Emder Stadtbild Nackte Frauen als Deko und Kunst – warum eigentlich?
Sind nackte Frauen einfach schöner als nackte Männer? Oder warum sieht man auch in Emden nackte Frauen als Deko und Kunst, nackte Männer aber sucht man vergebens? Ein paar Denkanstöße.
Emden - Kinder stellen oft die wichtigen Fragen: Beim Spaziergang mit dem Neffen auf der Hahn‘schen Insel vor der Kunsthalle in Emden schauten wir uns die Skulpturen an. Drei nackte Frauen und abstrakte Kunst. Wir philosophierten darüber, was wohl entlang der neuen Kunstpromenade aufgestellt wird. „Stehen da dann nackte Männer?“, fragte der Siebenjährige. Stimmt, warum eigentlich nicht? Ganz kindlich und naiv gefragt: Warum sieht man keine Abbildungen von nackten Männern im Stadtbild? Sind nackte Frauen einfach schöner als nackte Männer?
Das ist natürlich Quatsch. Wir haben vor der Skulptur „Maja“ mit Kristin Schrader, Kuratorin bei der Kunsthalle, gesprochen. Sie erklärt, dass es im Laufe der Kunstgeschichte immer wieder einen anderen Umgang mit Nacktheit gab. In der griechischen Klassik waren die jungen Männer meist nackt dargestellt, die Frauen leicht bedeckt. Die Nacktheit der Männer sollte zeigen: Wir sind stark, gesund und kampfbereit. Die Herangehensweise änderte sich bei Venus-Statuen.
„Es ist sehr gut, dass sie hier prominent steht“
Die Liebesgöttin Venus ist meist nackt und erotisch dargestellt. Die nackte Gestalt wird zur Projektionsfläche für das Begehren der Männer. Frauen sind dabei meist passive Objekte. Ihr Wert liegt darin, vom Mann betrachtet zu werden. Es ist eine sehr männlich geprägte Kunstgeschichte, erklärt Kristin Schrader. „Das kann man auch hier feststellen“, sagt sie mit Blick auf die drei nackten Frauenskulpturen vor der Kunsthalle. „Maja“, das ist die stehende Nackte, wurde vom Künstler Gerhard Marcks 1942 nach dem Vorbild seiner jüngsten Tochter geschaffen und noch idealisiert, also besser dargestellt als das Original. Seine 21-jährige Tochter Ute stand ihm für die Skulptur Modell. Aus heutiger Sicht eher ungewöhnlich?
Kristin Schrader betont die Sammlungsgeschichte von Stifter Henri Nannen und den Bildungsauftrag der Kunsthalle. An der „Maja“ und den anderen beiden Skulpturen ist demnach nicht zu rütteln. Das soll ja auch nicht. „Es ist sehr gut, dass sie hier prominent steht“, sagt die Kuratorin mit Blick auf „Maja“. Gleichzeitig erklärt sie, dass heutzutage nicht nur der männliche Blick, sondern auch der weibliche in den Ausstellungen behandelt werde – beispielsweise in der Ausstellung „Hier bin ich. Künstlerinnenselbstporträt“ oder durch mehr Künstlerinnen allgemein im Programm, aktuell „Leiko Ikemura. Floating Spheres“. Und was ist mit der Kunstpromenade? Mehr Nacktheit?
„Ob es nackt weitergeht, wissen wir nicht“
Aktuell wird noch nach einer neuen künstlerischen Leitung für die Kunsthalle gesucht. Diese wird gemeinsam mit der Stadt, deren Projekt die Promenade ja ist, die Kunst auswählen, erklärt Kristin Schrader. Wäre sie Leiterin, würde ihr zum Beispiel ein Werk von der Londoner Künstlerin Tracey Emin gefallen. In der Nähe des Osloer Munch-Museums steht eins von Emins Werken, eine neun Meter hohe Statur namens „Moren“, also Mutter.
Die kniende Frauen-Darstellung ist deformiert und dadurch berührend wie provokant zugleich. „Das Körperbild ändert sich“, sagt Kristin Schrader. Klar ist aber: Kunst im öffentlichen Raum kann ein Lächeln verursachen, eine Erinnerungsfunktion haben oder eine Diskussion provozieren. „Ob es auf der Kunstpromenade aber nackt weitergeht, wissen wir nicht“, sagt die Kuratorin. Aber Nacktheit gibt es in Emden nicht nur auf der Hahn‘schen Insel, sondern auch im Restaurant Leckerpott am Delft.
Die Galionsfigur im Leckerpott – warum eigentlich?
