Wohnungsbau  Norden versucht sich am ultimativen Baugebiet

Rebecca Kresse
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Von Rebecca Kresse
| 27.02.2025 10:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Mitten in einer Einfamilien- und Doppelhaussiedlung soll das Neubaugebiet mit unterschiedlichen Wohnformen entstehen. Screenshot: NLG
Mitten in einer Einfamilien- und Doppelhaussiedlung soll das Neubaugebiet mit unterschiedlichen Wohnformen entstehen. Screenshot: NLG
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In Norden entsteht ein Baugebiet, mit dem der Bürgermeister Maßstäbe setzen will. Mit verschiedenen Wohnformen, Erbpachtmodellen und der Stadt als Vermieter. Die Anwohner machen sich Sorgen.

Norden - Kaum etwas ist in Norden so knapp wie bezahlbarer Wohnraum. Daran etwas zu ändern, hat sich Bürgermeister Florian Eiben schon in seinem Wahlkampf 2021 auf die Fahnen geschrieben. Sichtbar passiert ist seitdem nichts. Das soll sich ab April ändern. Dann sollen die Arbeiten im Neubaugebiet „südlich Hamburger Straße“ beginnen. Das soll aber nicht irgendein Baugebiet, sondern die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau werden. Mitten in einem klassischen Wohngebiet mit Einfamilien- und Doppelhäusern will Eiben die Themen Wohnungsbau und Innenentwicklung neu erfinden. Nicht alle Anwohner sind von den Plänen begeistert.

Das geplante Neubaugebiet im Westen der Stadt Norden mit einer Größe von 22.000 Quadratmetern liegt zwischen Dortmunder Straße, Hamburger Straße, Pasewalker Straße und Im Spiet. Weil die Erben der Fläche sich über die Zukunft des Geländes lange nicht einig waren, ist die Fläche überhaupt noch unbebaut. Alle Straßen rundherum wurden bereits 2006 entwickelt. Erst nach der Wahl von Eiben zum Bürgermeister gelang der Verkauf des Gebietes. Die Niedersächsische Landgesellschaft (NLG) griff zu, um das Gebiet gemeinsam mit der Stadt zu entwickeln.

Mit einem Youtube-Video wirbt die Niedersächsische Landgesellschaft für das „nachhaltige Quartier südlich Hamburger Straße“. Screenshot: NLG
Mit einem Youtube-Video wirbt die Niedersächsische Landgesellschaft für das „nachhaltige Quartier südlich Hamburger Straße“. Screenshot: NLG

Baugebiet soll in drei Abschnitte unterteilt werden

Der Plan: Das Gebiet wird in drei Abschnitte unterteilt. Im Süden des Baugebietes sind elf Grundstücke für den klassischen Bau von frei stehenden Einfamilien- und Doppelhäusern mit Grundstücksgrößen von 630 und 800 Quadratmetern vorgesehen. Das Besondere: Um die Kosten für die künftigen Häuslebauer zu senken, will die Stadt Norden diese Grundstücke über Erbpacht vergeben. Endgültig beschlossen ist das politisch aber noch nicht.

Im Zentrum des Gebietes soll bezahlbarer Wohnraum entstehen. Das soll ein Investor für die Stadt umsetzen. Screenshot: NLG
Im Zentrum des Gebietes soll bezahlbarer Wohnraum entstehen. Das soll ein Investor für die Stadt umsetzen. Screenshot: NLG

Im mittleren Teil des Neubaugebietes soll bezahlbarer Wohnraum entstehen. Geplant sind vier Kuben – also quadratische zweigeschossige Blöcke mit Flachdächern. Außerdem ein 30 Meter langes Mehrfamilienhaus mit zwei Vollgeschossen und einem Staffelgeschoss. Das soll nach Wunsch der Stadt ein Investor übernehmen.

Stadt hat Vorkaufsrecht auf Grundstücke

Im nördlichen Teil des Baugebietes, der von der Hamburger Straße aus erschlossen wird, sind Reihenhäuser mit zwei Vollgeschossen sowie eine Kindertagesstätte mit Kindergarten- und Krippengruppe geplant. In diesem Bereich will die Stadt selbst als Vermieter auftreten. Laut Stadtbaurat Christian Pohl gibt es auf Grundlage des städtebaulichen Vertrages mit der NLG ein Erstzugriffsrecht der Stadt Norden auf die Flächen. Wie viele Grundstücke die Stadt tatsächlich erwerben wird, wie die Verwaltung der neuen Häuser ablaufen soll – all diese Details sind noch nicht geklärt und sollen in der nächsten Sitzung des städtischen Bauausschusses diskutiert werden. Die ist laut Ratsinfosystem der Stadt für den 6. Mai geplant.

So sieht der Spielplatz Dortmunder Straße bisher aus. Darunter soll ein Regenrückhaltebecken entstehen. Screenshot: NLG
So sieht der Spielplatz Dortmunder Straße bisher aus. Darunter soll ein Regenrückhaltebecken entstehen. Screenshot: NLG

Trotzdem fangen die Arbeiten im Baugebiet „voraussichtlich Anfang April“ an, teilte Pohl auf Anfrage mit. Seit Wochen sind Mitarbeiter der NLG damit beschäftigt, den Spielplatz in der Dortmunder Straße vorzubereiten, Bäume zu fällen und das vorhandene Gehölz auf einen Meter zu kürzen. Der Spielplatzfläche kommt im Neubaugebiet nämlich eine besondere Rolle zu. Denn unter dem Spielplatz sollen Rigolen als Regenrückhaltebecken eingesetzt werden, um die Entwässerung des Neubaugebietes sicherzustellen.

