ernst Dieter Rossmann hatte im Kreis Pinneberg gewonnen. 2002 hieß der CDU-Kandidat im Kreisgebiet Ole Schröder. Er hatte gegen Rossmann das Nachsehen, und deshalb blieb auch Gerhard Schröder Kanzler. 2005 siegte Ole Schröder gegen Rossmann im Kreis Pinneberg. Und in Berlin musste Gerhard Schröder seinen Hut nehmen. Nachfolgerin wurde Angela Merkel (CDU). 2009 und 2013 dieselbe Konstellation: Ole Schröder siegte im Kreis Pinneberg, Angela Merkel blieb Kanzlerin. Das blieb sie auch 2017. Das war bereits am Wahlabend klar, denn für den nicht wieder angetretenen Ole Schröder hatte dessen Parteifreund Michael von Abercron das Direktmandat gewonnen. 2021 gab es nun die sozialdemokratische Kombination Ralf Stegner und Olaf Scholz.

Warum sich der Kreis Pinneberg zum bundesweiten Wahlorakel gemausert hat, kann niemand so genau sagen. Vielleicht ist es die Kombination aus ländlichen und städtischen Bereichen. Doch die gibt es auch anderswo. Und die Orakelkraft hat sich der Wahlkreis über viele Jahre erhalten, obwohl mittlerweile acht Parteien beziehungsweise Gruppen im Bundestag vertreten sind. Von statistischen Zufällen kann man eigentlich nicht mehr sprechen. Und deshalb braucht jeder, der schon am kommenden Wahlabend wissen will, wer Bundeskanzler wird, nur in den Wahlkreis 007 zu schauen: Gewinnt Ralf Stegner, bleibt es Olaf Scholz, siegt Daniel Kölbl, wird es Friedrich Merz.

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