Im Restaurant Leckerpott, ein Angebot des Inklusionsbetriebs Agilio, begrüßt eine barbusige Galionsfigur die Gäste. Stark geschminktes Gesicht, dünnste Taille – und dazwischen die recht prominente Oberweite. Nackte Frauen als Deko: auch heutzutage nichts Ungewöhnliches? Dieter Peters, Geschäftsführer von Agilio, erklärt, dass sie seit Eröffnung vor fünf Jahren „durchweg positive Rückmeldungen erhalten“ hätten zu der historischen Galionsfigur aus dem 17. Jahrhundert. Die Frage ist doch: Würde statt der barbusigen Nixe dort eine Männerfigur mit – sagen wir mal – nacktem, erotisch herausgestrecktem Hintern hängen, denn die männliche Brust ist gesellschaftlich nicht gleichzusetzen mit der weiblichen, würde der ein oder andere Gast dann sagen: „Muss das eigentlich sein?“
Sind wir nicht so an beiläufige weibliche, oft erotische, oft objektifizierende Nacktheit – in der Werbung, bei Social Media – gewöhnt, dass wir uns kaum fragen: Warum eigentlich? Würde uns in einem Restaurant aber ein nackter Männer-Hintern begrüßen, würden wir uns da wundern? Warum ist das überhaupt wichtig? Gaby Philipps schreibt uns auf Nachfrage zum Thema „Frauen als Objekte“: „Die Art und Weise, wie Frauen in der Kunst, aber auch in Filmen, Werbung, Social Media und im öffentlichen Raum dargestellt und dann auch wahrgenommen werden, hat aus meiner Sicht deutlichen Einfluss auf unsere Wahrnehmung von Geschlechtern und Geschlechterrollen und damit in Bezug auf die Gleichstellung von Frauen und Männern eine hohe Relevanz.“
Frauen sind weit entfernt von Gleichstellung
Philipps differenziert dabei „zwischen Kunst(werken), die dann auch vom Begriff der Kunstfreiheit aus dem Grundgesetz abgedeckt ist, und der Darstellung von Frauen ‚als Dekoration‘“. Die Darstellung von Frauen als dekorative, passive Objekte stehe oftmals in starkem Kontrast zur Darstellung von Männern, die häufig in aktiven, beruflichen oder heroischen Rollen gezeigt werden, erklärt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Emden. „Dies spiegelt aus meiner Sicht nicht nur tradierte Geschlechter- und Rollenbilder wider, sondern beeinflusst bewusst oder auch unbewusst, welche Positionen und Rollen Frauen und Männer immer noch in unserer Gesellschaft zugeschrieben werden“, so Philipps.
Nicht nur am Weltfrauentag, der an diesem Samstag, 8. März 2025, ist, sei es wichtig, die Darstellungen und Muster dahinter zu hinterfragen, tradierte Geschlechterrollen aufzubrechen und darauf aufmerksam zu machen. Denn Frauen sind noch immer nicht gleichberechtigt, gleichgesehen und gleichbehandelt. Sexismus ist allgegenwärtig – ob beiläufig und unbewusst oder sehr gezielt. Jede Frau kann über Blicke, Sprüche und zum Teil auch Übergriffe berichten. Frauen müssen sich auch heutzutage immer noch ganz anders behaupten, rechtfertigen und durchkämpfen als Männer, um nicht unterzugehen.
Viel öfter die Frage stellen: Warum eigentlich?
Am Freitag, 7. März, war „Equal Pay Day“, der die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern symbolisiert. Im Jahr 2023 haben Frauen noch 18 Prozent weniger verdient als Männer. Gute Nachricht: Im Jahr 2024 waren es „nur“ noch 16 Prozent. Darin nicht enthalten, ist die viele unbezahlte Arbeit, die Frauen neben ihrem Job noch leisten: Erwerbstätige Frauen verbringen im Durchschnitt knapp 30 Stunden pro Woche mit unbezahlter Arbeit, also im Haushalt, mit der Pflege der Angehörigen und dem Kümmern um Kinder. Bei Männern sind es knapp 21 Stunden, heißt es vom Statistischen Bundesamt. Der Dank für viele Frauen, die für Kinder und Haushalt in Teilzeit gehen: geringe Aufstiegschancen im Beruf und Altersarmut.
Die Statistik zeigt noch andere Gesichter von Frauenfeindlichkeit auf: 40 Prozent der Frauen in Deutschland haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt. 13 Prozent haben seit dem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexualisierter Gewalt erfahren. 42 Prozent waren von psychischer Gewalt betroffen. Jede Vierte hat Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt. Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau ermordet, in den meisten Fällen (mehr als 80 Prozent) von einem Partner oder Ex-Partner. Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind. Man spricht von Femiziden, nicht von Beziehungstat, Familiendrama, Liebes-Tragödie.
Denn: Es sind keine Einzelfälle, keine Ausreißer. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, eine Folge patriarchaler Denkmuster und Strukturen. Wenn Männer Frauen töten, ist es die extremste Form der Unterdrückung, der Machtausübung, des Mundtotmachens. Aber schon in kleinen, scheinbar harmlosen Dingen ist der Mechanismus des Kleinhaltens, des Stillhaltens, der Frauenfeindlichkeit zu erkennen, wenn man genau hinsieht. Daher viel öfter die laute Fragen: Warum eigentlich? Und: Wie geht es weiter?