Im Video sieht der Spielplatz nach dem Einbau der Rigolen anders aus. Ob das so kommt, ist noch offen. Screenshot: NLG
Im Video sieht der Spielplatz nach dem Einbau der Rigolen anders aus. Ob das so kommt, ist noch offen. Screenshot: NLG

Spielplatzplanungen verzögerten Baustart

Diese Idee stellte die Planer aber vor größere Probleme, wie Pohl zugab. Tatsächlich hat es den Baubeginn um fast ein Jahr verzögert. Denn der Spielplatz soll später wieder auf den Rigolen aufgebaut werden. „Für die neuen Fundamente der Geräte müssen Abstände zu den Rigolen eingehalten werden. Diese Umstände in eine neue Geländetopografie zu integrieren war planerisch sehr herausfordernd“, so Pohl. Er sagte aber noch einmal zu: „Der Spielplatz wird aber am Bestand orientiert genauso wieder aufgebaut – die geplante Wiedereröffnung ist zu Beginn der Sommerferien.“

Die Regenrückhaltebecken unter dem Spielplatz sollen das Neubaugebiet entwässern. Screenshot: NLG
Die Regenrückhaltebecken unter dem Spielplatz sollen das Neubaugebiet entwässern. Screenshot: NLG

Die Vergabe der Bauleistungen für die Erschließungsanlagen sowie die Landschaftsbauarbeiten auf dem Spielplatz sind bereits von der Stadt Norden beauftragt. Den Straßen- und Kanalbau übernimmt die Firma Tell. Die ersten Arbeiten am Spielplatz werden laut NLG Auskofferungsarbeiten sein.

NLG wirbt mit Youtube-Video für Baugebiet

Wie das Neubaugebiet aussehen soll, kann man schon jetzt in einem Youtube-Video sehen, dass die NLG nach eigenen Aussagen für Werbezwecke unter anderem für Messen und Ausstellungen erstellt hat. Das hat auch den Anwohnern rund um das Neubaugebiet vor Augen geführt, was da künftig direkt hinter ihren Gärten entstehen soll. Statt freiem Blick über eine Grünfläche gucken sie künftig vor eine 30 Meter lange und fast zehn Meter hohe Gebäudewand. Die Bewohner des Neubaugebietes haben direkten Einblick in die Gärten der Einfamilienhäuser. „Privatsphäre haben wir künftig im Garten nicht mehr“, klagte ein Anwohner. Die Verschattung seines Gartens macht ihm ebenfalls Sorgen, denn die mehrgeschossigen Gebäude stehen nur fünf Meter hinter dem Gartenzaun. Mit diesen Sorgen steht er nicht alleine da.

Durch die mehrgeschossigen 30 Meter langen Gebäude direkt hinter den Gärten, befürchten die Anwohner mangelnde Privatsphäre und eine Verschattung ihrer Gärten. Screenshot: NLG
Durch die mehrgeschossigen 30 Meter langen Gebäude direkt hinter den Gärten, befürchten die Anwohner mangelnde Privatsphäre und eine Verschattung ihrer Gärten. Screenshot: NLG

Des Weiteren haben die Anwohner Bedenken, was die weitere Versiegelung des Gebietes angeht. Ein Starkregenereignis im Mai 2024 hat eindrucksvoll gezeigt, dass das vorhandene Kanalnetz die Wassermassen schon ohne Neubaugebiet nicht aufnehmen konnte. Trotzdem hält Christian Pohl die „pauschale Aussage, dass das städtische Regenwasserkanalsystem nicht ausreicht“ für „nicht richtig“. Die Stadt werde aufgrund der „oftmals punktuellen Extremniederschlagsereignisse“ künftig aber „Regenrückhaltung intensivieren sowie mögliche Notwasserwege in den Blick nehmen müssen“, so Pohl. Die Probleme liegen nach Ansicht des Stadtbaurates in der Vergangenheit. Bestehende Baugebiete hätten entweder eine nach heutigen Maßstäben unterdimensionierte Regenrückhaltung oder gar keine. Dies habe im Zuge des Neubaugebietes zur Folge, dass die Stadt neben der eigentlichen berechneten und genehmigten Gebietsentwässerung des Bebauungsplangebietes südlich der Hamburger Straße unter anderem auch das Rückhaltebecken am Warfenweg vergrößern müsse. „Dazu sind wir in einem sehr guten und konstruktiven Austausch mit der Unteren Wasserbehörde des Landkreises“, sagte Pohl.

Anwohner machen sich Sorgen

Es gibt weitere Sorgen der Anwohner, wie eine zunehmende Vermüllung. Schon jetzt ist das Gebiet durch das Müllproblem der nahe gelegenen Großraumsiedlungen im Warfenweg und der Hamburger Straße gebeutelt. Befürchtet wird auch ein zunehmender Verkehr in den als Spielstraßen ausgewiesenen Wohnstraßen durch die geplante Kita. Bedenken, die die Stadt nicht hat.

Sowohl der Politik als auch Florian Eiben geht es vor allem um eins: Schnell und sichtbar das Thema Wohnungsbau in Angriff nehmen.

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