Osnabrück Wenn Ivo ins Manöver zieht - Der neue Münchener "Tatort: Charlie" probt den Ernstfall
Im neuen Münchener "Tatort: Charlie" müssen Batic und Leitmayr einen Mord an zwei zivilen Statisten während einer NATO-Übung aufklären. Die Dreharbeiten fanden unter realistischen Bedingungen auf dem realen Truppenübungsplatz in Hohenfels statt.
Grausamer Fund an der Isar. Zwei Wassersportler entdecken eine Frauenleiche, die offenbar post mortem nachträglich in ein derangiertes Militärfahrzeug gesetzt wurde. Das Gefährt stammt vom Gelände einer nahe gelegenen Army Base, wie die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) schnell herausfinden. Das Mordopfer hatte sich als „Civilian on the Battlefield“, als zivile Teilnehmerin für ein aktuelles NATO-Manöver verpflichtet.
Ein weiterer Leichenfund auf dem Übungsgelände droht dann, das anstehende Manöver platzen zu lassen. Aber das wäre allein schon aus ermittlungstechnischen Gründen gar keine so gute Idee. Denn der Täter, da sind sich die Ermittler einig, muss unter den rund 6400 Teilnehmern des Manövers zu finden sein. Schließlich darf niemand das Gelände verlassen, solange die Übung läuft. Kurzentschlossen mischt sich Batic undercover unter die „Civilians on the Battlefield“ und beginnt seine „Embedded Investigation“ – natürlich als ziviler Polizist in Uniform.
So ungewöhnlich Batics Ermittlungsmethode erscheint, so ungewöhnlich waren auch die Dreharbeiten zu diesem Münchener „Tatort: Charlie“, die an Originalschauplätzen des weitläufigen Truppenübungsplatzes in Hohenfels stattfanden. Da sind spektakuläre Bilder vorprogrammiert, die ansonsten das Budget einer jeden „Tatort“-Episode bei weitem gesprengt hätten. Aber die starken Bilder sind kein Selbstzweck. Hinter dem Krimi steckt eine vielschichtige Geschichte, die nicht nur viel über militärischen Alltag erzählt, sondern auch die Rolle und das Leid der Zivilbevölkerung in jedem Krieg beleuchtet.
So freundet sich Batic im Laufe seiner versteckten Ermittlungen mit Mila Topic (Dorka Gryllus) an. Die Frau kann nicht nur wertvolle Hinweise zu potenziellen Verdächtigen und den sozialen Strukturen im Lager geben. Genauso wie Batic stammt sie auch aus dem ehemaligen Jugoslawien, wo sie den Krieg mit all seinen Brutalitäten, Vergewaltigungen inklusive, miterleben musste. Ein Trauma, das sie bis heute nicht überwunden hat. „Der Krieg ist an mir hängengeblieben“, begründet Topic ihre regelmäßige Teilnahme als Zivilistin an Militärübungen. Und ihre Einstellung gegenüber allen Männern im Übungslager ist nachvollziehbar negativ. Im Krieg, so ihre Erfahrung, sind alle Soldaten Vergewaltiger.
Es sind seltene wie authentische, mitunter dokumentarisch wirkende Einblicke in die fremde, seltsame Welt der Militärs, die Regisseur Lancelot von Naso nach dem Drehbuch von Dagmar Gabler hier gelingen. Während Batic undercover unterwegs ist, ermittelt Leitmayr an der Seite von Military Police Officer Jennifer Miller (Yodit Tarikwa), einer hochschwangeren Militärpolizistin. Am Ende eskaliert die Mörderjagd in einem bildgewaltigen Kriegsspiel, das alle Grenzen verwischen lässt.
Wie kommt man auf die Idee, einen Krimi in so einer Kulisse spielen zu lassen? Für Drehbuchautorin Gabler steckt dahinter eine ganz persönliche Erfahrung. Vor neun Jahren hatte sie sich dazu entschlossen, während eines NATO-Manövers selber als „Civilian on the Battlefield“ teilzunehmen. Eine einschneidende Erfahrung, auch wenn dort der Ernstfall „nur“ geübt wurde. Aber es ging und geht ihr um mehr.
„In Manövern wird Krieg geübt“, sagt sie in einem Pressestatement. Und dabei gehe es um Herrschaft. Nicht nur um Herrschaft über ein Land oder ein Gebiet, sondern auch um „Herrschaft über dessen Frauen“, wie sie betont. „Vergewaltigungen werden geduldet, oder sind sogar Strategie. Und auch wo Krieg nur geübt wird, finden sich nicht nur fitte Typen, Tugenden und Kameradschaft, sondern auch narzisstisch gekränkte Männer und ein offenbar nicht auszurottender Frauen-Hass – wichtige Motive in „‘Tatort: Charlie‘“.
„Tatort: Charlie“. Das Erste, Sonntag, 02. März, 20.20 Uhr und in der ARD Mediathek.