Erstarken der Rechtspopulisten  Russlanddeutsche aus Leer – „Wir wählen nicht alle die AfD“

Henrik Zein
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Von Henrik Zein
| 28.02.2025 15:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das starke Ergebnis der AfD in Ostfriesland sorgt weiter für Diskussionen. Symbolfoto: Karmann/DPA
Das starke Ergebnis der AfD in Ostfriesland sorgt weiter für Diskussionen. Symbolfoto: Karmann/DPA
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In Ostrhauderfehn errang die AfD bei der Bundestagswahl die meisten Zweitstimmen. Spekuliert wurde darüber, dass auch Russlanddeutsche dazu beigetragen hätten. Das hat eine Leeranerin verärgert.

Leer/Ostrhauderfehn - Die hohen Bundestagswahl-Ergebnisse der Alternative für Deutschland (AfD) in Ostfriesland sorgen weiterhin für Diskussionen. Im Landkreis Leer konnten die Rechtspopulisten sogar in einer Kommune die meisten Zweitstimmen erringen – in Ostrhauderfehn. Dort sorgte das Resultat für Betroffenheit und Entsetzen. Der SPD-Politiker Folkmar Körte, der auch Vorsitzender des schwul-lesbischen Vereins Rainbow-Point ist, vermutet, dass auch viele Russlanddeutsche zu dem starken AfD-Ergebnis in Ostrhauderfehn beigetragen hätten. Diese Aussage wiederum hat eine Leeranerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, verärgert.

Sie ist mit ihrem Sohn im Jahr 1993 aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gezogen und betont im Gespräch mit dieser Zeitung: „Wir wählen nicht alle die AfD.“ Unter Russlanddeutschen gebe es die verschiedensten politischen Richtungen. „Wie auch in der gesamten Bevölkerung machen sich auch die Russlanddeutschen natürlich Sorgen um ihren Arbeitsplatz und um die Zukunft. Aber deswegen wählen sie nicht gleich alle die AfD“, sagt die 64 Jahre alte Rentnerin, die selbst keine Verwandtschaft mehr im heutigen Russland hat. Die Leeranerin betont zudem, dass sie den von Wladimir Putin initiierten Krieg in der Ukraine ablehnt. „Ich wünsche mir Frieden. Es ist traurig, was dort passiert“, sagt die 64-Jährige. „Mein Vater hat seine Eltern während des Zweiten Weltkrieges verloren. Darüber wurde natürlich auch in unserer Familie gesprochen. Krieg ist etwas Furchtbares“, betont die Rentnerin.

Zu wenig Aufklärungsarbeit

Die 64-Jährige kritisiert, dass die Geschichte der Russlanddeutschen in Deutschland zu wenig aufgearbeitet wurde. „In der Politik war das kaum Thema. Auch die Medien berichten zu selten über positive Beispiel von Menschen, die aus der ehemaligen Sowjetunion hierher gekommen und erfolgreich sind“, so die Leeranerin.

Der Wiener Professor Jannis Panagiotidis forscht unter anderem über Russlanddeutsche. Foto: privat
Der Wiener Professor Jannis Panagiotidis forscht unter anderem über Russlanddeutsche. Foto: privat

Der deutscher Historiker Jannis Panagiotidis ist jemand, der sich intensiv mit den Russlanddeutschen befasst. Er forscht seit vielen Jahren zur postsowjetischen Migration. Der 43-Jährige war von 2014 bis 2020 Juniorprofessor an der Universität Osnabrück und ist jetzt wissenschaftlicher Direktor des Forschungszentrums für die Geschichte der Transformationen an der Universität Wien. Panagiotidis erklärt: „Empirische Daten belegen, dass Russlanddeutsche überproportional die AfD wählen.“ Eine Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (ZOiS) in Berlin zeigt, dass das AfD-Wählerpotenzial bei Russlanddeutschen bei etwa 30 Prozent liegt – verglichen mit 20 Prozent in der Gesamtbevölkerung, die am Sonntag tatsächlich die AfD gewählt haben. „Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Mehrheit der Russlanddeutschen die AfD wählt. Für die Mehrheit der Russlanddeutschen ist die AfD grundsätzlich nicht wählbar“, betont Professor Panagiotidis.

Thema Migration auch bei Russlanddeutschen wichtig

Die Gründe für die Wahl der AfD durch Russlanddeutsche seien ähnlich wie in der breiten Bevölkerung: wirtschaftliche Sorgen und niedrige Lebenszufriedenheit. Allerdings empfinden Russlanddeutsche das Thema Migration als besonders problematisch, was auf eine Konkurrenzsituation zwischen verschiedenen Zuwanderungsgruppen hinweisen könnte.

Eine Nachwahlbefragung zur Bundestagswahl 2017 hatte ergeben, dass 15 Prozent der russlanddeutschen Wähler die AfD gewählt hatten, bei einem Gesamtergebnis der Partei von damals 12,6 Prozent. Seitdem sei der Zuspruch zur AfD in der Gesamtbevölkerung gewachsen, und es wird angenommen, dass dies auch bei den Russlanddeutschen der Fall ist. Dennoch weist Panagiotidis darauf hin, dass der Zuspruch zur Linkspartei oder zuletzt zum BSW bei Russlanddeutschen noch höher war als zur AfD – ein Aspekt, der oft übersehen werde.

„Nicht der Faktor, der diese Partei groß macht“

Insgesamt zeigt sich, dass die Russlanddeutschen zwar eine bedeutende Wählergruppe für die AfD darstellen, jedoch nicht der entscheidende Faktor für den Erfolg der Partei sind. „Für die Community sind diese Tendenzen natürlich bedenklich, im Gesamtbild waren und sind sie aber nicht der Faktor, der diese Partei groß macht“, resümiert Panagiotidis.

In den 1990er Jahren war noch die CDU die bevorzugte Partei der Russlanddeutschen. Sie hätten aus Dankbarkeit gegenüber Helmut Kohl, unter dessen Regierung sie in die Bundesrepublik aussiedeln konnten, und aufgrund geteilter konservativer Werte ihre Stimme der Partei gegeben. Doch diese Loyalität hat sich im Laufe der Jahre verändert. Eine aktuelle Studie des ZOiS in Berlin zeigt, dass insbesondere die jüngere Generation der Russlanddeutschen kaum noch die CDU wählt. „Stattdessen hat ein Diversifizierungsprozess stattgefunden, bei dem Russlanddeutsche inzwischen alle Parteien wählen. Ein bemerkenswerter Teil der ehemaligen CDU-Wähler sei jedoch nach rechts zur AfD abgewandert“, analysiert Panagiotidis.

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