Schleswig-Holstein  Darmkrebs bei Jüngeren: Risikofaktor ist die Wirtschaftswunder-Diät

Margitta True
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Von Margitta True
| 17.03.2025 15:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Fetter Schweinebraten mit Sauce: nach den kriegsbedingten Hungerjahren über lange Zeit Sonntagsritual in deutschen Familien. Foto: www.imago-images.de/ CHROMORANGE
Fetter Schweinebraten mit Sauce: nach den kriegsbedingten Hungerjahren über lange Zeit Sonntagsritual in deutschen Familien. Foto: www.imago-images.de/ CHROMORANGE
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Umweltfaktoren und die moderne Ernährung der Wohlstandsgesellschaft erhöhen die Darmkrebsrate bei Jüngeren. Zwei Experten aus Kiel nennen weitere Risikofaktoren und empfehlen die Essgewohnheiten unserer frühen Vorfahren.

Darmkrebs ist bundesweit die zweithäufigste Tumorerkrankung bei Frauen und die dritthäufigste bei Männern. Weltweit, so Professor Roland Repp vom Städtischen Krankenhaus in Kiel, steige die Zahl der Darmkrebs-Fälle bei Menschen unter 50 Jahren.

Dabei handle es sich, so der Onkologe, immerhin um ein bis zwei Prozent pro Jahr: „In zehn Jahren eine zehn Prozent höhere Inzidenz, das ist schon ein Punkt.“

Gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Sebastian Ullrich, ebenfalls Chefarzt am Städtischen Krankenhaus, klärt Repp auf: Jüngere erkranken durch Umwelt- und Klimafaktoren, aber vor allem durch Lebensgewohnheiten und mangelnde Vorsorge.

Bösartige Tumore können aus dem erblichen Lynch-Syndrom entstehen. Ullrich: „Wenn Angehörige ersten Grades vor dem 50. Lebensjahr erkrankt sind, dann gilt auch für die direkt Familienangehörigen eine verfrühte Empfehlung zur koloskopischen Vorsorge.“ Wenn bei dieser Darmspiegelung etwas gefunden werde, so der Gastroenterologe, würden auch die genetischen Faktoren überprüft.

Aber nur jeder fünfte Fall bei unter 50-Jährigen, schätzt dazu Roland Repp, habe einen genetischen Hintergrund. Umso wichtiger sei die Vorsorge. Bei der gescreenten Bevölkerung, die regelmäßig an der gesetzlichen Darmkrebs-Vorsorge teilnimmt, werde der Krebs „oft sehr früh“ erkannt. Bei jenen, die nicht teilnehmen, „oft sehr spät“.

Dazu nennen die Ärzte aber zwei Probleme: Zum einen sei für Jüngere unter 50 Jahren gar kein Screening vorgesehen. Zum anderen würden die Anzeichen oft nicht ernst genommen.

„Die Darmwand tut bei Krebs nicht weh, aber das Bauchfeld drumherum“, erläutert Ullrich. Je nachdem, wo der Krebs sitze und das Bauchfell erreiche, verursache er dann auch Schmerzen. Allerdings komme es vor, dass sich Patienten an diese Beschwerden gewöhnen und nicht als Alarmzeichen wahrnehmen: „Das ist ein gefährlicher Effekt.“

Dreh- und Angelpunkt in der Vorsorge sei das Mikrobiom, die Zusammensetzung winziger Lebewesen auf der Darmschleimhaut. Sie gelte es in ihrer Vielfalt zu erhalten, sagen die Ärzte und empfehlen:

Bei den Nahrungsgewohnheiten legen die Mediziner nahe, sich an das zu halten, was unsere Vorfahren vor langer Zeit zur Verfügung hatten. Daran sei der Körper noch immer gewöhnt: wenig Fleisch, viel Getreide – „höchstens grob gemahlen und dann gekocht“ – keine hoch prozessierten, also stark verarbeiteten Lebensmittel.

Die Strukturen der Eiweiße in der Ernährung seien „komplett anders“ gewesen, sagt Ullrich, mit viel mehr pflanzlichen Proteinen. „Tierische Proteine und Fette waren Seltenheiten.“ Die Forderung des Mediziners: „Da müssen wir ein Stück weit wieder hinkommen, damit die Wirtschaftswunder-Diät langsam wieder in vernünftigere Bahnen zurückgeht.“ Und weg von kurzkettigen Kohlenhydraten.

