Osnabrück  Was gegen den Antisemitismus in der Kultur wirklich helfen würde

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 02.03.2025 15:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Seltene Geste im Kulturbetrieb: Die Schauspieler Christian Berkel , Andrea Sawatzki, Ulrich Matthes, Martina Gedeck und Tricia Tuttle erinnern zur Eröffnung 75. Internatonalen Filmfestspiele Berlin an das Schicksal der in Gaza festgehaltenen israelischen Geiseln. Foto: imago/Eventpress
Seltene Geste im Kulturbetrieb: Die Schauspieler Christian Berkel , Andrea Sawatzki, Ulrich Matthes, Martina Gedeck und Tricia Tuttle erinnern zur Eröffnung 75. Internatonalen Filmfestspiele Berlin an das Schicksal der in Gaza festgehaltenen israelischen Geiseln. Foto: imago/Eventpress
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Berlin geht mit der ersten Beratungsstelle gegen Antisemitismus in der Kultur voran. Die neue Stelle soll Juden gegen Ausgrenzung und Angriffe unterstützen. Aber droht mit staatlicher Reglementierung nicht auch ein Eingriff in die Kunstfreiheit?

Sie werden angefeindet und geschnitten, auch dort, wo Toleranz das oberste Gebot sein sollte. Juden haben es, gelinde gesagt, auch in der Kultur nicht leicht. Wo es um den freien Austrag von Differenz und neuer Sicht auf die Gesellschaft gehen sollte, regieren spätestens seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag des Massakers der Hamas an Juden in Israel, wieder alle Hässlichkeiten der Diskriminierung, die zu den angeblich schönen Künsten so gar nicht passen sollten.

Jetzt soll eine Beratungsstelle Abhilfe schaffen. Mit „Open Arts Hub Berlin“ etabliert Berlin die erste Stelle dieser Art im Bundesgebiet. Hoffentlich geht das gut, möchte man spontan sagen. Berlins Kultursenator Joe Chialo hat bereits eine Antisemitismusklausel zurücknehmen müssen, die er in Förderbewilligungen schreiben lassen wollte.

Sicher, für Diskriminierung und Antisemitismus darf es keinen Platz geben, erst recht nicht in der Kultur. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Schon die Documenta fifteen lieferte 2022 mit antisemitischen Bildmotiven das traurige Musterbeispiel. Die Boykottbewegung BDS hat unter Schauspielern und Kuratoren, Autoren und Professoren bestürzend viele Anhänger.

In die Kritik an der Politik des Staates Israel mischen sich antisemitische Töne. Ist das wieder schick, ausgerechnet bei Kulturleuten, die sich für aufgeklärt und tolerant halten? Wie peinlich.

Joe Chialo geht mit der neuen Beratungsstelle zu recht in die Offensive. Juden sollen Rückhalt erfahren, sie müssen sich sicher fühlen können. Zugleich erneuert das neue Angebot genau jenes Dilemma der Roten Linien gegen Diskriminierung. Droht der Kunstfreiheit kein Schaden, wenn öffentliche Stellen in Produktionen und Arbeitsweisen eingreifen?

Auf diese Frage gibt es keine letzte Antwort. Es gibt nur einen Rat an Kulturmacher. Sie sollten aufhören, Aktivisten sein zu wollen. Wer die politische Parteinahme über die Kunst stellt, trägt Konflikte der Weltanschauungen in den Kulturbetrieb. Kulturmacher sollten sich neu verbünden – für die Kunst und jene Offenheit und Toleranz, die sie fordert. Dann bräuchte es manche Beratungsstelle vielleicht gar nicht erst.

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