Osnabrück  Stiller Star der Neuen Sachlichkeit: Hannover erinnert an Grethe Jürgens

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 21.02.2025 12:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Strenger Blick nach vorn: Grethe Jürgens´ „Selbstbildnis“ von 1927 im Sprengel Museum Hannover. Foto: Stefan Lüddemann
Strenger Blick nach vorn: Grethe Jürgens´ „Selbstbildnis“ von 1927 im Sprengel Museum Hannover. Foto: Stefan Lüddemann
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Lange blieben ihre Bilder im Depot. Jetzt wird Grethe Jürgens wiederentdeckt - als stiller Star der Neuen Sachlichkeit. Die Malerin aus Osnabrück avancierte in Hannover zur wichtigen Künstlerin. Das dortige Sprengel-Museum zeigt ihr Werk im Überblick.

Sie ist 28 Jahre alt und geht mit der Zeit. Kurzes Haar, Kleid in kühl schillerndem Blau. Die Haare kurz und streng gescheitelt. So schaut Grethe Jürgens uns aus ihrem „Selbstbildnis“ entgegen. Der Schließmechanismus des Dachfensters über ihr leuchtet so kühl wie ihre blauen Augen. Die Frau wirkt, als sei sie selbst aus Metall. Die Haushaltsdinge, die sie 47 Jahre später malen wird, nennt sie „schattenlose Dinge“. Auf ihrem Selbstporträt von 1927 wirft sie selbst keinen Schatten. Ein Mensch als Ding?

Grethe Jürgens lebt radikal sachlich, ihr Leben lang, auf 30 Quadratmetern eines Wohnateliers in Hannover. Fleißig arbeitet sie in ihrer Kunstklause, über alle Brüche der Zeitgeschichte hinweg. Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Bundesrepublik: Die Frau, die 1899 in Holzhausen bei Osnabrück auf die Welt kommt, führt ein Leben im Abseits. Ein Spötter könnte ihr und ihrem Werk das Temperament einer Registrierkasse attestieren.

Jetzt wird Grethe Jürgens neu entdeckt. Der 100. Geburtstag der Neuen Sachlichkeit, der führenden Stilrichtung in der Zeit der Weimarer Republik, rückt auch Jürgens neu in das Licht der Aufmerksamkeit. Für die Ausstellung, die 1925 unter dem Titel „Neue Sachlichkeit“ in Mannheim eine Epoche markiert, kommt Grethe Jürgens einen Wimpernschlag zu spät. Ihr erstes Ölgemälde „Krankes Mädchen“ entsteht im Jahr darauf.

Ob das Grethe Jürgens etwas ausgemacht hat? Wohl kaum. Für zehn Jahre ist sie vorn mit dabei, malt Bilder von Arbeitslosen und Händlern, von Städten und Technik. Ihre Werke sind so perfekt und cool wie die ihrer männlichen Kollegen, auch wenn sie nicht so radikal zu Werke geht wie ein Otto Dix, eine Zeit der gesellschaftlichen Verwerfungen nicht so scharf geißelt wie ein George Grosz. Jürgens. Trotzdem blickt sie klar und schreibt 1931: „Wir müssen heute mehr mit der Wirklichkeit rechnen, wir können nicht mehr abseits stehen, wir geben das Ästhetische und das Intellektuelle auf“.

Das Sprengel Museum Hannover gruppiert 170 Bilder zu einem Parcours durch eine seit vielen Jahren nicht mehr gesehene künstlerische Welt. Jürgens kommt aus der Welt der Gebrauchsgrafik, arbeitet erst als Werbegestalterin, bevor sie zur Kunst findet. Ihre Arbeitshaltung bleibt pragmatisch, auch als die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Jürgens tritt in die Reichskunstkammer ein, nicht jedoch in die NSDAP. Sie malt keine Menschen mehr, sondern Pflanzen. Jetzt sei sie eine „Unkrautmalerin“, sagt sie.

Der Punkt ist heikel. Stand die künstlerische Moderne per se politisch auf der linken Seite? Oder fügten sich ihre Gestaltungen nicht auch verblüffend problemlos in den Kontext der offiziellen Kunstdoktrin der Nazis? Grethe Jürgens geht nicht in den Widerstand, bleibt in ihrem Werk aber unbestechlich. Sie malt keine hoch aufgereckten Herrenmenschen, sie aquarelliert verwachsenes Unkraut. Auch darin liegt ein Statement.

Wer sich heute darüber Gedanken macht, dass die Freiheit der Kunst erneut bedroht sein könnte, der schaut jene Bilder, die Grethe Jürgens in der NS-Zeit malt, mit bangen Blicken an. Wie bewahrt man seine Haltung, seine Resträume, wenn um einen herum die Freiheit unter dem Druck autoritärer Machthaber schwindet? Grethe Jürgens räumt die Menschen aus ihren Bildern, stellt stille Winkel der Natur dagegen. Oder die „Landstraße nach Dangastermoor“, ein Landschaftsbild, auf dem Weg Tiere und Trecker, Haus und Hof wie Spielzeuge im Setzkasten arrangiert sind.

Grethe Jürgens protestiert nicht, sie registriert. Unbestechlich bleiben, sich nicht verlieren – das scheint jene Maxime zu sein, die sie schützt. Mit Aufträgen für Buchillustrationen kommt sie durch die dunkle Zeit, malt nach 1945 das zerstörte Hannover und Flüchtlinge als „Menschenhaufen vor Trümmern“. 1944 sieht sie das Ende schon kommen. Grethe Jürgens, die harte, junge Frau von 1927, ist nicht mehr hart. Auf ihrem Selbstbildnis schaut sie skeptisch, hält die Zigarette. Hinter ihr rauchen die Ruinen der im Bombenkrieg skelettierten Heimatstadt.

Mit Grethe Jürgens trägt die Kunst keinen triumphalen Sieg über die Geschichte davon. Pablo Picasso gab vor, dass ihm das gelungen sei. Andere versuchten, sein Beispiel zu kopieren. Vielleicht hat Grethe Jürgens als Künstlerin von vornherein jene Gesten skeptisch gesehen, mit denen sich die Stars der Moderne imperiale Selbstermächtigungen zuschrieben. Jürgens blieb kühl, ein wenig unerreichbar. Das gilt auch für die Bilder, die sie nach 1945 schuf. Gitter, Röhren, Häuser als Wohnwaben, eine Wohlstandswelt als kühler Aufbewahrungscontainer. Sie malt sogar Spülbürsten und Seifensyphone. Die Welt ist, wie sie ist. Grethe Jürgens auch. Nur ihre Bilder verstören – als Dinge ohne Schatten.

Hannover, Sprengel-Museum: Grethe Jürgens: Retrospektive. Bis 15. Juni 2025. Di., 10-20 Uhr, Mi.-So., 10-18 Uhr.

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