Lübeck Früherkennung Prostatakrebs: Warum Männer die 35 Euro laut Experten investieren sollten
Prostatakrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Ausgerechnet hier gibt es ein Politikum, wenn es um die Früherkennung geht. Fachmediziner sprechen sich für einen Bluttest als Kassenleistung aus, die Regularien dagegen. Experten erklären, warum Patienten die Untersuchung selbst bezahlen sollten.
Von Männern heißt es oft, sie seien „Vorsorgemuffel“, wenn es um Prostatakrebs geht. Ab 45 Jahren steht ihnen jährlich ein Termin zur gesetzlichen Früherkennung zu, mit Untersuchung der Geschlechtsorgane, der Lymphknoten in der Leistengegend und einer Tastuntersuchung im Enddarm.
Professor Axel Merseburger, Direktor der Klinik für Urologie am Uniklinikum Schleswig-Holstein, am Campus Lübeck, bestätigt, dass viele Männer zu spät, „oft erst mit 75 Jahren“, zur Untersuchung gehen.
Dabei trifft Prostatakrebs etwa jeden fünften Mann in Deutschland. Für die Jahre 2004 bis 2019 verzeichnete das Krebsregister Schleswig-Holstein eine Fallzahl von 48.700. Allein 2023 gab es im Norden fast 2600 Neuerkrankungen, vor allem bei Männern ab Mitte 60. Doch über 90 Prozent der Erkrankten sind nach fünf Jahren noch am Leben, eine rechtzeitige Diagnose verbessert die Heilungschancen.
Um Vorsorge gehe es dabei nicht, betont Merseburger, „die ist bei Prostatakrebs nicht möglich. Hier geht es um Früherkennung“, einer möglichen Krebserkrankung im frühestmöglichen Stadium auf die Spur kommen.
Der Mediziner nennt zwei Argumente, sich rechtzeitig um Termine zu kümmern und diese auch regelmäßig wahrzunehmen: Zunächst seien die Chancen auf Heilung bei Prostatakrebs recht hoch – sofern er rechtzeitig erkannt werde. Außerdem wachse Prostatakrebs relativ langsam. „Solange er noch nicht gestreut hat und früh genug erkannt wurde, sind noch Wochen und Monate Zeit, sich beraten zu lassen.“ Das betreffe auch die Behandlung mit Bestrahlung oder Operation
Allerdings, heißt es auch von der Krankenkasse Barmer, wird nur ein Drittel der Karzinome durch das Abtasten entdeckt. Seit Jahren wird diskutiert, die bei vielen Patienten ungeliebte digital-rektale Untersuchung (DRU) – wobei der Arzt mit dem Finger nach auffälligen Veränderungen tastet – durch eine Kassenleistung zu ergänzen: einen Bluttest zur Bestimmung der Werte des prostataspezifischen Antigens (PSA). In der Prostata wird dieses Eiweiß gebildet, um die Spermien in der Samenflüssigkeit beweglicher zu machen.
Den Bluttest gibt es zurzeit nur als „Igel“, als individuelle Gesundheitsleistung, und muss vom Patienten selbst gezahlt werden. Doch die 25 bis 35 Euro dafür seien gut investiert, findet Dr. Thomas Quack, Landesvorsitzender des Berufsverbandes der deutschen Urologie.
Der Mediziner klärt auf, „was oft verwechselt wird“: PSA sei kein Tumor-, sondern ein Organmarker. Das heißt, dass ein Befund nicht unbedingt auf Krebs hinweisen muss – aber kann.
Die Deutsche Prostatahilfe zählt auf, was den PSA-Wert erhöht:
Merseburger spricht sich dafür aus, den PSA-Wert bestimmen und im Falle eines auffälligen Befundes eine Aufnahme mit Magnetresonanztomografie (MRT) machen zu lassen, gegebenenfalls eine Biopsie. Das Abtasten hält der Klinikchef dennoch für unverzichtbar: nicht nur, um Veränderungen wie Tumore zu ertasten, die auf Prostatakrebs hinweisen, sondern auch auf andere Karzinome wie Enddarmkrebs sowie auf Entzündungen oder Hämorrhoiden.
Das Problem, erklärt sein Fachkollege Thomas Quack: Bis genau feststeht, was den PSA-Wert erhöht, schwebt der Patient in Ungewissheit. Um aber Krebs befunden oder ausschließen zu können, ermutigt er dazu, diese emotionale Belastung in Kauf zu nehmen. Der Arzt weiß, dass viele seiner Patienten die Früherkennung aus Angst vor einem Krebsbefund scheuen, trotz der guten Heilungschancen.
Quack hält den PSA-Wert für einen wichtigen Baustein in der Früherkennung und ist dafür, den Test als Kassenleistung aufzunehmen. „Aber das ist ein Politikum“, sagt der Arzt.
Der Gemeinsame Bundesausschuss, ein Gremium aus Ärzten und Kostenträgern wie den Kassen, hatte Ende 2020 klar Position bezogen. Und die gelte nach wie vor, bestätigt eine Sprecherin. Auf Antrag der Patientenvertretung war eine Methodenbewertung durchgeführt worden, ein Verfahren, das über zwei Jahre läuft.
Das Ergebnis des beauftragten Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Der Schaden durch falsch-positive Ergebnisse und Überdiagnosen sei höher als der Nutzen. So würden Prostatakarzinome entdeckt, „die etwa aufgrund eines sehr langsamen Wachstums bei älteren Männern eigentlich nicht hätten behandelt werden müssen“.
Auf Basis dieser Entscheidung ist der PSA-Test keine Kassenleistung wie in einigen anderen europäischen Ländern. Eine Änderung kann es dann geben, bestätigt die Sprecherin, sobald wieder ein Antrag erfolgt: etwa von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung oder dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen. Dann beginnt das aufwendige Prüf-Prozedere erneut, zu dem mehrere Studien ausgewertet werden.
Verbände wie die Deutsche Prostatahilfe fordern neue Strategien zur Früherkennung, anstatt sich nur auf die unsichere Tastuntersuchung zu verlassen und verweisen auf die noch laufende „Probase-Studie“: ein Screening, an dem rund 45.500 Männer im Alter von 45 Jahren teilnehmen. Durch PSA-Tests wurden viermal mehr Prostatakarzinome gefunden als nur durch Tasten.
Im Rahmen der Studie zeigten MRT-Bilder, dass 80 Prozent der Tumore, die leicht mit dem Finger des Arztes zu erreichen waren, nicht durch Tasten zu erkennen waren. Gerade bei jüngeren Männern waren die Veränderungen noch zu klein – in einem Stadium, in dem die Heilungschancen besonders groß sind.
Auch das IQWiG hatte 2020 in seiner Bewertung auf diese Studie hingewiesen und lässt hier eine Türe offen: „Bei entsprechenden Ergebnissen“ könne erneut ein Beratungsantrag gestellt werden, um die Bestimmung des PSA-Wertes in die Früherkennung des Prostatakrebses einzubeziehen.