Um ihre Ernährung aufzuwerten, greifen viele Menschen zu probiotischen Joghurt-Drinks „In der Regel ist das eine bestimmte Bakterienart“, erklärt Repp dazu, „zum Beispiel Laktobazillen, und die in großer Menge“. Dadurch werde die breite Vielfalt der Bakterien im Darm aber eher geringer. „Deswegen kann das nachteilige Folgen haben, denn scheinbar ist die Diversität des Mikrobioms ein Schlüssel.“

Die Experten nennen weitere Faktoren, die die Entstehung von Darmkrebs begünstigen können.

Mikroplastik, mittlerweile allgegenwärtig und nun auch in Trinkwasser gefunden: Sind die Nanopartikel ein Risikofaktor für Darmkrebs? „Es gibt wenige Daten dazu“, sagt Ullrich, „aber im Tiermodell und bei Menschen hat man einen möglichen Zusammenhang mit der Entstehung von Tumoren in Magen und im Darmtrakt gefunden“. Dies seien zwar nur Beobachtungsstudien, „aber trotzdem, das ist ein Hinweis“.

Repp zählt einen weiteren Punkt auf, der bei der Zusammensetzung des Mikrobioms eine Rolle spielt: den Einsatz von Antibiotika, vor allem bei jungen Menschen, zum Beispiel wegen Erkältungen: „Wir wissen, dass Antibiotika das Mikrobiom verändern können und dass das negative Konsequenzen haben kann.“

Und wie wirkt Alkohol auf die Schleimhäute, etwa im Darm? „Alkohol ist toxisch“, stellt Ullrich fest. Es sei daher nicht möglich, Mindestmengen zu nennen, die schaden. „Jeder, der Alkohol konsumiert, weiß, wie sich die Verdauung dadurch verändert. Das sind Veränderungen des Mikrobioms.“

Rauchen, machen beide Chefärzte klar, sei ein systemischer Treiber früher Krebserkrankungen. „Systemisch, weil es im ganzen Körper wirkt.“ Dazu gehöre auch das Passivrauchen. „In Deutschland wird immer noch Werbung für Tabak gemacht“, kritisiert Ullrich. Dabei steige hier die Quote der unter 16-jährigen Neuraucher, im Gegensatz zum restlichen Europa: „Da haben wir noch einen langen Weg vor uns.“

Was Krebs ebenfalls begünstigt: „Überall, wo chronische Entzündungen sind, gibt es viel Zellumsatz“, erklärt Ullrich. „Wo aber viel Zellumsatz ist, gibt es auch Mutationen und dort entstehen möglicherweise Tumore. Das ist aus jeder Körperecke bekannt.“

Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen wie Colitis Ulcerosa würden daher engmaschig kontrolliert. Ebenso Menschen mit der Autoimmunerkrankung Zöliakie. Sie sollten, rät Ullrich, strikt ihre glutenfreie Diät einhalten, um Entzündungen zu vermeiden: „Selbst, wenn sie gar nicht so viele Beschwerden haben.“

Auch Bauchfett verursache entzündliche Prozesse wie die Gefäßerkrankung Arteriosklerose. Repp dazu: „Adipositas gibt es heute weltweit in einem Maß, wie wir es noch nie hatten“.

Repp betont die Bedeutung der Früherkennung. „Die allergrößte Mehrheit der Tumorerkrankungen betrifft Menschen, die nicht oder nicht regelmäßig vorgesorgt sind“, sagt Repp. Daher begrüße er die Diskussion, wie in den USA die Darmkrebs-Vorsorge auf das Alter von 45 Jahren vorzuverlegen. Die dort etablierten Bluttests lehnt er jedoch ab: Damit seien Krebsvorläufer schwer zu erkennen, „das gibt falsche Sicherheit“.

Vielversprechender sei eine spanische Studie zu einem Stuhltest, der möglicherweise Darmspiegelungen teilweise überflüssig machen könnte – die Koloskopie sei nach wie vor eine Hemmschwelle für viele: „Dann könnten wir mehr Menschen in die Vorsorge bekommen. Es warten alle gespannt auf diese Daten.“

Beide Mediziner appellieren, sich schon frühzeitig umzustellen auf eine gesunde Lebensweise. Und: Ärzte müssten sensibilisiert werden, auch bei jungen Menschen genauer hinzuschauen, wenn sie unter Bauchschmerzen leiden. Professor Roland Repp abschließend: „Lebe gesund und zufrieden und mach deine Vorsorge.“

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